TITEL kulturmagazin
Samstag, 25. März 2017 | 08:52

 

Ralf Rothmann: Ein Winter unter Hirschen

23.02.2004

 


Hommage an ein singuläres literarisches Ereignis:

Ralf Rothmanns zwölf Erzählungen
Ein Winter unter Hirschen



 

Bevor man den Sprach-Raum mit den zwölf Erzählungen betritt, erwartet einen am Eingang zu "Ein Winter unter Hirschen" ein Zitat von Cesare Pavese: "Ein furchtbare Kraft ist in uns, die Freiheit. Man kann die Unschuld berühren. Man ist zum Leiden bereit". Drei lakonische Sätze: Freiheit, Unschuld, Leiden. Klingt fast eher nach Dostojewski. Eigenartig jedenfalls, heute derartig "schwere" Worte als Entréebillet für die Sammlung von Erzählungen des 47jährigen Ralf Rothmann präsentiert zu bekommen.

So erstaunlich aber wiederum auch nicht, wenn man das Rothmannsche Erzählkaleidoskop erst einmal mit allen seinen kombinatorischen Facetten und Finessen durchmessen hat: fasziniert, bewegt, beglückt - aber auch verstört. Hier ist ein Erzähler, der einen nicht loslässt, weil die Rätsel seiner Geschichten erst recht beginnen, wenn er zu erzählen aufgehört hat. Was hat man da eigentlich gelesen & wovon hat man sich derart in Bann schlagen lassen? Denn dass der heute in Berlin lebende, in Schleswig geborene, im Ruhrgebiet aufgewachsene literarische Einzelgänger auf der Höhe seiner literarischen Möglichkeiten ist, steht außer Zweifel.

Fasziniert ist man von der sprachlichen Genauigkeit und evokativen Präzision, mit der Rothmann dreimal auktorial und neunmal in Rollenprosa uns meist alltägliche Lebensaugenblicke unauffälliger Menschen verdichtet, die einem danach scharf umrissen vor Augen stehen: die Hausratsteilung nach einer gescheiterten Ehe, die zufällige Entdeckung des Bordellbesuchs des Vaters, die Einsamkeit zweier junger Frauen im Umgang mit den Männern, die verschwiegene Angst des bald Arbeitslosen, das langsame Sterben der ausgemusterten Frührentner. Aber auch die wortlos bleibende weibliche Frustration in der Ehe an der Seite von kalten Ehemännern, die Isolation eines tumben Jungen, dessen Körper beim ländlichen Gemetzel der Mäuse in der Scheune zur leibhaften Zufluchtstätte der Tiere wurde, die rätselhafte Versammlung von Hirschen im Blickfeld eines Gelegenheitswilderers, das unerklärliche Wissen einer kurzzeitig Toten, die von Handlungen während ihrer Abwesenheit weiß oder die seltsame & lebensrettende Bekanntschaft mit einem weißen Hund und einem gehetzten Jungen, der zu Tode kommt - und schließlich, in der einzigen historischen Erzählung, die Erfahrung eines alten Hirten im Jordantal, der Zeuge einer Wunderheilung des "Nazareners" wird.

Die hier von mir angeschlagenen Themen der Erzählungen führen jedoch genauso in die Irre wie die von Rothmann dafür gewählten Titel. Auf Verlässliches ist hier nicht zu bauen. Man kann seine Erzählungen lesen wie andere (realistische) auch. Dann sind es sympathetische Nachrichten von den "Erniedrigten und Beleidigten" (Dostojewski) in unserer Gesellschaft, vom Leiden in der Freiheit, vom Verlust der Unschuld im Gemetzel der Tage. Aber, genau genommen, kann man sie doch nicht so einfach lesen, weil die Art der bewusst lückenhaften Rothmannschen Erzählweise, ihre mäandrierende narrative Dramaturgie sich summarischen Erkenntnissen entgegenstellt und man immer wieder beunruhigt bemerkt, dass einem am Ende womöglich "das Wesentliche" dieser Erzählungen verborgen geblieben ist.

Denn nicht nur rufen sie unendlich vielmehr lebende Bilder und minimalste Momentaufnahmen in uns Lesern hervor, als bloß die um ihr scheinbares Thema versammelten. Mit jeder Erzählung schafft Rothmanns präzise, kalkulierte Sprachstrategie emotionale und visuelle Sinnlichkeits-Präsenzen, die eine erstaunliche Nähe zur Bedeutungspolyphonie des Kinos aufweisen. Die zwölf Geschichten sind reich an scheinbar nebensächlichen Details, die den Raum der Erzählungen jedoch vielfältig erweitern & sie als Ganze vieldeutig machen. Betrachtete man die Erzählungen z.B. wie Bilder (zu denen sie oft erstarren), so erweckten sie den Eindruck, als gäbe es keine "Zentralperspektive", sondern ein geheimes Muster von verborgenen Zusammenhängen.

Unabweisbar wird dadurch aber auch die verstörende Ahnung, dass das "wirklich" von Rothmann höchst wechsel- & rollenhaft Erzählte nicht nur jenseits des sichtbar Angesprochenen zu suchen wäre, sondern die Mehrdeutigkeit das von ihm zu erreichende Ziel seiner oft meisterhaft durchkomponierten Prosa ist. Sie ist in unterschiedlichen Dichtegraden vielstimmig codiert, steckt voller Anspielungs-Geheimnisse und Andeutungs-Wunder, die Wort für Wort und Satz für Satz Aufmerksamkeit verlangen. Seine Prosa erreicht ihre nachhallende Verstörungskraft besonders dort, wo sie auf dem Höhepunkt des panischen Entsetzens lakonisch innehält - und uns mit den Helden allein lässt.

Das ist z.B. der Fall, wenn in der Titel-Erzählung während eines europaweiten Sturmunwetters mit sibirischem Kälteeinbruch sich die Tiere scharenweise am Waldrand in Sichtweite eines abgelegenen Hauses zusammendrängten, als die (erzählende) Frau und ihr angetrunkener Liebhaber miteinander sexuell verkehrten. Während die Frau nun an das "dort stehende Vermögen" an Hirschen denkt, das der Revierschoner, der auch schon auf eigene Rechnung wilderte, nur abzuknallen brauchte, geht der unsympathische Typ nicht zum Gewehrschrank, sondern "blickt sich im Zimmer um, musterte dessen Deckenbalken, als sähe er sie zum erstenmal" und sagt: "Wo ist die Kleine?". Mit diesem letzten Satz der Erzählung wird blitzartig alles in Frage gestellt, was uns zuvor von ihm, der Frau und ihrer Tochter erzählerisch suggeriert wurde. Es war die Mutter, die ihre Tochter vergessen hatte in diesem Augenblick der angstbesetzten Naturkatastrophe; und der Mann, der nicht der Vater des Mädchens ist, das ihn hasst und kein Wort mehr mit ihm spricht und nun fern vom häuslichen Schutz in der fernen Stadt ist, wird ihm plötzlich zur Nächsten. Schien er zuvor als dumpfer Macho "gerichtet", so ist er jetzt als empfindender Mensch "gerettet".

Noch virtuoser scheinen mir in "Oktober" die Erwartungsfallen der Erzählung ausgelegt. Ein jung verheiratetes Paar im Berliner Reichenvorort Dahlem macht die Bekanntschaft von sympathischen Nachbarn: zwei Sechzigjährige, die sich offenbar immer noch leidenschaftlich lieben (was bei den Jüngeren nicht gar so ausgemacht erscheint). Jeden Sonntag - es ist in einem Hitzesommer, die Fenster stehen auf - hören die Jungen, die im Bett frühstücken, die anschwellenden Lust- und Orgasmusgeräusche aus dem Nachbarhaus der Älteren. Die junge Frau, die keinen Mann vor ihrem (beim Beischlaf schweigsamen) hatte, weiß nicht, was das zu bedeuten hat. "Du kannst vielleicht fragen", belehrt sie ihr Mann, "das ist der Ruf der Wildnis, Gänseblümchen... Die vögeln" - und wendet sich wieder seiner Zeitung zu. Damit ist noch nicht alles gesagt, obwohl in der Spanne vom "Ruf der Wildnis" zum Kosewort "Gänseblümchen" das intime Verhältnis der beiden sich ausdrückt. Denn die junge Frau, die oft allein ist und sich eine Promenadenmischung von Hund anschaffen durfte - er heißt "Oktober", wie die Erzählung -, muss ihren Oktober in Zaum halten, der auf das Lustgestöhne aus dem Schlafzimmer des Nachbarhauses wie auf den "wölfischen" Ruf der Wildnis (Jack London) mit Unruhe und erregtem Jaulen reagiert (was ihren Mann nun wieder peinlich ist und ihn verärgert). Kaum bekleidet läuft sie dem sichtlich aggressiv erregten Hund in den Garten hinterher - und beobachtet, während sie das Tier, das mit "den Kiefern knackte", mühsam zwischen ihren Beinen festhält, dass die Nachbarin auf der Gartenterrasse genüsslich frühstückt, während ihr Mann offensichtlich lautstark seinem Orgasmus zueilt - und der junge Ehemann, der sich eben eine Zigarette angezündet hatte, bereits wieder verärgert ins Haus gegangen ist: "Etwas Rauch schwebte in der Tür", schließt die Erzählung "Oktober": mit einer vollkommen visuell-atmosphärisch präsenten filmischen Einstellung.

Dass die jungen Eheleute sich vom erotischen "Ruf der Wildbahn" der glücklichen Alten nicht zu gleicher Lust animieren lassen, weil ihre Erotik völlig naturfern und rational kontrolliert ist, wäre eine Lesart der "Oktober"-Erzählung. Aber was deutet die unvermutete Entdeckung der jungen Frau an, die ja erkennt, dass das Ehepaar sich gar nicht gemeinsam zur Lusterfüllung treibt, weil die Frau auf der Terrasse Honig auf Toast träufelt, während ihr Mann im Schlafzimmer einsam jauchzt?
Wer genau (mit)gelesen hat, erinnert sich vielleicht daran, dass man vom Schlafzimmer der älteren Nachbarn ins Schlafzimmer des jungen Paars blicken konnte; und auch daran erinnert sich ein passionierter Rothmann-Leser, dass der "Alte", wann immer er die Junge sah oder ihr bei irgendwelchen Gartenarbeiten hilfsbereit zur Seite stand, sagte: "Laß Dir umarmen, Kleene!", und wenn er dann "seine Wange an ihre lehnte, griff er ihr unter die Achseln" und dabei "(berührte er) mit den Handballen ihre Brüste". Sollen wir also annehmen, dass hier ein Voyeur sonntäglich seiner Lust nachgeht? Das bleibt offen, zeigt aber, mit welchen subversiven Mitteln Rothmann seine erotische Kontrastaufnahme ausbalanciert.

Hubert Winkels hat in einer schlüssigen Rezension ("Die Zeit", 4. 10. 2001) ein Geheimnis von Rothmanns Erzählungen aufgedeckt. Offenbar von dem vor einem Jahr publizierten Gedichtband "Satori in Spandau" auf die Spur gebracht, nahm der hellsichtige Rezensent in den Erzählungen einen "meist gut verborgenen" literarisch-spirituellen kleinen Grenzverkehr zwischen dem "Profanen und dem Numinosen" wahr. Hinter dem "sozialen Realismus" der Rothmannschen Prosa verstecke sich eine christliche Weltsicht, die sich in seiner "Hingabe an seine Figuren, an ihre Nöte und Hoffnungen" zeige: "Es sind die zu kurz Gekommenen, die von Maloche Zerstörten, die spontan Helfenden, die für einen Augenblick einen Anruf zu vernehmen vermögen". So gelinge es ihm "durch das Wunder der präzisen Beiläufigkeit vom beiläufigen Wunder zu erzählen", ohne dabei in religiösen Kitsch oder Weltanschauungs- oder gar Erbauungsprosa zu verfallen.

Gegen Winkels, der in der einzigen Historischen Erzählung, die direkt vom Jesus-Wunder spricht, eher einen Schwächeanfall des sonst so diskreten Metaphysikers Rothmann konstatiert, halte ich auch dieses Nacht-Stück für gelungen. Weil auch in ihm ein Motiv präsent ist, das in fast allen Erzählungen anklingt, wo nicht gar zentral ist: die Tier-Metaphorik (vor allem immer wieder Hunde, aber auch Mäuse und Rehwild).

Tiere sind jedoch im christlichen Denken nicht sakralisiert, eher werden sie von der Beseelung und Erlösung ausgeschlossen, im Gegensatz zu asiatischen Religionen. So erscheint mir der weiße Schäfer(!)-Hund, der "Zwölf" genannt wird (wie die Zahl der Jünger Jesus & der Anzahl der Rothmannschen Erzählungen) weniger als "Schutzengel", wie Winkels annimmt, sondern mehr als Inkarnation einer Weisheit, welche "Schicke Mütze", in der gleichnamigen Erzählung, verkauft und den Erzähler, der "Zwölf" übernimmt, einmal sogar das Leben rettet. Dass jedoch "Zwölf" im Augenblick des Todes von "Häuptling Schicke Mütze" anwesend ist, obwohl er doch, mit der Freundin des Erzählers an der Ostsee sich aufhält, gehört zu einem Suspense, der speziell diese Erzählung (wie auch "Sänger" und "Oktober") in der Nähe des surrealistischen Erzählkosmos´ eines Julio Cortázar lokalisiert. Gerade "Schicke Mütze" scheint so vielfältig mit christlichen, hinduistischen-buddhistischen, dostojewskischen und chamissoischen Motiven unterfüttert zu sein, dass man fast mutmaßen könnte, der virtuose Erzähler Ralf Rothmann, der uns durch seine Empathie für seine vom Leben bedrängten Menschen bewegt, habe in dieser Erzählung noch etwas mehr versucht als in allen anderen: eine mythologisch-literarische Vielstimmigkeit - ähnlich Arno Schmidts "Caliban über Setebos", dieser Orpheus-Paraphrase.
Ralf Rothmanns "Ein Winter unter Hirschen" - eine unerhört reiche, komplexe, nachhallende literarische Phantasie-Arbeit - ist ein singuläres Ereignis in der deutschsprachigen Prosa dieses Jahres.

Von Wolfram Schütte



Ralf Rothmann: "Ein Winter unter Hirschen", Erzählungen, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M. 2001, 195 Seiten, 38 DM

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter