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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. April 2017 | 13:48

    Ingo Schulze: Was wollen wir?

    23.11.2009

    Osten im Westen

    Ingo Schulze ist in den letzten Jahren zu einem Autor geworden, der sich einmischt. Dass in seinem Werk Schreiben, Lesen und aufmerksame Zeitgenossenschaft nicht nur nebeneinander stehen, sondern untrennbar sind, zeigt die nun erschienene Auswahl von Essays, Reden und Skizzen noch deutlicher als seine Romane und Erzählungen. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

     

    Zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer läuft die deutsche Gedenkmaschinerie auf Hochtouren. Weder unbescheiden noch übertrieben wirkt es deshalb, wenn Ingo Schulze berichtet, er erhalte fast täglich Einladungen zu Veranstaltungen, die auf die eine oder andere Weise den Ereignissen im Herbst 1989 gewidmet sind. Zwar betont Schulze selbst, vielen Kolleginnen und Kollegen ergehe es ähnlich wie ihm, aber er dürfte dennoch sehr weit oben auf den Wunschgastlisten stehen – repräsentiert doch Simple Storys, Schulzes 1998 erschienener Roman, das Genre des sogenannten Wenderomans wie kaum ein anderes Buch. Und auch wenn Schulze selbst anmerkt, die Wende sei eigentlich nur das Thema in zweien seiner Bücher, ist die Wiedervereinigung für ihn nicht erledigt wie Was wollen wir? erkennen lässt.

    Lesen und Schreiben

    Zum Berufszeitzeugen, von denen so viele Talkshows in diesen Tagen bevölkert sind, lässt er sich dennoch nicht machen. Zu vielseitig ist dafür Schulzes Umgang mit dem Osten, von dem er einmal so träumen möchte wie einst vom Westen, zu elegant sein Stil, zu natürlich das Miteinander von literarischer Arbeit und politischer Einmischung. „Über Literatur spreche ich lieber aus der Sicht des Lesers“, bekennt Schulze in seiner „Vorstellung in der Darmstädter Akademie“. Abgesehen von Raymond Carver sind es überwiegend russische und deutsche Autoren, über die Schulze schreibt: Anton Tschechow, Vladimir Sorokin und der im deutschsprachigen Raum kaum bekannte Daniil Charms sowie unter anderem Wolfgang Hilbig und Alfred Döblin. Ursprünglich aus verschiedenen Anlässen entstanden, als Rezensionen, Vor- oder Nachworte oder als Preisreden, sind diese Texte häufig Protokolle der persönlichen Annäherung an die Werke anderer Autoren. Besonders hervorzuheben ist darunter eine Laudatio auf Wolfgang Hilbig, die, als Zwiegespräch mit dem Minotaurus angelegt und an Adrian Leverkühns Unterredung mit dem Teufel im Doktor Faustus erinnernd, zu einem eigenständigen, literarischen Prosastück wird.

    Die Stimmen der anderen

    Als Schlüsseltext nicht nur dieses Bandes liest sich die Leipziger Poetikvorlesung, in der Schulze schildert, wie ihn seine Erfahrungen in St. Petersburg zu Anfang der neunziger Jahre zum Schriftsteller machten. Um über das Geschehen im postkommunistischen Russland zu schreiben, lieh Schulze sich die Tonlagen der russischen Dichter, die er in jener Zeit las. Er fand in dieser Methode nicht seine eigene Stimme, die er aber auch gar nicht gesucht hatte, sondern sein poetisches Verfahren, da sich, wie er schreibt, das Besondere jener Zeit nicht durch einen einzigen Stil, „sondern nur durch ein Bündel unterschiedlichster Stile und Geschichten“ ausdrücken ließ.

    Bei seiner Rückkehr nach Deutschland fand Schulze eine veränderte Situation vor. „Mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 waren wir praktisch über Nacht in eine letztlich amerikanisch geprägte Kultur eingetreten“, heißt es und so erklärt sich, warum Schulze sich entschied, in seinem zweiten Buch „ausgerechnet im Stil der traditionellen amerikanischen Short Story von Ostdeutschland zu erzählen“.

    Die gesellschaftliche Wirkung der Wörter

    Wie die Amerikanisierung der deutschen Kultur sich nicht allein sprachlich manifestieren, sondern zugleich auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zurückwirken kann, beschreibt Schulze in „Das Wort für die Sache halten. Über den Begriff >Verlierer<“. Etymologisch, so zeigt er, ist der Gebrauch dieses Substantivs außerhalb von Spiel und sportlichem Wettkampf im Deutschen eine junge Erscheinung. Daran, dass es nun auch die Bedeutung des englischen loser angenommen hat, erweist sich für Schulze die Wechselwirkung und außersprachliche Wirklichkeit. Es scheine ihm „naheliegend zu behaupten, dass die Veränderungen von 1989/90 das Denken in Gewinner-Verlierer-Relationen befördert haben. In den Neunzigern vollzieht sich eine Verschiebung, die aus einem Verhältnis eine Eigenschaft macht“. Hier schließt sich der Appell an, einer gesellschaftspolitischen Entwicklung gegenzusteuern, die sich auf gewissen Berliner Schulhöfen abzuzeichnen scheint, auf denen das Wort Opfer zum Schimpfwort umgewertet wird.

    So wird zum Ende des Bandes hin der Ton energischer und direkter, durchaus auch weniger literarisch, da in Texten wie „Mein Westen“ oder „Was wollen wir“, der Dankesrede zur Entgegennahme des Thüringer Literaturpreises, in der Schulze sich gegen eine Delegierung der staatlichen Fürsorgepflicht für Künstler an Wirtschaftsunternehmen aussprach, die Aussagen auch stärker an harten Fakten messen lassen müssen. Doch spricht es letztlich für Schulzes Seriosität und auch für das Buch, wenn so bürokratische Ausdrücke wie „Hartz-IV“, „Pro-Kopf-Verschuldung“ oder „Gesundheitssystem“ nicht um der poetischen Wirkung wegen vermieden, sondern beim Namen genannt werden. Diese Dinge, so könnte das Fazit lauten, das Schulze den Leser selbst ziehen lässt, sollten eben nicht schöngeredet werden.

     

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