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Henry James: Benvolio

30.11.2009

Verfehlungen beim Durchqueren gesellschaftlicher Irrgärten

Der raffinierte Erzähler Henry James (1843/1916) ist einer der Großen der Weltliteratur. Fünf erstmals auf Deutsch zugängliche Erzählungen sind ein willkommener Anlass, sein Können am Vergnügen zu messen, das sie einem bieten. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Es ist ein ebenso eigenartiges wie verwunderliches Vergnügen, das einem die Lektüre der fünf Erzählungen von Henry James (1843/1916) bereiten, die - erstmals aus dem Amerikanischen von Ingrid Rein übersetzt - unter dem Titel Benvolio jetzt in der Manesse Bibliothek erschienen sind.

Genau genommen sind es nur jene ersten vier Virtuosenstücke, die einander in Aufbau, Konstruktion und Haltung ähneln, während die fünfte und letzte eher konventionell ist: In ihr erinnert sich der aus Neuengland stammende, aber hauptsächlich in Europa (Frankreich und Italien) lebende Erzähler an „Vier Begegnungen” mit einem „reizenden Persönchen“, der zarten, hübschen Miss Caroline Spencer, die gerade gestorben ist.

Aus den vier Begegnungen im Verlauf mehrerer Jahre - zwei in Neu-England, zwei in Le Havre (das wie La Spezia von der Übersetzerin unverständlicherweise seines Artikels beraubt wurde) - entsteht die traurige Geschichte einer einfältigen Person, die bei der Erfüllung ihres Lebenstraums, Europa zu besuchen, nur bis zu der französischen Hafenstadt kommt, wo ihr der verschuldete Cousin, ein verbummelter Maler-Bohemien, ihre Ersparnisse mit einer romantischen Lüge aus der Tasche zieht; und als der Erzähler die sogleich zurückgereiste Miss Spencer nach Jahren wieder in ihrem Zuhause besucht, erfährt er, dass sich bei der mittlerweile verhärmten, allein stehenden Frau eine europäische Parasitin (als Hinterlassenschaft ihres Cousins) eingenistet hat und die weltfremde Gutmütigkeit der glücklosen Europaträumerin aufs Schmählichste ausnutzt.

Experimentelle Gedankenspiele mit Symmetrien

Gegenüber dieser sentimentalen Erzählung sind die vier anderen von anderem Kaliber, besser gesagt: von höchster ästhetischer Brillianz und sardonischem Witz.Die kompositorische Symmetrie (der vier Begegnungs-Orte der fünften Erzählung) ist in den vier anderen noch stärker ausgeprägt, was diesen Erzählungen über Liebe mit dem Ziel der Ehe die dramaturgische Form von experimentellen Gedankenspielen ihres Autors gibt.

Henry James entfaltet seine diffizile Kasuistik eines gesellschaftlich erzwungenen oder gewählten Maskenspiels innerhalb der viktorianisch-großbürgerlichen britisch-amerikanischen Klassen, die sich in ihren eigenen comme-il-faut-Verstellungen verfangen, mit einem psychologischen Raffinement, dessen vielfache Boshaftigkeit (ineins mit James´ analytischem Scharfsinn) seine Gentleman-Helden und Ladys als tragikomische, im Labyrinth der Konventionen Verirrte einem plastisch vor Augen stellt.

Das kann ein reicher amerikanischer „Landschaftsmaler” in der frühesten gleichnamigen Erzählung von 1866 sein, der eine städtische Verlobung aufkündigt, weil er mutmaßt, er werde nur seines Geldes wegen „geliebt”. Inkognito sucht er auf dem Land als mittelloser Maler die „unschuldige” Frau seines Lebens, verliebt sich in die Tochter eines pensionierten Kapitän, heiratet sie - und erlebt „sein Blaues Wunder“.

Denn als er seine Täuschung gestehen will, in dem er ihr sein Tagebuch (in dem wir Leser Zeugen seiner Strategie geworden waren) zur Lektüre anbietet, erfährt er von ihr, dass sie es schon während seiner fiebrigen Erkrankung und ihrer Pflege gelesen hatte. Seine Frau macht ihm die Bilanz auf: „Sie haben mich getäuscht, ich habe Sie getäuscht. Nun, da Ihre Täuschung endet, endet auch meine. Jetzt sind wir frei, mit unseren hunderttausend im Jahr! (...) Jetzt können wir gut und ehrlich und treu sein. Vorher war alle Tugend nur geheuchelt“. Fünf Jahre nur hat der in einen weiblichen Hinterhalt geratene Mann die Eröffnung dieser deprimierenden Wahrheit überlebt.

