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Peter Schanz: Mitten durchs Land

04.01.2010

Fröhlich vorwärts gehen

Vor einigen Jahren hielt der Autor in seiner beachtenswerten Buchveröffentlichung 87 Tage Blau die Erdumrundung auf einem Containerschiff fest – nun folgt das außergewöhnliche Logbuch eines deutsch-deutschen Grenzgängers. Von INGEBORG JAISER

 

Nein, ein Mangel an Wander- und Reisebeschreibungen herrscht derzeit wirklich nicht. Jeder, der sich einigermaßen auf den Beinen halten kann, scheint sich auf den Weg zu machen – und schreibt auch noch darüber: Ausgebrannte Manager, Redakteure in der Kreativpause oder Komiker in der Rekonvaleszenz. Auch Peter Schanz, Theaterregisseur und Dramaturg, hat sich monatelang allein zu Fuß Mitten durchs Land geschlagen. Doch schon wenige Zeilen seines Reiseberichts zeigen, dass dieser Autor sich wohltuend abhebt von zahlreichen seiner emsigen Wanderkollegen.

 

Auf dem Kolonnenweg durch Deutschland

Mit seinem wallenden Vollbart und dem graumelierten Haupthaar würde Peter Schanz sofort als Mönch durchgehen. So kann man seinem Wanderbericht unbestritten den Untertitel Eine deutsche Pilgerreise abnehmen. Von Regnitzlosau in Oberfranken (wo er aufgewachsen ist) bis hin zur Ostseeküste (wo er heute auf der Insel Fehmarn lebt) ist der Autor 1393 km gelaufen, gekraxelt, gehumpelt. Immer am „K-Weg“ entlang mäandernd, dem Kolonnenweg der ehemaligen DDR-Grenztruppen, einer mit Lochbetonplatten ausgelegten Route, die nur Zyniker neuerdings das „Grüne Band“ taufen konnten.

 

Dabei hat Schanz weitgehend unbekannte Orte mit so kernigen Namen wie Meilschnitz oder Lindewerra, Pfaffschwende oder Fladungen passiert – mal mit Blick von Ost nach West, mal umgekehrt, mal vollkommen die Orientierung verlierend. Er ist desillusionierten, missmutigen Hoteliers begegnet, ignoranten Jugendlichen und einer Unmenge unsäglicher Grenzdenkmäler und Skulpturenparks. Er hat in unwirtlichen Gasthäusern genächtigt („Die Teppichböden in der Nasszelle mag man nur auf Stelzen betreten“), sich an einer geschenkten Papst-Clemens-Mettwurst erfreut und mit einem Trupp der Männernothilfe Erbsensuppe geschlürft. Doch nicht alles lässt sich anstandslos verdauen („… und pünktlich auf Stichwort kommt die Scheißerei. Das waren bestimmt diese backsigen Bio-Schmierereien von gestern Abend und heute Morgen, dieser Fliegenpuff aus selbstgerührtem Kräuter-Dinkel-Dip.“).

 

Tagebuch einer Grenzwanderung

So hat der weitgehend untrainierte Zweizentnermann Schanz keine Mühen und Entbehrungen gescheut, geradeso wie man es von einer Pilgerreise erwartet. Oft ist er mit bandagiertem Knöchel eher gehumpelt als stramm dahinmaschiert. Nicht selten war der Weg zugewachsen, vermoost, untergepflügt („Gut am Alleinwandern ist ja auch, beim Verlaufen sich selbst gegenüber verantwortlich zu sein.“). Und er, der studierte Historiker und Politologe, gestand in einem Interview, dass er es auf seiner Wanderung zunehmend als Pflicht und Aufgabe empfunden habe, „in deutscher Geschichte nachsitzen zu müssen, unerledigte Hausaufgaben endlich abzuliefern“.

 

Doch keine Sorge: Trotz gebeichteter Ernsthaftigkeit sprüht Schanz´ Reisebericht nur so vor Sprachwitz und Situationskomik, vor scharfzüngigen Erkenntnissen und abstrusen Begegnungen. Anekdotenhaft skizziert der Autor groteske Szenerien, wie sie nur ein Theaterregisseur beschreiben kann – und doch blitzt stets eine tiefe Aufmerksamkeit und Herzenswärme durch. Fünf Moleskine-Notizbücher hat er auf seiner Reise gefüllt, zahllose Fotografien geschossen (eine kuriose Auswahl davon ist in der Buchmitte vereint). Nur mit den üblichen Insignien des stolzen Fernwanderers will Schanz sich nicht schmücken. So verschont er den Leser glücklicherweise mit Tageskilometerleistungen, Ausrüstungsdetails oder GPS-Koordinaten. Zurück bleibt das Logbuch einer außergewöhnlichen Wanderung durch ein ländliches Deutschland, das uns exotischer erscheinen mag als die unbekannte Ferne.

 

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