Jakob Arjouni gilt neben Jörg Fauser als einer der wenigen Schriftsteller Deutschlands, denen eine Adaptation des amerikanischen ‚hard boiled‘-Genres auf deutsche Verhältnisse. In seinen Kriminalromanen um den Deutsch-Türken Kemal Kayankaya faszinierte Arjouni mit einer Mischung aus Sozialromantik und bewusst überzogenen Männlichkeitsritualen. Vor ein paar Jahren wagte sich der Autor mit dem Roman Magic Hoffmann auf das Terrain der ‚coming of age‘-Story – ein gelungenes und tieftrauriges Porträt eines Verlierers, der in einer grausamen Welt seinen Platz sucht. Sein kurzer Erzählband Freunde festigte nur noch die Gewissheit, dass Arjouni auch außerhalb des Krimigenres seine melancholischen Großstadtporträts gekonnt in Szene setzen konnte.
Gestresste Fee als Leitmotiv
Nun veröffentlicht er eine Sammlung von Kurzgeschichten, die er als Märchenzyklus bezeichnet und die durch ein Leitmotiv – den Auftritt einer gestressten und überforderten Fee – zusammengehalten werden. Die Idee, Menschen mit den verschiedensten Hintergründen in derselben absurden Situation agieren und sie nach dem einen, alles erfüllenden Wunsch suchen zu lassen, klingt gut, doch Arjounis Ausführung mangelt es oft an zündenden Ideen. Vor allem die erste Geschichte um den friedliebenden Werbeagenturangestellten übertreibt es mit ihrer Larmoyanz. Die Tatsache, dass Wünsche eben gerade nicht erfüllt werden können, weil die Vorstellungen einer Fee zu utopisch für die Härte der Welt sind, mag Arjouni als Aussage intendiert haben, doch relativiert er sein pessimistisches Weltbild, indem er in der letzten Geschichte, die vom Geltungsbewusstsein eines erfolglosen Journalisten handelt, den Anflug eines versöhnlichen Endes zulässt.
Und doch gelingt es dem Autor trotz eines erheblichen Mangels an inspirierten Ideen immerhin, den klassischen Erzählton des Märchens in seine realitätsnahen Erzählungen zu transportieren und die Struktur der Geschichten traditionell nach bekannten Märchenvorbildern zu gestalten. Das wirkt im ersten Moment etwas unbeholfen kindlich, erweist sich letztendlich aber als die wahre Errungenschaft dieses Erzählbandes.
Sascha Seiler
Jakob Arjouni: Idioten. 5 Märchen. Diogenes 2003. Gebunden. 152 Seiten. 14,90 Euro.
ISBN: 3-257-06333-4