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    Sonntag, 20. August 2017 | 05:56

    McSweeney´s Quarterly Concern: San Francisco Panorama

    18.01.2010

    Eine Zeitung als Wunscherfüllungsmaschine

    Die neueste Ausgabe von Dave Eggers’ Literaturzeitschrift McSweeney’s Quarterly Concern kommt als eineinhalb Kilo schweres Zeitungspaket daher. BRIGITTE HELBLING hat sie gelesen.

     

    Gib „I hate Dave Eggers“ bei Google ein und es kommen eine Menge Meldungen von Leuten die sagen: „Was soll ich tun? Ich kann den Kerl einfach nicht ausstehen.“

     

    Feinde schafft sich dieser amerikanische Autor durch anhaltenden Erfolg - bedingt nicht zuletzt durch einen fast manischen Aktionismus. Der hat in den letzten zehn Jahren zum umfassenden Ausbau eines eigenen Verlagshauses, McSweeney’s, geführt, zur Einrichtung von Lese- und Schreibförderungsstätten für benachteiligte Kinder in acht amerikanischen Städten, zum Voice-of-Witness Projekt, das Zeugenberichte gegen Menschenrechtsverletzungen sammelt, und zu einer Handvoll Romanen nach Eggers Bestseller von 2000, Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität.

     

    Wie Eggers es dabei schafft, alles aussehen zu lassen, als folgte sein Handeln einzig und allein dem (sozial engagierten) Lustprinzip, ist ein Rätsel. Aber er (und seine Kumpels) kriegen das hin.

     

    Jüngstes Beispiel dafür ist die aktuelle Ausgabe von McSweeney’s Quarterly Concern.

     

    Retro-Avantgarde rules!

    McSweeney’s Quarterly Concern ist eine Literaturzeitschrift und das Hauptprodukt von Eggers Verlagshauses McSweeney’s, das weitere Zeitschriften und Bücher herausgibt, eine schicke Internetpräsenz aufweist, samt einem gut laufenden IPhone App. Die Literaturzeitschrift gründete Eggers bereits 1998 als Forum für Texte, die keiner sonst drucken wollte (das Konzept hielt nur eine Ausgabe lang). Von Beginn weg galt für die Quarterly Concern vor allem eins: Sie konnte wie alles mögliche aussehen, nur nicht wie eine konventionelle Zeitschrift.

     

    Zur Hauptsache sehen die Ausgaben aus wie ein sehr feines Druckerzeugnis, das man auf dem Dachboden der Großeltern entdeckt hat. Retro-Avantgarde rules! Das Abonnement der letzten Jahre zum Beispiel brachte acht kleine Bücher ins Haus, deren Cover zusammengesetzt ein Bild ergaben, ferner ein Hardcover im Kartonschuber, in dem kleine Fenster ausgeschnitten waren, durch die man den Titel blitzen sah, und querformatige Taschenbücher mit Reiseberichten, orientiert an der Feldlektüre, die an US-Soldaten im zweiten Weltkrieg verteilt wurde, samt einem Manual, wo nächste Kriege geführt werden könnten, falls die aktuellen den USA noch nicht genügen sollten.

     

    Mit der Nummer 33 hat sich McSweeney’s nun selbst übertroffen. Die Zeitschrift kommt in seiner neusten Ausgabe als Zeitung daher, 120 riesige Seiten, zwei zusätzliche Magazine (eins für Bücher, eins mit Reportagen), und ein hinreißender Bastelbogen von Comiczeichner Chris Ware.

     

    Tränentreibende Schönheit

    „San Francisco Panorama“ nennt sich das Ganze. Das Vorhaben erinnert an die Zeit, als man selbst als Kind mit seinem Hobby-Druckset „Zeitungen“ druckte. Die Herangehensweise von Eggers, seinen Ko-Redakteuren, Mitarbeitern und Praktikanten ist natürlich unvergleichlich viel professioneller. Allein schon die Liste der beitragenden Autoren wäre Grund genug, den Stapel Papier (1,5 Kilo auf der Küchenwaage) besitzen zu wollen!

     

    Kein geringerer als Stephen King berichtet im „Panorama“ über die Baseball-World Series 2009, William T. Vollmann schreibt über Goldgräber und Indianer und Michael Chabon über die neue CD-Box von Big Star. Mary Williams (Brothers in Hope) erzählt von Sex in der Antarktis. Die Comic-Beilage enthält unter anderem Beiträge von Art Spiegelman, Dan Clowes, Alison Bechdel und Kim Deitch. In der Food-Beilage verfolgt eine Strecke von 58 Fotos den Weg vom lebenden Lamm zum Lammbraten, außerdem erfährt man von der Foodkolumnistin S.E. Leone, wie sie Tiere, die auf der Straße totgefahren wurden, zubereitet. China Miéville plädiert in der Kunstbeilage für ein Ende der Apokalyptika im Kino, und das Buchmagazin enthält Kurzgeschichten von Roddy Doyle und George Saunders und einen Bericht der Autorin Alia Malek über einen Besuch des FBI in einer ihrer Lesungen („The FBI Thinks I’m Pretty“).

     

    Tränen treibt das „San Franciso Panorama“ denjenigen in die Augen, die den Niedergang der gedruckten Zeitung beklagen, und das mit Recht. So schön, so eigenwillig, so graphisch ausgefeilt, großzügig im Layout und werbungsarm werden Zeitungen nie mehr sein (und waren es vielleicht auch nie). Es gibt sie noch, die guten Dinge!  - aber nur für einen Preis. 16 Dollar kostet das „San Francisco Panorama“, fast dreimal soviel wie etwa die Sonntagsausgabe der New York Times, die zwar weniger groß ist im Format, ansonsten aber durchaus als Vorbild für McSweeney’s buntes Zeitungspaketbündel gesehen werden kann.

     

    Ein Abgesang an das Medium?

    Die beigelegte Entstehungsgeschichte des „San Francisco Panorama“ schildert das Projekt als Wunscherfüllungsmaschine. Das gilt wohl vor allem auch für die beteiligten Layouter und Graphiker. Zeitungen aus aller Welt wurden studiert, die schönsten Elemente aufgenommen und umgesetzt, viel Raum für lange (manchmal zu lange) Texte einberechnet. Ein wenig erinnert das Ganze an ein exaltiertes Fachhochschulprojekt, ein wenig an die ethnographische Wiederbelebung einer aussterbenden Kultur. Und was will das Unterfangen nun darstellen? Die Frage kann sich schon aufdrängen. Eine kreative Hommage an ein Medium? Oder ihr Abgesang, in Szene gesetzt von einer Generation, für die Tageszeitungen nur in Ausnahmen noch zum Alltag gehören?

     

    Das „Panorama“ lesen heißt auch, sich vor Augen führen, was man an einer „richtigen“ Zeitung schätzt (weil es hier fehlt). Das gewachsene Korrespondentennetz zum Beispiel, das handwerklich solide von Politik und Tagesgeschehen berichtet. Der Wirtschaftsteil mit seinen winzigen Zahlenkolonnen und Meldungen, deren Implikationen nur Insider kapieren. Seltsame Kleinanzeigen. Und Todesanzeigen. Beruhigende Nullmeldungen zum Lokalgeschehen. Und die Tatsache, dass in den besten Zeitungen noch immer eine Vielfalt von Stimmen und Themen auf knappstem Raum, hartnäckig und hysterisch, um meine Aufmerksamkeit buhlen.

     

    Am besten ist das „Panorama“ umgekehrt da, wo es Dinge leistet, die keine „richtige“ Zeitung sich erlauben würde – das geschieht meist im Bereich Lifestyle oder Kultur. Eine ganze Seite ist zum Beispiel absurden Hitlisten gewidmet (sonst in McSweeney’s Kulturzeitschrift The Believer zu finden) – von Topsongs in Japan bis zu den meist heruntergeladenen Büchern beim Projekt Guttenberg. Eine andere Seite führt nach Muster von Tanzschritt-Anleitungen vor, wie man zur Band Death Cab for Cutie wird. Im Magazin erzählt im eigenwilligen Memoirenstil ein 28-jähriger, pakistanisch-stämmiger Anwalt, wie er versucht, eine Familie davor zu bewahren, ihr Haus zu verlieren. Und Gemälde statt Fotos! Und die ganzen Federzeichnungen in der World Series-Beilage!

     

    Die schönste Seite? Für mich ist das die „unsolicited advertising section“ (uneingeforderte Werbeseite) von Künstler Tucker Nichols. Rot auf blau, mit dickem Filzer voll gemalt – das sieht dann wirklich aus, als hätte ein Kind versucht „Zeitung“ zu machen.

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