• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 10:39

    Walter Muschg: Die Zerstörung der deutschen Literatur

    07.09.2009

    Bekenntnisse einer leidenschaftlichen Seele

    Es kommt nicht häufig bei uns vor, dass Germanisten so zu schreiben verstehen, dass ihre Arbeiten den akademischen Raum & den Rahmen ihres Faches sprengen und Aufmerksamkeit, Interesse und Neugier in einer größeren Öffentlichkeit der literarischen Intelligenz erwecken und weithin Resonanz finden. WOLFRAM SCHÜTTE über den Ausnahme-Germanisten Walter Muschg.

     

    Heute zum Beispiel steht der Schweizer Emeritus Peter von Matt mit besagter Fähigkeit allein auf weiter Flur. Es war einmal in der bundesrepublikanischen Gesellschaft anders, als zwischen den sechziger und den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts u. a. Hans Mayer, Walter Jens, Volker Klotz, Walter Höllerer, Robert Minder, Walter Killy oder Peter Wapnewski gleichzeitig sich öffentlich äußerten. Es waren Geisteswissenschaftler, die aufgrund ihrer sprachlichen Begabung und ihrer Leidenschaft für das Literarische sich beides in der Fron des Berufs nicht haben sauer werden lassen; ihre Kenntnisse und Passionen gingen weit über das beruflich Erforderliche hinaus: in andere Kulturen und geistige Bereiche zum Beispiel der Philosophie, Anthropologie, Soziologie und Psychologie. Vor dem Hintergrund der „Fachidioten“ jeglicher Disziplin waren sie „Gebildete“ und erschienen wie letzte Exemplare eines aufklärerisch-renaissancistischen „Uomo universale“.

    Von ihren minderbegabten Kollegen wurden diese Erfolgreichen wie „bunte Hunde“ scheel angesehen, umso mehr als sie auch im Journalismus auftraten und sich sogar zu belletristischen Neuerscheinungen kritisch, wertend äußerten, was für nicht wenige ihrer braven diensttuenden Kollegen – die sich nur an das historisch Abgehangene wagten – neidvoll für „unseriös“ oder „unwissenschaftlich“ gehalten wurde.

    Mit dem jüngsten Strukturwandel von Kritik, Journalismus, Zeitschriften- & Buchkultur – die ihre kulturelle Dominanz und zentrale Rolle in der Medienkonkurrenz verloren hat und als „Literaturbetrieb“ zwar geschäftig, aber auch beliebiger fortwährt – hat auch dieser Typus des nichtakademischen Akademikers an Bedeutung und Resonanz verloren.

    Variationen über das Thema Literatur und Moral

    Der Schweizer Germanist Walter Muschg – 1898 bei Zürich geboren, 1965 in Basel gestorben, wo er seit 1936 auf dem Lehrstuhl für Deutsche Literaturgeschichte gelehrt hatte – gehörte in diese illustre Reihe, wenngleich sein früher Tod ihn gegenüber seinen erwähnten deutschen Kollegen ins Hintertreffen brachte. In jeder Hinsicht als Antipode zu seinem wirkungsmächtig-einflussreicheren Zürcher Kollegen Emil Staiger, dem Heideggerianer und Vertreter der „werkimmanenten Interpretation“, hatte Walter Muschg (der ältere Halbbruder des Schriftstellers Adolf Muschg) mit seiner Essaysammlung Die Zerstörung der deutschen Literatur, die 1956 in der Schweiz erschienen war, aber erst als List-Taschenbuch (!) 1960 bei uns wirklich wahrgenommen wurde, ein Buch publiziert, an dem sich die Geister genauso schieden, wie er sie selbst darin geschieden hatte.

    Denn der Schweizer Germanist scheute sich nicht, in seinen „Variationen über das Thema Literatur und Moral“, das er „für die Lebensfrage der heutigen Literatur“ hielt, entschiedene Urteile über Werke und Autoren zu fällen, die angesichts des Nationalsozialismus versagt hatten (wie Benn, Heidegger, Weinheber oder Gerhart Hauptmann) oder durch ihn in fortdauernde Vergessenheit gedrängt worden waren und von Muschg nun wieder aufgerufen wurden – wie der „Augenzeuge“ Oskar Loerke, der „Flüchtling“ Alfred Döblin oder das „Opfer“ Ernst Barlach, die er exemplarisch für die „Zerstörung der deutschen Literatur“ in großen biografisch-interpretatorischen Essays in seinem Buch darstellte.

    Daneben aber, in Zeitschriften und anderen Büchern, widmete er seine leidenschaftliche Aufmerksamkeit nicht nur Goethe, Schiller, der Droste, Stifter, Keller und seinem Leitstern Jeremias Gotthelf, sondern ebenso enthusiastisch Sigmund Freud, Kafka, Trakl, Lasker-Schüler, Brecht, Karl Kraus und Hans Henny Jahnn – also einem Kanon der großen, vom Ersten Weltkrieg und dem Expressionismus gezeichneten deutschen Literatur, die von den Nazis zum Schweigen gebracht und in der Nachkriegszeit der Bundesrepublik und ihrer restaurativen Wiederbelebung des „christlichen Abendlands“ mit Bergengruen, Andres, Wiechert, Carossa, Miegel einerseits und dem Tabula-rasa-Nihilismus Benns andererseits nicht wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückgekehrt war. Alle diese Arbeiten kann man nun in einem fast 1000-seitigen (!) Band des Diogenes Verlags nach- oder wiederlesen.

    Für den Basler Muschg hatte sich die deutsche Literatur nach der „Liquidation des Dritten Reichs“ nur scheinbar „erholt“ und „eine neue Fassade erhalten, die der Hochkonjunktur des Wiederaufbaus angepasst ist“; für ihn, der als Abgeordneter während des Zweiten Weltkriegs im Schweizer Nationalrat saß und eine strikt antinazistische Politik vertrat und wie kein anderer Schweizer Professor vertriebene deutsche Autoren unterstützte, war 1933 und der „Verrat“ der deutschen Intellektuellen an Ihresgleichen der point of no return für die deutsche Literatur.

    Wider Thomas Mann & für Alfred Döblin

    „In seinen Arbeiten“, schreibt Julian Schütt in seinem Nachwort über den moralischen Rigorismus von Muschg, „nahm er die Außenseiter- und Exilkultur zum Prüfstein aller künftigen Literatur und Literaturwissenschaft“. Weil der Kampf um die moderne Kunst in Deutschland „ein Ende mit Schrecken nahm“ und die „geistigen Kleinbürger im braunen Hemd (...) für das bürgerliche Kunstideal der Epigonen Partei (nahm) und alles ausrotteten, was ihm widersprach, hat (seither) Deutschland keine große moderne Dichtung mehr“, behauptete Muschg provokativ; und fährt mit seiner Gegenwartsverwerfung fort: „Als der Terror ein Ende nahm, blieb (die literarische Moderne) verstummt. Nur jene älteren, konservativen Schönheitsdichter standen noch da und wurden wieder zu Ehren gezogen. Was um 1930 – als der Expressionismus „antipodisch zur bürgerlichen Bildungskunst“ dabei war, sich durchzusetzen – „noch provinzielle Rückständigkeit, um 1940 ein Rückfall in den blutigen Dilettantismus gewesen war, präsentierte sich seit 1950 als unheimlicher Anachronismus. Die dominierende Rolle, die Thomas Mann nach Kriegsende noch einmal spielte, ist nur damit zu erklären, dass die im Ersten Weltkrieg erwachte Dichtergeneration mit Gewalt zum Schweigen gebracht worden war. Die ausschließliche Bejahung der literarischen Vergangenheit von Goethe bis Hofmannsthal ist jetzt die Maske der geistigen Sterilität.“ Thomas Mann aber, der in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre als der große moderne deutsche Epiker galt, „war geistig im neunzehnten Jahrhundert zuhause (...) und verstand es nur virtuos, die Lebensfragen der modernen Kunst zu bereden“. Zu bereden, statt zu gestalten wie Döblin oder Trakl oder Brecht – müsste man im Sinne Muschgs hinzufügen.