Es können aber auch (in „Longstaffs Heirat”) zwei junge Amerikanerinnen auf der „Grand Tour” durch Europa sein: die blendend schöne & reiche Diana und ihre mit beiden Vorzügen weniger gesegnete Cousine Agathe. In Nizza, am Strand des „Boulevard des Anglais”, verliebt sich der sterbenskranke & reiche Engländer Longstaff in Diana, die ihn gar nicht bemerkt. Die in ihn verliebte Agathe vermittelt seinen Wunsch, Diana möge ihn, um eines Glücksmoments wegen, als Sterbenden heiraten. Die schnippische Amerikanerin lehnt empört ab, jedoch, nach Hause zurückgekehrt, verfällt sie darüber in eine tiefe, lebensbedrohende Depression.

Ihrerseits todkrank mit Agathe nach Rom gereist, trifft die treusorgende Freundin eines Tages auf Longstaff, den sie - auf Dianas Wunsch hin - an deren Krankenlager bittet, wo ihn nun Diana um den Dienst ersucht, den sie ihm Jahre zuvor abgeschlagen hatte. Longstaff, der sie immer noch liebt, erfüllt ihn ihr nur zu gerne, worauf sie, trotz der inständigen Bitten ihres frisch Angetrauten, mit den Worten: „Es wäre nicht richtig von mir” willentlich stirbt. Agathe aber erklärt dem Verzweifelten, der nicht weiß, ob Dina ihn nun geliebt hat oder nicht: „Sie hat Sie mehr geliebt, als sie glaubte, dass Sie sie jetzt noch lieben könnten; und Sie freizugeben, als sie ihren Augenblick des Glücks erlebt hatte, schien ihr die zärtlichste Möglichkeit, es zu zeigen”. So etwas könnte man kasuistische Liebesdialektik im Irrgarten der schuldbelasteten Versäumnisse nennen.

Zwischen zwei Frauen wie zwischen zwei Kulturen

„Es war einmal (als handele es sich um ein Märchen) ein sehr interessanter junger Mann”. So beginnt die Titel gebende, zwölf Jahre später entstandene Erzählung „Benvolio”, die der Nachwortverfasser Elmar Krekeler zu Recht als „mehrfach allegorisch” interpretiert. Denn anders erscheint die ein wenig überambitionierte Künstlernovelle des gleichnamigen Dichters mit dem italienischen Namen nicht schlüssig. Der Dichter Benvolio kann sich als passiv Verliebter nämlich nicht entscheiden zwischen der verwitweten Gräfin - einer versierten Gesellschaftslöwin, die ihn zu erfolgreichen Theaterstücken inspiriert - und der nachbarlich entdeckten Waisen, die er Scholastica nennt, weil sie die Tochter eines Philosophen ist und deren Intelligenz und Natürlichkeit ihn auf andere Weise bezaubert.

Benvolios jahrelang hin- und hergerissener Künstler-Ambivalenz zwischen zwei erotisch-poetischen weiblichen Projektionen bereitet die Gräfin ein brutales Ende, indem sie ihrer armen, mittlerweile verwaisten Konkurrentin eine Gouvernantenstelle in Übersee vermittelt. Damit aber bringt sie den sensitiven Benvolio um seine Schaffenskraft, die im Polaritätswechsel zwischen den beiden weiblichen Kontrast- & Gegenbildern aufblühte. Jedoch als er, der Scholasticas Haus erworben hatte, die Gräfin verlässt & die Vermisste aus Übersee zurückholt, kann er zwar wieder schreiben, „allerdings behaupteten viele Leute, seine Dichtung wäre schrecklich schwerfällig geworden”.

