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Rainer Baginski: Das drittletzte Kind

23.02.2004



Wie zu leben & zu lieben sei

Rainer Baginskis bewegendes Les-Buch
Das drittletzte Kind




 

Nicht wenige unserer jüngeren Autoren & Autorinnen debütieren mit Wahrheiten und Dichtungen aus ihrem Bis-dato-Leben, und wenn dann der schmale Selbsterlebensstoff aufgebraucht ist und dichterische Phantasie sich nicht einstellt, gehen sie zu Kopfgeburten über, mit denen sie sich noch eine lange Weile über Wasser halten.

Der Selberlebensbeschreiber Rainer Baginski, heute ein Sechziger, debütiert nun als literarischer Seiteneinsteiger mit einem Buch von gleich 615 Seiten und dem merkwürdigen Titel "Das drittletzte Kind" - und damit keiner auf falsche Gedanken kommt, trägt das außerordentlich schön gestaltete Buch (mit einem in Phasen zerlegten Wattenseepanorama auf dem Schutzumschlag und den vier Innenseiten) den Untertitel "Kein Roman".

Kein "Roman" ist es, wenn unter dem Terminus ein Erzählwälzer verstanden würde, der, wie bei den ersterwähnten Jungstars, sich erzählerisch am eigenen Leben entlanghangelt. Das ist bei einem 1939 Geborenen durchaus erlebnisreich, füllig & interessant; mehr noch: eine zeit- & generationstypische (bundes)deutsche Biografie. Der Vater, frühes NSDAP- & SA-Mitglied, ist mit Rommels Armee in Afrika gefallen, als der Sohn noch nicht einmal 2 Jahre alt war. Lange bleibt er dem Jugendlichen ein nazistisches Rätsel und ein Gegenstand der Scham, erst recht, als die Mutter einmal von der väterlichen Bekanntschaft mit Adolf Eichmann spricht.

Der junge Baginski studierte in den schönen Sechzigern in Adornos Frankfurt, war dann im SDS und erlebte später als Werbetexter ein High Life mit Haus in der Toskana, an wechselnden Wohnorten im Bayrischen Voralpenland oder München, in Düsseldorf oder dem Rhein-Mainischen Vortaunus, war mit Alfa Romeo und Jaguar zur Kundschaft zwischen Jägermeister und F.D.P. unterwegs und reüssierte dabei als homme à femmes so erfolgreich wie in seinem lukrativen Beruf - ohne doch die alten Weggenossen und Freunde, wenn vielleicht auch aus den Augen, so doch nicht ganz aus dem Sinn zu verlieren.

Da hat Baginski viel zu erzählen: mal anekdotisch (wie er z.B. in einer Münchner Nacht auf der Straße mit F.J.Strauß zusammenstieß und dessen Leibwächter schon ihre Waffen zückten) mal porträtistisch vom folgenreichen Aufstieg und traurigen Fall von Sam Wahrhaftig, dem Mitarbeiter der US-Militärbehörden. Er vergab in Frankfurt die Zeitungslizenzen, finanzierte Eugen Kogons "Frankfurter Hefte", wurde wegen "unamerikanischer Umtriebe" durch McCarthy kaltgestellt und fand in der prosperierenden Bundesrepublik ein tragisches Ende. Keiner hat ihn gewürdigt, als er Hilfe brauchte. Baginski, der junge Freund und sein zeitweiliger "Ghostwriter" hat ihm nun einen ehrenden Nachruf geschrieben. Ebenso aber auch eine Momentaufnahme des Zerfalls der Protestgeneration auf dem "Familientreff" von Rudi Dutschkes Beerdigung.

Von "Vergessenen und Untergegangenen", Freunden und Bekannten, deren Weg er kreuzte und die ihr Glück oder Unglück machten, auftauchten und verschwanden, kann er viele kuriose, traurige oder komische Geschichten erzählen - immer warmherzig, sympathetisch -, und was seine Rolle dabei angeht: auch aufrichtig. Bewegend sind diese Rück- & Einblicke in die Lebensweisen der Sechziger bis 90iger Jahre - wie auch Baginskis enthusiastische Erinnerungen an erste Lieben und spätere Geliebte. Gerade in seinem nun literarisch nachgeschriebenen erotischen Verhältnis zu Frauen besitzt er eine Anmut und Liebenswürdigkeit - nicht zu vergessen: auch eine schöne Diskretion -, die ihn zu einem literarischen Zeitgenossen Francois Truffauts macht, des "Mannes, der die Frauen liebte"...
Aber gleich muss gesagt sein: "Das drittletzte Kind" ist kein "Roman" als Autobiografie eines in die Jahre gekommenen "Art directors", der sein Name-dropping in die Welt setzt. Wenn schon, dann eine geistige Biographie der letzten Fünfzig Jahre in der Bundesrepublik. Denn das höchst erstaunliche Buch lebt, entfaltet sich und brilliert dank eines raffinierten erzählerisch-essayistischen Kunstverstandes, der wie in Laurence Sternes "Tristram Shandy", Lebensstoff und Gedankenflug seines Autors humoristisch und sentimentalisch in einem spielerisch immer aufs neue gedrehten Kaleidoskop uns vor Augen rückt. Dabei purzeln die Zeiten ebenso durcheinander wie die vielen Themen, zu denen der Autor, mal erzählplaudernd, mal essayistisch, mal zitierend abschweift (& doch bei der Sache bleibt) - in den 101 Kapiteln, mit denen er seine Tour d`Horizon bis zum Nullten Kapitel (& einem Epilog) zurückerzählt.

Beginnend mit der Frage: "Wie wird die Welt wohl zur Welt für solch ein Kind?", setzt das Buch mit der Imagination der eigenen Geburt ein; und es endet (vor dem Epilog) mit der Feststellung: "Ein Kind, das noch ein ganzes Leben vor sich hatte. Ein ganzes Leben minus einen halben Tag": - dem Geburtstag der Tochter Laura, dem "drittletzten Kind" eine bayrischen Hebamme. Was sich hier mit zwei Geburten rundet, ist das Thema von Baginskis ausschweifend-ausgreifendem und nicht selten auch ergreifendem Buch: - wie nämlich zu leben sei; und dass Montaigne sein Schutzheiliger ist, wird verständlich, weil beim aufrichtigen Selbstbeobachter im Bordelais diese grundlegende philosophische Frage zum erstenmal in der Moderne radikal gestellt und gelebt worden war.
Wie in dessen "Essais" versucht auch Rainer Baginski seine Lebens-Erfahrungen im Lichte seiner Welt-Beschäftigungen transparent zu machen. Dabei hat er sich in der Wissenschaft wie der Kunst, in Philosophie und Paläontologie, in der Literatur und der Geschichte umgesehen und kundig gemacht und was er dort vorfand, in sein Buch aufgenommen, es an eigenen Erfahrungen verifiziert und diskutiert. So ist das "Drittletzte Kind" nicht nur ein wahrhaftiges Lese-Buch des eigenen Lebens, sondern auch der erstaunlichsten, kundigen Lektüren. Man kann daraus, durch des Autors geschmeidigen Stil und sein spannendes Erzählen beflügelt, auch viel lernen fürs eigene (Er)Leben.

Rainer Baginski hat die Geburt seiner Tochter und das tagtägliche Zusammenleben mit dem Kind "wie zufällig das Fenster auf eine Welt geöffnet, die jeder von uns durchschritten hat, freilich ohne sich daran erinnern zu können". Für die Tochter habe er - wie Uwe Johnsons Gesine Cresspahl ihre "Jahrestage" für ihre Tochter Marie - zuerst geschrieben. Er wollte dem geliebten Kind "mitteilbar machen, dass auch die Welt selbst sich ihrer Entzauberung widersetzt, dass es eine Art Trivialmagie des Alltags gibt", die sich ihm (wie auch dem Rezensenten) z.B. in einer Fülle von "Koinzidenzen" mitteilt, denen Baginski eine fortgesetzte Kapitelfolge widmet. "Musik des Zufalls" hat Paul Auster diesen "Zauber des Ungeplanten, Zufälligen" genannt, wenn es z.B. zu "Gedankenübertragungen" kommt; und mögen solche "Synchronizitäten" (C.G.Jung) auch in die Nähe von "New Age" kommen - da Baginski jedoch "ohne Aneignungszwänge dem akausal Zusammenhängenden" begegnet, keine "mystische Sinnhaftigkeit" in den Symmetrien solcher surrealen Zusammentreffen erblickt, ist er gefeit gegen weitläufig-tiefgründelnde Spintisierereien.
Aber bereit für ein herz- & gedankenoffenes "Staunen im Sinne von Descartes", der darin "die erste aller Leidenschaften" sah - wie die Philosophie ja überhaupt mit dem Staunen beginnt: "Respekt vor dem Neuen, dem Fremden, Anderen" und der grundsätzlichen "Bereitschaft, Distanz zu wahren, bei allem denkbaren Verstehen die Integrität, denn Territorialanspruch der Dinge unangetastet zu lassen". Ja, Baginski erblickt darin auch eine "intellektuelle Ökonomie vor dem Kapitalismus, der mit dem Verstehen immer auch die Aneignung vollzieht, der die Welt ohne Federlesen in Besitz nimmt und sogleich mit ihrer Plünderung beginnt".
Das Buch beginnt und endet nicht bloß aus ästhetischen Gründen mit Geburten. Kindheit ist das A & O des Autors, das er am liebsten durch lebenslange "Kindlichkeit" (Staunen!) verbunden sähe. Er versteht darunter eine nicht mit dem fortschreitenden Alter nachlassende Wissbegierde, Spielfreude, Humor, Erinnerungskraft, Liebebedürftigkeit und Liebesbereitschaft, welche aus der frühkindlichen Phase der Wir-Verbundenheit in die spätere Ich-Werdung hinübergerettet und bewahrt wurde. Goethe sprach von einer "wiederholten Pubertät" - und Baginski, dessen ebenso kunterbunter wie dicht aufeinander verweisender gedanklicher und erzählerischer Sprachkosmos sich solchem synchronisierenden Vermögen verdankt, hat dafür bei einem seiner Lieblingsautoren, dem amerikanischen Wissenschaftshistoriker und Paläontologen Stephen Jay Gould, das Wort "Neotenie" gefunden.

Es bezeichnet einen fundamentalen Unterschied zwischen den Primaten und den Menschen. Während bei den Menschenaffen ab einem bestimmten Augenblick in ihrer Entwicklung "die Lernfähigkeit und damit auch jegliche individuelle Veränderbarkeit erlischt, ist der Mensch fähig, diese Phase der Jugendlichkeit bis ins Alter zu verlängern". Darin sei auch der Schlüssel zu unserer beschleunigten geistigen und kulturellen Entwicklung und zur Abkoppelung der Spezies Mensch vom allgemeinen Tempo der Evolution zu sehen.
Baginski kann für diese neotenische Vermögen eine Vielzahl von beispielhaften Biografien heranziehen - ob z.B. die von Hitchcock oder Braudel, von Carl von Linné oder von dem Physik-Nobelpreisträger R.P. Feynman, von Th.W. Adorno oder Montaigne. Immer erwuchs aus der frühkindlichen Prägung - nämlich das Staunen des Kindes über die Welt nicht nur ernst zu nehmen, sondern auch von ihm das verschüttete eigene Staunen wieder zu erlernen - die Fähigkeit, die Welt in ihrer ungeschmälerten Fülle wahrzunehmen". Nicht an einem "Mangel an Wundern, sondern an unserem Mangel, uns zu wundern, wird die Welt zugrunde gehen", zitiert Baginski den Biologen J.B.S. Haldane.

Wäre das Jesus-Wort "Werdet wie die Kinder, denn ihrer ist das Himmelreich" nicht weitgehend durch Einfältigkeit korrumpiert, es könnte dem Plädoyer für "Neotenie" als Alltagsverhalten zur Losung dienen. Rainer Baginskis ebenso "verwildertes" wie raffiniert komponiertes Mixtum Compositum einer Generations-Biographie mit einer geistig-kulturellen Physiognomik, die "Kindlichkeit" als Navigationsmittel favorisiert, um gegen die naturwissenschaftliche Entzauberung der Welt mit offenen Sinnen und liebenswürdiger Empathie ein menschenwürdiges Leben zu führen, zeigt auf jeder ihrer 615 Seiten, dass der von ihm erwünschte "Infantilismus der Neotenie" mitnichten einfältig oder gar dumm ist. Im Gegenteil: "Das drittletzte Kind" ist ein hochintelligentes, komplexes, spielerisches, humoristisches und vor allem ein menschenfreundliches Lese-Buch. Man kann mit ihm über eine lange Weile - ohne den Anflug von Langeweile - seine Zeit verbringen und in ihm heimisch werden. Also doch: wie in einem großen Roman. Für die 20 Euro, die es - nur bei Zweitausendundeins - kostet, bekommt man derzeit keinen besseren.


Wolfram Schütte

 


Rainer Baginski: "Das drittletzte Kind".
Kein Roman. Zweitausendundeins. 2002. 615 Seiten, 20 Euro

... bis sie dann gestorben sind.

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