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Alexandar Tisma: Ohne einen Schrei

23.02.2004

 

Gewalt und Leidenschaft

„Ich kann am Verhalten der Menschen nichts ändern, aber ich kann beschreiben, woher es kommt“



 

„Ich kann am Verhalten der Menschen nichts ändern, aber ich kann beschreiben, woher es kommt“, hat der 1924 in Novi Sad geborene und dort heute noch lebende Alexandar Tisma gesagt. Unter diesem pessimistischen Motto ist sein großes Werk von Romanen (u.a. „ Der Gebrauch des Menschen“, „Das Buch Blam“) und Erzählungen („Die Schule der Gottlosigkeit“) entstanden, das ihn zu dem herausragenden Epiker des Balkan macht. Der Hanser-Verlag hat das innerhalb nur eines knappen Jahrzehnts entstandene umfangreiche erzählerische Oeuvre Tismas, der heute literarisch schweigt, kontinuierlich seit 1991 vorgelegt.

Mit den 1980 in Belgrad erschienenen Erzählungen „Ohne einen Schrei“, die (wie immer vorzüglich von Barbara Antkowiak übersetzt) jetzt vorliegen, hat sich sein deutscher Verlag zu den Anfängen Tismas zurückbuchstabiert. Abgesehen vom ersten und letzten Stück sind die restlichen sieben Erzählungen gewissermaßen Katastrophen-„Berichte aus dem jugoslawischen Landesinnern“ der Nachkriegszeit. In der den Band eröffnenden „Mitschuld“ wird das paradigmatisch-kafkaesk angelegte Kurzporträt eines politischen Opportunisten und Denunzianten skizziert, der den Mut zu einem einmaligen „Nein“, das ihm die „Freiheit“ eröffnet, zugleich mit seinem Leben bezahlt. „Reiner“ Existentialismus à la Sartre. Das abschließende und Titel gebende „Ohne einen Schrei“ besitzt da schon mehr Gewicht. Es handelt sich dabei offenbar um ein autobiographisches, sehr persönliches Memorial. Der Autor kommt dabei auf ein traumatisches Ereignis in Novi Sad 1942 zurück, das im Roman „Der Gebrauch des Menschen“ eine zentrale Stelle einnimmt: die öffentliche Ermordung jüdischer Familien an der zugefrorenen Donau. Die Erschossenen und Sterbenden wurden in ein aufgeschlagenes Eisloch geworfen. Vielleicht darf man in dem auf 1953 von Tisma datierten epiphanischen Moment von „Ohne einen Schrei“ sogar die Initialzündung seines gesamten literarischen Werks sehen.

Der Erzähler beschließt an einem heißen Sommertag nicht an der offiziellen Gedenkfeier für die an der Donau Ermordeten teilzunehmen, obwohl darunter Freunde und Verwandten waren. Wie Tausende andere Bürger Novi Sads geht er stattdessen in der Donau baden. Aber während er sich sonnt, überfällt ihn eine verdrängte, schreckliche Vision: Bilder der hilf- und hoffnungslos auf ihre Abschlachtung wartenden Opfer und das Gemetzel der Täter – ein Geschehen, das genau an diesem Ort bei minus 28 Grad vor zehneinhalb Jahren stattgefunden hatte: „Und jetzt saß ich an ebendieser Stelle und genoß die Sonne, den Sand, die Donau, meinen nackten, erfrischten Körper... Die Menschen in ihrer unschuldigen Unwissenheit scherten sich nicht um die Toten, die an ebendiesem Ort einst geschrien hatten. Sie liebten das Vergessen sosehr, daß es ihnen nicht bewußt war. Auch ich, der allein wußte, auch ich mühte mich vergebens, diesen Augenblick mit dem Makel meiner Wahrheit zu überdecken... Nein, Schreie gab es hier nicht! Nirgends... Sie waren wie leichte Lüftchen in den Himmel entschwebt, in die Erde, die sie in ihrem Wandel unwiederbringlich verschluckt hatten“.

Der gleichgültigen Teilnahmslosigkeit der Natur entspricht die existentielle „Schamlosigkeit“ der Über- & Nachlebenden, zu denen sich der Autor demonstrativ stellt. Der Sohn einer serbisch-jüdischen Mutter und eines ungarischen Vaters hat als Entkommener der Menscheitsverbrechen zuviel selbst gesehen und erlebt, als dass er noch humanistische Illusionen über sich und uns hätte, geschweige denn in Metaphysik oder Religion Trost fände. Die trostlose Poesie Alexandar Tismas, der uns mit dem Anblick des unverstellten Leidens konfrontiert, beschränkt sich darauf, den „Gebrauch des Menschen“ mit seinesgleichen zu beschreiben: durchaus mit individueller Anteilnahme, aber ohne jede Hoffnung.

Das gilt ebenso für die sieben Sittenbilder von Gewalt und Leidenschaft, Mord und Totschlag in den versteppten Armutsghettos, dörflichen Schnapsbuden und in regennassen Schlammlandschaften aus der pannonischen Gegend um Novi Sad. Selbst wo es sich um familiäre Vorkommnisse handelt – wie bei dem o­nkel, der sich für ein literarisches Genie hält („Sein ganzes Ich“) - , dürften die mörderischen Vorfälle, denen Tisma seine erzählerische Aufmerksamkeit zuwendet, „faits divers“ entstammen, die ihm während seiner journalistischen Tätigkeit (1969/74) aufgefallen waren. Es sind Fallstudien, die fast immer von einem Mord ausgehen oder mit ihm enden. Der o­nkel hat seine Frau erschlagen und sich die Pulsadern aufgeschnitten, weil dieser „Mörder aus Barmherzigkeit“ die Erkenntnis seines endgültigen Scheiterns als eingebildetes Genie nicht ertragen konnte; denn seine unwissende Frau und er hatten dafür ihr ganzes Leben lang gedarbt. Er wollte ihr die Zerstörung ihrer Illusion ersparen.

Wie hier bedient sich Tisma auch in anderen Erzählungen des Modells einer journalistischen Recherche nach den verborgenen Motiven der Täter und Opfer. In „Ein Musterbild der Liebe“ wird die zur gerichtlichen Verhandlung stehende Ausplünderung und Vergewaltigung einer jungen Frau durch ihren Liebhaber gleich dreifach nach den widersprüchlichen Aussagen der Beteiligten durchmustert - bis zu der subtilen Erkenntnis, was die offensichtliche Hörigkeit der Frau für den Macho jenseits des Sexuellen zuinnerst motivierte: „Das Ideal ihrer Liebe“, das sie „um jeden Preis bewahren“ möchte. Angesichts der Paradoxie des Falles könnte man fast von einer Alexander-Kluge-Erzählung sprechen.

„Nichts ist weniger natürlich als der Mord an einem schlafenden Menschen“, weil es ihn einer „elementaren menschlichen Fähigkeit beraubt: dem nahenden Tod entgegenzusehen“. Das unterschiede die menschliche Spezies von der „selig vegetierenden Beschränkung auf den Augenblick“ beim Tier. In „Persönlichkeit“, das derart wie eine kriminologische Abhandlung beginnt, ist es ein brutaler Mann, der von seiner Frau um diese „elementare menschliche Fähigkeit“ gebracht wird. Zurecht hat sie damit ein „siebenjähriges Mißverhältnis“ mit einer Axt korrigiert und die ehelichen Höllenfahrt beendet, in der ihr fremdgängerischer Mann sie als demütiges Haustier jahrelang sexuell missbraucht hatte; und zwar gerade in dem Augenblick hat sie die Initiative zum Mord ergriffen, als ihr Mann geglaubt hatte, ihren scheinbaren Ausbruchsversuch auf einer Neujahrsfeier in einer Kneipe durch die äußerste Brutalität ihrer sexuellen Inbesitznahme zuhause endgültig zunichte gemacht zu haben und als vermeintlicher Sieger gesättigt schläft („Persönlichkeit“).

Gegenwehr von Frauen findet in der von Tisma beobachteten Gesellschaft der durch Krieg und Nachkrieg, Armut und Korruption Entwurzelten und Deklassierten in den Vorstädten und auf dem Land so gut wie gar nicht statt. Frauen sind jagbares Freiwild, das die Männer in ihren Besitz bringen, dessen Willen sie brechen wollen, jederzeit greifbare Fleischstücke zur Selbstbefriedigung. An den Frauen „rächen“ sie sich auf das Viehischste für sozialen Demütigungen und berufliche Verwerfungen; und ihre im Alkohol ertränkte und dadurch erst recht virulente „Erbitterung auf das Leben“, das weder ein individuelles Ziel noch eine gesellschaftliche Utopie besitzt, tobt sich brutal an den Schwächsten aus: den abhängigen Frauen. Erniedrigung und Sinnlosigkeit seiner vertanenen Tage lässt da z.B. einen, nach einer schon am Mittag begonnenen Sauftour „in den Abend gehen wie in eine Schlägerei“; und weil er an das junge weibliche Fleisch, das er als „Heilmittel“ begehrt, nicht herankommt, greift er sich eine alte, willige Schnapsdrossel, die er nach dem Akt tottrampelt, als er bemerkt, dass sie ihm die Uhr klauen wollte („Die Uhr“). „Laßt mich, ich muß sie abschlachten“, ist der „blutrünstige Liebesschrei“ eines zerlumpten Greises, der seine junge Geliebte, die ihn verlassen hatte, obwohl er die Entlaufene eine zeitlang aufgepäppelt hatte und sie deshalb für sein „Besitztum hält“, auf dem Markt erstechen will („Das reine Hemd“).

Am reichsten aber literarisch instrumentiert ist das frühe Meisterstück „Unwetter“. Wie schon in „Die Uhr“ hat sich Tisma hier von der ermittelnden Recherche auf das riskante Gebiet eines monologisierenden Erzählers begeben. Ein sterbenskranker Musiker, der sein Gnadenbrot in einer Dorfkneipe verzehrt, wird Zeuge und Beteiligter des Aufstiegs und Falls einer jungen, naiven Volkssängerin, die mit zwei windigen Gelegenheitsmusikanten eines Tages in der Kneipe auftritt. Ihre Begleiter lassen sie mittellos sitzen und machen sich aus dem Staub. Der kranke Alte aber führt sie mit seinem Spiel zum künstlerischen Triumph, der die Sängerin aber zugleich, unter den gierigen Augen des Dorfkrösus, der sie mit Schnaps und Geld traktiert, zum gekauften Objekt seiner sexuellen Gewalt werden lässt. Mit äußerster psychologischer Subtilität und analytischer Imaginationskraft „inszeniert“ Tisma hier ein veristisches Drama in einer Dorfkneipe; unterlegt ist ihm aber auch eine Reflexion über Kunst, erotischer Massensuggestion und Vernichtung.


Wolfram Schütte

 


Alexandar Tisma: „Ohne einen Schrei“. Erzählungen. Aus dem Serbischen von Baraba Antkowiak, Carl Hanser Verlag, München 2001, 226 Seiten, 36.80 Fr.

... bis sie dann gestorben sind.

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