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Botho Strauss: Vom Aufenthalt

14.12.2009

Ein ,,ausuferndes Aus"

Mit seinen Aufzeichnungen und Überlegungen Vom Aufenthalt setzt Botho Strauss die Reihe seiner „Immediatbücher” fort, die er einst glanzvoll mit Paare, Passanten (1981) begonnen hatte. Die T. S. Eliot -Devise “Alte Männer müssen Kundschafter sein” leitet den 65jährigen Autor dabei. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Mehrfach kommt Botho Strauss in seinem jüngsten Buch Vom Aufenthalt auf altchinesische Dichter zu sprechen, die sich wider Zeit & Gesellschaft, welche sich zu ihren Lebzeiten radikal verändert hatten, ins innere Exil als solitäre Eremiten zurückgezogen hatten und lieber mit Armut & Elend im Verborgenen auf dem Land lebten, als opportunistisch “mit der Zeit zu gehen”.

Nun, in Armut & Elend lebt der 1944 geborene erfolgreiche Bühnenautor und Essayist Strauss in seinem von ihm immer wieder wegen seiner Abgeschiedenheit und Blicksweite auch hier feierlich beschworenen uckermärkischen Landhaus nicht; auch besitzt der Junggeselle (als ungeselliger Alter) für seine Metropolenbesuche noch eine Berliner Stadtwohnung, in deren Leere er sich aber nicht zuhause fühlt. Jedoch wünscht Strauss, den Lesern seines jüngsten „Immediatbuchs” nahe zu legen, dass er sich mit der existenziellen Situation der chinesischen Weisen identifiziert.

Der Verlag hat, wohl auf Wunsch des Autors, dem Schutzumschlag des Buchs, gleichsam als dessen Banderole, ein Detail aus einem Bild des chinesischen Malers By T´ang Xin (1470-1523) beigegeben, auf dem man in einer kleinen Strohhütte an felsigem Abhang einen einsamen Schreibenden sieht. Das Gemälde heißt „Der Traum von der Unsterblichkeit”; und Strauss hat den Traum an (s)einer Stelle (S.250 f.) „nachgeträumt”.

Er habe das Gefühl, schreibt er dort, dass Gott ihm „den Sprung von der Klippe ans Herz legt. Ich bin einer von denen, die er auserwählt und geprüft hat und die versagten” - wie der König Saul. Eine stolze Ahnenreihe. „Aber es wird keinen Sprung in die Tiefe geben”. Obwohl er wisse, dass er „reif fürs Ende” sei, werde er „es anders anstellen, als mein Überblicker es von mir erwartet”. Er werde mit dem Abgrund im Rücken und mit dem Gesicht zum Fels abwärts steigen - im Bewusstsein, irgendwann abzurutschen und zu stürzen. Aber weil er den Selbstmord nicht gewollt habe und dann „nicht den ganzen Weg” hinabgestürzt sei, werde er „statt unten aufzuschlagen, wieder steigen” und erhoben über seine Klause, stürze er „gen Himmel”.

In der Wartehalle auf Abruf

Botho Strauss hat diesen gottgefälligen Traum von der Auserwähltheit, der Versuchung und der Rettung genau im Buch eingefugt. Voraus ging ihm ein Denkbild, das den Autor isoliert in der Wartehalle eines Bahnhofs unter den gleich ihm Wartenden situiert. Früher, meditiert der „altgediente Verweiler”, hätte die Situation „seine ganze Aufmerksamkeit erregt, die er in zahllosen Einzelheiten zugleich erlebt hätte”.

Jetzt aber nimmt der einstige Phänomenologe von Paare, Passanten (1981) und Autor seiner großen zeitdiagnostischen Theaterstücke nichts von der aufgeregt-aufregenden Gesellschaft der Gegenwart mehr wahr, als ein „undifferenzierter, monochromer Wisch”, wobei die offenbar allzu „Bekannten Gesichter” noch nicht einmal „gemischte Gefühle”(1974) bei ihm provozieren können.

Soweit hat der Autor sich von der gegenwärtigen Gesellschaft entfernt & diese sich von ihm, dass sie sich beide nichts mehr angehen. Während die Welt um ihn nicht mehr „zur Besinnung komme“, wortspielert er, finde er aus seiner „Besinnung nicht mehr heraus“.

Aber seinem besinnlichen Traum von der Unsterblichkeit lässt Strauss – „der Mann, der täglich über die Feldwege stapft, das Kinn erhoben, den keifenden Winden zu trotzen” & dem „die Ähre nickt, ich grüß zurück. Ein wenig reserviert wir beide” - ein Zitat des Atheisten Lukrez folgen: „... umsonst! Denn selbst aus der Quelle der Freuden / Steigt dir ein Bitteres auf, das unter den Blumen sich ängstigt”.

Und gleich danach folgt eine weitere Vision, in der er, inkognito in einem Hotel am Bodensee eingemietet, einen älteren Herrn imaginiert, der „niemanden mit seinem Redebedürfnis belästigt, das ihn manchmal befällt wie früher die Liebesgier“. Ohne Bücher und persönliches Inventar, nur mit Bahnticket, Laptop, Drucker und den Bildern von Frau und Sohn versehen, die ihn beide verlassen haben, befürchtet er „die vollkommene Tilgung seines Namens und gänzlich und für immer vergessen zu werden. Als er noch mit Frau und Sohn war, besaß er seinen Namen noch”.

Verlustanzeigen eines Isolierten

Auf diesen sieben Seiten Vom Aufenthalt formuliert Botho Strauss in nuce seine Klage darüber, dass sich der Fünfundsechzigjährige von Gott und der Welt verlassen fühlt und sich sowohl öffentlich als auch privat von allem und allen entfernt hat, was ihm einmal „lieb & teuer” war. Vor allem aber, dass er kein Zeitgenosse mehr ist, sondern „wo immer er sitzt und in Zukunft sitzen wird, stets übrig blieb aus anderen Tagen” und er dabei „den Leuten (...) keine Gestalt, keine Erscheinung” mehr ist: „Sie sind alle in Betrieb, halten Hof, knüpfen und pflegen Beziehungen, genießen gegenseitig ihr Ansehen” - aber „da ist niemand, dem er nicht ungelegen käme”.

„Ungelegen” kam er allerdings schon früher; nur war er damals stolz darauf, weil er als Zeit-, Gesellschafts- & Kulturkritiker sein intellektuelles Besteck mit abgelegenen Fundstücken aus dem Arsenal „reaktionären” Denkens (von Nicolás Gómez Dávila bis jetzt zu Robert Poulet) prunkvoll aufrüstete, damit als solitärer „Unzeitgemäßer” im Kulturbetrieb auffällig wurde & als „Gestalt”, resp. (weil öffentlichkeitsfern) als intellektuelle „Erscheinung” eines hochsensiblen Analytikers Furore machte.

Mittlerweile hat ihm auf diesem Feld der öffentlichen Wahrnehmung der umtriebig-eloquente Philosoph Peter Sloterdijk den Rang abgelaufen. Mehr noch & fataler für die literarische Produktivkraft des Schriftstellers: Strauss hat selbst den Eindruck gewonnen, dass ihm zu seinen bisherigen Reibeflächen (z.B. Alltag, Gesellschaft, Erotik) nichts mehr Zünde(l)ndes einfällt - zum einen, weil er alles schon gesagt hat, was ihm dazu aufgefallen war; zum anderen, weil die Gegenstände seiner früheren Erregung angesichts der mystisch-esoterischen Erhebung, auf die er sich mittlerweile hochgeschraubt hat, so weit unterhalb seines Wahrnehmungsniveaus gesunken sind, dass sie seine Erregungslust nicht mehr erreichen und ihn nur noch gelegentlich zu missmutigen Ausfällen verführen.

Nun konstatiert Botho Strauss mit seinen Aufzeichnungen Vom Aufenthalt auch einen existenziellen Befund, den nicht wenige, die mit & gleich ihm nicht nur älter, sondern auch alt geworden sind, in vielem teilen könnten. Nachdem der einstmals in den Siebziger Jahren beredt gewordene und damals beredete Typus des „zornigen alten Mannes” (wie Jean Améry, Axel Eggebrecht, Heinrich Böll, Wolfgang Abendroth, Eugen Kogon) auf der intellektuelle Szene der Bundesrepublik (bis auf Günter Grass) ausgestorben ist wie der ihn bedingende aufklärerische Impuls, tritt nun der in die Jahre gekommene Botho Strauss als traurig isolierter Melancholiker auf, der wie Meister Anton in Hebbels Maria Magdalena bekennen müsste: „Ich verstehe die Welt nicht mehr”. Strauss liegt aber vornehmlich daran, der (literarischen) Welt mitzuteilen, dass sie ihn nicht mehr verstehe.

Auf Todtnauberg in der Uckermark

Denn anders sind die 295 Seiten nicht verständlich & verstehbar, in denen er Vom Aufenthalt in immer neuen Maximen und Reflexionen, Denkbildern, Fabeln, Momentaufnahmen und Aphorismen zu sprechen versucht und die einstige Originalität in seiner intellektuellen „Kampfzone” doch überwiegend nur in deren Wiederholungen und Variationen zu Nachhutgefechten und Kleinscharmützeln sich erschöpfen lässt.

Der Diskretion eines Selbstgesprächs - das diese Aufzeichnungen ja vornehmlich sind -, das erst postum einmal ihm hätte nachrufen können, hat der Dramatiker und Essayist die Offenbarung eines Selbstporträts als Schmerzensmann vorgezogen, der seinen selbstverfassten Nachruf zu Lebzeiten einer unverständigen Zeitgenossenschaft präsentiert, auf dass sie erschauernd bemerke, was sie an ihm verloren, aber auch was er an sich verübt habe.

Ist die Indiskretion, die er gegen sich als „Ecce homo” walten lässt, indem er die persönlichste & private Klage des von Frau & Kind verlassenen Junggesellen mit dem öffentlichen Verlust der einstmaligen intellektuellen „Deutungshoheit” qua Zeitdiagnostiker und Poet synchronisiert, über den literarischen Narzissmus hinweg - sich als „ausglühenden” Fall zu inszenieren, der ein „ausuferndes Aus” (S. 295) vorlegt -, nicht doch vielleicht auch als eine flehendliche Bitte um erbarmende Anteilnahme am Alters-Schicksal eines Märtyrers zu verstehen, der auf seinem Todtnauberg in der Uckermark vor sich hinwest, ohne noch Aufsehen zu erregen?

Es wird womöglich vom Alter des Lesers abhängen, ob er sympathetisch aus Botho Strauss´ elaborierten Variationen über den T. S. Eliot-Satz „Alte Männer müssen Kundschafter sein”, einen solchen untergründigen Anruf vernimmt: „Wenn wir vom Aufenthalt sprechen, haben wir schon mit dem Gang hinunter begonnen. Und wenn es nicht Hinunterstieg war, Hand in Hand mit dir, dann ist es gar nichts gewesen”.

 

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