    Dessen Abneigung gegen den weltbekannten Literaturnobelpreisträger, in dem er ein existenziell unberührtes Monument der „bürgerlichen Bildungskunst“ erblickte, die er schon allein durch Döblins Drei Sprünge des Wang-Lun oder durch Karl Kraus’ Drama Die letzten Tage der Menschheit oder durch Trakls Lyrik obsolet geworden sah, rührte auch daher, dass in Muschgs Tragischer Literaturgeschichte (1948) die ironische Grundhaltung des Mannschen Oeuvres der ethischen Unverantwortlichkeit des Ästhetizismus der „Literatur“ näher war, als aus der Kraft und Dämonie des „Dichterischen“ zu entspringen.

    Denn einzig „Der Dichter“, dessen prekäre & einzigartige Herkunft aus der Magie und dem Mythischen der „Magier, Seher, Sänger“ er in seiner Tragischen Literaturgeschichte als Typus des großen Dichters von der Antike bis zur Gegenwart bestimmt hatte, war für den von der Psychoanalyse Freuds und C. G. Jungs beeinflussten Feuerkopf auf dem Basler Lehrstuhl von Belang. Aus einer von seinem protestantisch-fundamentalistischen Vater dominierten Familie stammend, opponierte Walter Muschg mit den Kirchenvätern der Psychoanalyse gegen den christlich-moralistischen Terror des Vaters. Aber unverkennbar übernahm er von ihm den geistigen Impetus zu seiner fundamentalen Dichtungstheorie. Im „Dichter“, der kraft der Gnade seines Genies den literarischen Urimpulsen folgte bzw. folgen musste, erblickte der zur Literatur entlaufene Protestant die säkularisierte Verpuppung des mythischen Sehers und religiösen Propheten, der schöpferisch, einsam, „tragisch“ gegen seine Zeit gestellt, seiner Gegenwart die Leviten lese und deren Zukunft in seiner dunklen Poesie antizipiere. Und Muschg war der Verkünder & enthusiastische Interpret der unverstandenen, verschmähten, verdrängten Dichter-Poeten.

    Wie sehr schon der junge Germanist als akademischer Lehrer eigen- & einzigartig war, hat der 21-jährige Max Frisch 1932/33, davon entzündet, festgehalten: „Er (Muschg) sagt nicht: Jean Paul war ein Sprühgeist. Sondern er sprüht. Er sagt nicht: Kleist war zerrissen. Sondern er ist zerrissen und mitgerissen und reißt mit. Er (...) wagt sich bis zum Menschen, der sich seines Herzens nicht schämt und sich darstellt in seiner Ergriffenheit, in seiner Verzücktheit und dessen Rede ein Kampf ist, ein augenblicklich in Worte gegossenes Erleben, ein Bekenntnis. O, wären es doch alle, welche diesen Titel tragen: Professoren, das heißt: Bekenner.“ Und Friedrich Dürrenmatt, fünfzehn Jahre später, erblickt in der Tragischen Literaturgeschichte eine „große Konfession“, bei der die Literaturgeschichte „gesehen und nicht gedacht worden“ ist.

    Bloch & Muschg: zwei Prophetengestalten

    Muschg war – wie Schopenhauer & Nietzsche – ein Fixstern für Schriftsteller, deren Nähe er von frühauf suchte, wenn er sie als „Dichter“ schätzte; und offenbar war der ebenso streitbare wie solitäre Professor als Redner & Vortragender ein ebenso beherrschender wie mitreißender Rhetor, wahrscheinlich einzig vergleichbar dem Philosophen Ernst Bloch: zwei sprachmächtig-pathetisch-polemische Wiedergänger alttestamentarischer Prophetengestalten: der eine das Futur und das „Ich heiße Euch hoffen“ beschwörend, der andere das Drama des Dichters verteidigend, der „nicht nur Talent, sondern auch Gesinnung und Charakter haben“ soll, um „die Heiligung des Wortes“ gegen seine Zeit ausüben zu können. Wo Blochs spekulatives Ingenium den „Vorschein“ des Möglichen wahrnahm, registrierte das tiefschürfende Sensorium Walter Muschgs die Nachbeben und die Abendröte einer vergangenen Größe der dichterischen Moderne. Es wäre deshalb nicht falsch, in beiden auch, wenn nicht sogar über ihr Selbstverständnis hinaus, vornehmlich zwei große Prosaisten & Erzähler der deutschen Literatur zu sehen – unabhängig vom Wahrheitsanspruch ihres Oeuvres.

    Was einen damals wie auch jetzt beim (Wieder-)Lesen Walter Muschgs irritiert, ist weniger das in heutiger Nüchternheit natürlich bizarr erscheinende und fadenscheinig gewordene idealistisch-religiöse Vokabular und Pathos, mit dem er seine Helden zu „Märtyrern“ krönt und „durch Feuertaufen“ oder „die Hölle“ gehen lässt, wobei seine kritischen Werturteile dennoch ebenso Bestand haben wie sein Befund, wonach „der Dichter seinen Platz in der Gesellschaft verloren (hat), weil diese selbst im Zerfall begriffen und weil der bürgerliche Begriff der Dichtung“ wie auch „die Kunst aus sich selbst heraus fragwürdig geworden ist“. Da „alle geistigen und materiellen Ordnungen durchlöchert sind“, halte sich der Dichter „als Machtloser in einer unseligen, harten Zeit (...) an den einzigen unzweifelhaft übrig gebliebenen Wert: an den Menschen in seiner Erniedrigung und Verlassenheit“.

    Sondern es schmerzt die kulturreaktionäre Kehrseite seiner geistesaristokratischen Mythisierung des „Dichters“ als Seismograf einer Menschheitsapokalypse, die er durch die „Amerikanisierung Europas“, die „Nivellierung und Ausmerzung der eigenwilligen Persönlichkeit“, den „Kollektivismus“, den „Terror des Minderwertigen“ und die „Vereinsamung und Langeweile des Individuums im Termitengewimmel unserer Städte“ gekommen glaubt. In Film, Radio und Fernsehen sieht der (nun ja: 1898 geborene) Walter Muschg nur „Instrumente der Massenbeeinflussung und Verpöbelung“ – und er versteigt sich zu der absurdesten Spekulation, die je gegen den Film in Anschlag gebracht wurde: „Für den Film wurde die Verdunkelung, diese schaurige Errungenschaft des totalitären Zeitalter, erfunden.“

    Allerdings trifft er in seinem kulturkonservativen Furor gegen die modernen Unterhaltungsmedien, die „ihr Publikum zur bequemen Passivität erziehen“, auch eine weit in unsere Gegenwart zielende Entwicklung: „Der gefährlichste Feind des Dichters ist nicht die politische Diktatur, sondern das technische Vergnügen der Masse, die keine Freiheit, sondern ein bequemes Leben will. Die Bewunderung, die früher dem Kunstwerk gegolten hat, gilt heute dem tödlichen Spielzeug Maschine.“ Dabei wusste er von dem Computer und der Netzwelt noch nichts; wir aber wollen von seiner Angst vor der Apokalypse des Dichterischen so wenig wissen – wie von der etwa gleichzeitig (1956) bei Günter Anders prognostizierten „Antiquiertheit des Menschen“.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter