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Enzensberger/Johnson: "fuer Zwecke der brutalen Verständigung"

16.11.2009

Gäb es Sondermarken, tät ich sie euch drauf

In ihrer Korrespondenz zeigen sich Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson spielerisch und sprachbewusst. Der nun erschienene Briefwechsel dokumentiert die Freundschaft zweier Klassiker der Nachkriegsliteratur bevor sie zu solchen wurden. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

 

Hans Magnus Enzensberger feiert in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag. Ob Uwe Johnson, der Kollege und einstige Freund, Glückwünsche gesendet hätte, wäre er selbst, 75-jährig, noch am Leben, lässt sich nicht sagen. Vor 45 Jahren, im November 1964 schrieb er an Enzensberger: „Es wird dich wundern, ich gratuliere zu deinem fünfunddreissigsten Geburtstag, der gestern war.“ Wundern sollte der junge Jubilar sich damals, weil er Johnson seinen Geburtstag offenbar nicht verraten hatte. Es ist diese Situation und wie Johnson in einem Satz darauf reagiert, symptomatisch für das Verhältnis dieser beiden Ausnahmeschriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur, denn die kleine Stelle birgt vieles in sich, was sich in dem Briefwechsel niederschlägt, was ihn auszeichnet und auch was dazu führte, dass er nach sieben Jahren praktisch eingestellt wurde.

Zeitschriftenpläne

Kennengelernt haben sie sich 1959 bei einem Treffen der Gruppe 47, nicht lange danach beginnt Johnson die Korrespondenz mit der Frage, ob Enzensberger bereit sei, ihm seinen Artikel über die Sprache des SPIEGEL „einmal leihweise zu überlassen?“ Auch dass eine Zeitschrift den äußeren Anlass für diesen Auftakt gibt, ist bezeichnend, denn das Interesse an der Funktionsweise der Massenmedien in Deutschland, am Einfluss der Zeitungen und des damals neuen Fernsehens ist beiden gemeinsam, ebenso der Wunsch, am öffentlichen Diskurs teilzuhaben, und zwar möglichst mittels eines eigenen Organs. Und so verlagert sich der thematische Schwerpunkt bald von Beobachtungen und Kulturanalyse auf das von Günter Grass angeregte Vorhaben, „eine polemische Vierteljahreszeitschrift quasi ein Buch über Kulturelles mit fünf Herausgebern in die Welt zu setzen“, über das Johnson Enzensberger unterrichtet. Johnson sollte dabei als Redakteur fungieren. In den Plan zu einem solchen internationalen Blatt waren außerdem unter anderem Martin Walser, Siegfried Unseld und Ingeborg Bachmann involviert, als Titel schlug Enzensberger im März 1962 „rubrik/rubrique/rúbrica (von mir), hefte der 21/cahiers des 21/quaderni die 21 (von wagenbach)“ vor. Johnsons Brief vom 24. Juni des gleichen Jahres teilt weitere Vorschläge mit, und wie er es tut zeigt, warum die Lektüre dieses Buches nicht nur für Leser mit literaturgeschichtlichen Spezialinteresse lohnt: Grass und Walser, schreibt er aus Rom, hielten für bedenkenswert: „GUERNICA, POLONIUS, DELTA und mehr noch als diese: JERICHOW, da zerbrach wirklich die Luft unter den schweren Wolken, die platzend als Regen den Kies polierten, und während wir unter den Arkaden eingesperrt promenierten, eine ältere Eingeborene jedoch ihres nur angetrunkenen Biers wegen am Gartentisch unter dem Regenschirm sitzengeblieben als einzige von allen die letzte Namensgebung nicht begrüßte, kam Grass zu einem weiteren Vorschlag, der darauf aus ist, das Äussere der Zeitschrift frisch zu halten, (…).“ Bemerkenswert ist nicht immer unbedingt, was gesagt wird, über Projekte, Politik, Häuser und Wohnungen und über die Familien, sondern wie es formuliert ist.

Fahrpläne

Wenn es auch formal und etwas schleppend beginnt, entwickelt dieser Austausch schnell eine Dynamik, wie sie für ein nicht planbares literarisches Unternehmen außergewöhnlich ist. Das liegt daran, dass Enzensberger wie Johnson hier, womöglich mehr noch als in einigen Stücken ihrer sonstigen Produktion zeigen, wie gut sie stilistisch wirklich sind bzw. waren. Zumindest Johnson scheint bewusst viel Mühe auf seine Briefe verwendet zu haben, und er forderte Enzensberger auf, häufiger zu schreiben, „angesichts der Ueberlegung, dass die Gesamtausgabe unseres Briefwechsels auf mindestens zwei Baende angelegt ist, und zwar im Duenndruck.“ Zu dieser Zeit, 1966, hielt er sich in New York auf. Enzensberger war aus dem norwegischen Tjøme nach Westberlin umgezogen, wo er vor allem mit der Herausgabe des als Nachfolgeprojekt der nicht zustandegekommenen mehrsprachigen Zeitschrift begonnenen Kursbuchs beschäftigt war. Auch dessen Entstehungsgeschichte samt der Auseinandersetzungen zwischen Unseld und Enzensberger ist hier dokumentiert. Der Name, über den Enzensberger sich mit Johnson verständigt hatte, ist treffend gewählt, beide waren sehr viel auf Reisen in dieser Zeit. „Und den halben Tag auf der Bundesbahn lebend bin ich am Blödewerden“, schreibt Johnson im Oktober 1965. „ich war ein paar wochen in südamerika und das war eine gute reise. irgendein unmittelbarer nutzen ist nicht zu erkennen, umso vergnügter war ich unterwegs“, meldet Enzensberger am gleichen Tag recht lapidar, ein anderes Mal eröffnet er mit den Worten: „lieber uwe weiß gott in welchem stundenhotel dich das erreicht. solche reisen sind nicht gut.“ Von New York aus schickt Johnson aber schließlich seine literarischsten Briefe, in denen er über das Leben in der Stadt berichtet. Sie lesen sich wie kleine Etüden, geschrieben auf einer Schreibmaschine ohne Umlaute.

Mit schönen Grüßen

Wenn im Nachwort der ansonsten sehr kenntnis- und materialreich kommentierten Ausgabe von der „kommunikativen Brutalität“ dieses Dialogs die Rede ist, so ist das für den überwiegenden Teil der Briefe verfehlt, und das titelgebende Zitat von Johnson zum Motto zu machen bedeutet, diese Korrespondenz vom Ende her zu lesen und mit dem Wissen, dass Johnson mit kaum einem Menschen länger wirklich befreundet war. Enzensberger ist als leichtfüßiger Stilist bekannt, doch auch von Johnsons sprichwörtlicher Schwere und Ernsthaftigkeit ist nichts zu spüren, wenn er etwa in Manier eines Running Gags immer wieder auf besondere Briefmarken hinweist, obwohl Enzensberger nie Briefmarken gesammelt hat. „Deine philatelistischen Auskuenfte beruehren mich schnoede. Fuer solche langzaehnige Erhabenheit hat man halbe Jahre lang die Papierchen, die entwerteten, in der Schublade, was sage ich! im Gedächtnis bewahrt, hat sich die Loyalität der Hauswarte verscherzt, hat treue Leserbriefschreiber verbittert, Angeheiratete in Feinde verwandelt und dann sind dir meine Porti nicht genug veraltet. Du scheinst zu verlangen ich sollte im vorigen Jahrhundert leben. Ins vorige Jahrhundert gehe ich nicht, und meine Postwertzeichen gebe ich Mrs. Blanc und die gibt sie einem Maedchen, und die hat einen Freund, du wirst ja sehen, was du davon hast!“ donnert er 1966. Auch Johnson sammelte keine Briefmarken, allerdings ist es seine von den Jahrestagen bekannte, archivarische Arbeitsweise, der sich das Zustandekommen dieser, wenn auch nur einbändigen Edition verdankt. Er hob alle Briefe Enzensbergers auf, legte sogar eine eigene Mappe dafür an, und behielt außerdem Durchschläge seiner eigenen.

Der Wesensunterschied der beiden wird hier sinnfällig: Enzensberger hielt Privates öfters zurück, warf alles weg und verschwieg sogar die Trennung von seiner ersten Frau; Johnson erwartete, auch Persönliches zu erfahren, dokumentierte und konnte Jahre später aus den früheren Briefen zitieren. Als er das tat, war die Freundschaft indessen schon zerbrochen. Johnson fühlte sich in seinem Vertrauen in den Freund erschüttert, nachdem er dessen geschiedener Frau und dessen Bruder seine Berliner Liegenschaften zeitweilig überlassen hatte und aus der Zeitung erfuhr, dass diese zum Quartier einer Kommune umgewandelt worden waren, wobei Enzensberger darauf beharrte, „daß ich in dieser frage der hüter meines bruders nicht sein“ kann. Hiernach wird es bitter, denn in den wenigen Briefen, die bis 1975 noch folgen, geht es um Geld, und Enzensberger schließt seine letzte Antwort „Mit schönen Grüßen dein hme.“

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