Dieses „Märchen“ von der Potenz und Impotenz eines Autors zwischen zwei Frauentypen ist gewiss auch eine allegorische Reflexion des aus einer Philosophenfamilie nach Europa „entlaufenen” amerikanischen Autors zwischen den Kulturen & Gesellschaften, der „wie ein Gott auf Urlaub durch die Salons Europas” (Giuseppe de Lampedusa) reiste und im gesellschaftlichen gossip sowie in den Ritualen, Verstellungen & Verstiegenheiten, welche in den „besseren Kreisen” zu den alltäglichen Umgangsformen der Geschlechter gehörten, die Sujets & Stoffe für seine Erzählungen & Romane vorfand, die er mit der präzisen Meisterschaft & subtilen Delikatesse eines literarischen Couturiers entwirft, der das verschwiegene Unterfutter so genau kennt, wie der Neurologe die Nervenbahnen im Fleischgewebe des Körpers.

Deshalb erscheint mir „Der Weg der Pflicht”, weil es die am reichsten „instrumentierte” und späteste (1884) Erzählung ist, als der erzählerische Höhepunkt des Bandes. Eine mit einem Briten verheiratete Amerikanerin erklärt darin (und widerruft sogleich ihre Offenbarung) einer Landsmännin, was es mit dem erkennbar wunderlichen Dreiecksverhältnis auf sich hat, das zwischen Sir Ambrose Tester, seiner Gattin Joscelind und der verwitweten Lady Vandeleur offensichtlich besteht.

Der Zwang zur Tugend als subtiler Sadismus

Denn die amerikanische Erzählerin, in deren Haut Henry James einfühlend schlüpft, ist eine sowohl beteiligte, als auch befremdlich und beleidigt kommentierende Beobachterin eines komplexen Beziehungsgeflechts, in das sich der junge, flatterhafte britische Adlige verstrickt sah, als er - dem Wunsch seines Vaters folgend, der den Familienerben vor seinem Tod unter der Haube wissen wollte - eine Verlobung mit der mittellosen, aber liebenswerten Joscelind Bernardstone einging, obwohl er doch aus ganzem Herzen einzig die mit einem Dummkopf verheiratete Lady Vandeleur hoffnungslos liebte. Als aber unerwartet deren Gatte stirbt und die ihn gleichfalls liebende Lady Vandeleur „frei” ist, steht der bereits Verlobte vor der Frage, ob er sich neu orientieren soll.

Seine - vermutlich selbst in ihn verliebte und deshalb der Witwe ihn nicht „gönnende” - moralistische amerikanische Mentorin erpresst den Ratsuchenden mit der Behauptung, wenn er die Verlobung auflöse, würde er den Tod seiner Braut verschulden. Eine der durchaus in adligen Kreisen üblichen Mätressenwirtschaften widerspricht jedoch dem Ansehen und Selbstbewusstsein der attraktiven Witwe. So sehen sich beide moralisch Gefangenen auf den „Pfad der Tugend” getrieben: zur demonstrativen Sublimation ihrer unerfüllten Liebe.

Sie verwirklicht sich in einem ständigen intimen Briefwechsel zwischen Sir Tester & Lady Vandeleur, der einem symbolischen Geschlechtsverkehr gleicht, bei dem „offenkundig die beiden entschlossen (waren), sich von nun an gegenseitig davon zu überzeugen, dass die Fackel der Tugend ihnen mit ihrem Schein den Weg weise, und”, fügt die amerikanische Mephistophela genüsslich hinzu, „offenkundig konnten sie sich gegenseitig gar nicht genug davon überzeugen”. Währenddessen verkümmert sichtlich die Ehefrau an der Seite ihres Mannes, der sich als „in einer äußerst kritischen Situation als vollendeter Gentleman erwiesen hat”, der nun „eine Art heiterer Glückseligkeit ausstrahlt“.

So triumphiert in aller verlogenen Unschuld die Perfidie der gesellschaftlich erzwungenen Verdrängung qua selbstgefälliger Tugend über das individuelle Elend einer verlogenen Versöhnung - wobei deren blendender Schein, von der wunschgeleiteten Erzählerin konstatiert, womöglich nur deren verblendeter Irrtum ist. Denn immer muss man bei dem vielstimmig & -perspektivisch komponierenden Henry James auf der Hut sein, um hinter sein erzählerisches und sprachliches Versteck- & Maskenspiel zu kommen - wie im „wirklichen Leben", wenn man mit Klatsch & Tratsch zu tun hat.

 

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