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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. Juli 2017 | 14:42

     

    Nicolas Bouvier: Der Skorpionsfisch

    23.02.2004

     


    Tief in einem Traum versunken

     

     

    Nicolas Bouviers Reise-Notate aus Ceylon: Der Skorpionsfisch.



     

    Hans Magnus Enzensberger hat der Reise-Literatur in seiner "Anderen Bibliothek" viel & oft Raum eingeräumt. Das vor allem im Angelsächsischen hoch geschätzte Genre ist bei uns ein wenig dadurch und durch den passionierten Reisenden Cees Nooteboom wieder ins Blickfeld gerückt, nachdem die Reisebücher Koeppens, Anderschs und Enzensbergers selbst ("Ach, Europa") schon fast wieder vergessen waren. Bruce Chatwins Patagonien-Buch hatte womöglich Enzensberger zu seiner herausgeberischen Lücken-Füllerei ermutigt, wenngleich der literarische Reisebericht noch immer bei uns den Rang nicht erklommen hat, den Roman und Erzählung als Fiction-Höhepunkte innehaben. Dabei sind viele, meist autobiographische "Romane" mindestens so hybrid wie die Beschreibung des Lebens- & Liebesverhältnisses eines Körpers und Kopfes mit der Fremde - Gegenden, Ländern, Erdteilen, in die er vorgestoßen ist - und den Bericht von seiner existentiellen Erfahrung mit dieser neu- oder ersterlebten Welt festhält, mehr noch: diese Begegnung gestaltet. "Welthaltiger" als die meiste, lokale Introspektion in Roman & Erzählung ist solche Reiseliteratur allemal - und oft enthält sie letzte Augenblicke eines schon Verschwundenen. Das Genre ist so vielgestaltig wie der Roman, der Essay oder das Große Poem: ein weites literarisches Feld also.

    Jetzt wird, offenbar erstmals mit erwartbarem Erfolg im deutschsprachigen Raum, der Welschschweizer Nicolas Bouvier "entdeckt". Er war Photograph, Journalist und Schriftsteller, 1929 in Genf geboren, ist er 1998 gestorben. Der Ammann-Verlag hat seine Aufzeichnungen "Der Skorpionsfisch", 1981 auf französisch und 1989 erstmals auf deutsch in der neu durchgesehenen Übersetzung Barbara Ernis wieder vorgelegt. Um es gleich zu sagen: ein faszinierendes Buch, das von einer freiwilligen "Gefangenschaft" wie von einem immer tiefer ins Träumerische und Traumatische abtauchenden Reise erzählt. Bouvier hat von Indien nach Ceylon übergesetzt, er hat - was das Buch nur andeutet - eine strapaziöse Reise hinter sich, ist krank, ausgelaugt und finanziell abgebrannt, aber derart sonnendurchgerbt, dass man ihn unter den Tamilen für einen Inder hält. Zwei Schweizer Freunde - Hochzeiter, die in die Alpen zurückkehren - überlassen ihm ihre enge, kleine Hütte; er wird ein paar Monate von einem Minimum leben, am unteren Rand der Ceylonesischen Gesellschaft wie ausgesetzt, sich selbst dem dortigen Leben sich aussetzend: "Man reist nicht", sagt er uns über sich selbst, "um sich wie ein Christbaum mit Exotik und Anekdoten zu schmücken, aber damit die Straße einen rupft, ausspült, auswindet, wie jene vom Waschen fadenscheinig gewordenen Handtücher, welche mit einem Seifensplitter in den Bordellen gereicht werden. Man entfernt sich weit weg von den Alibis und den heimatlichen Verwünschungen... Ohne solches Losgelöstsein und diese Transparenz, wie kann man da hoffen zu zeigen, was man gesehen hat? Widerschein werden, Echo, Durchzug, stummer Gast am Ende der Tafel, bevor man den Mund aufmacht".

    Der Europäer, der hier in die Ceylonesische Fremde eintaucht, ohne den Rückhalt der Privilegien seiner Herkunft, hat gleichwohl sein geistiges Gepäck nicht abgeworfen. Der Intellektuelle verleugnet sich nicht, liest im Licht einer Funzel z.B. Montaignes Essais in einer frühen englischen Übersetzung oder kauft sich ein von einem Engländer anfangs des 20.Jahrhunderts in Indien publiziertes Buch über Insekten. Aber wenn er krank wird - und er wird krank - bleibt ihm nur die Behandlung in einem Krankenhaus, das eher ein Sterbehaus ist, jedoch "der fast ansteckende Übermut in der Gesellschaft der friedlich Sterbenden hat mich leichter als ein Rauchringlein gemacht". So leicht, dass er zum "Echo" und "Durchzug" für ein Wahrnehmen wird, das sich, wie die "Körper" während des Südostmonsuns "durch eine geheimnisvolle Osmose von Feuchtigkeit anschwellen", seine Psyche vollsaugt mit Gerüchen, Farben, Erlebnissen eines Lebensfatalismus, dem er sich "auf unserer Insel" anheimgibt. So trifft er in der Stadt M... noch auf jene Verbindung von Geistern und Exorzisten, Dämonen und Abergläubigen, die schon Buddha vor Jahrtausenden dort zu vertreiben suchte, was ihm und allen anderen, die versuchten, sich die Insel zu unterwerfen, in manchen Gegenden gelungen ist. Gleichwohl ist die Insel schon damals von unabsehbaren lokalen und individuellen Amokläufen, Bombenattentaten, fiebrig erfasst gewesen - bevor der längst nicht mehr verständliche heutige Bürgerkrieg mit den Kindersoldaten der "Tamilentiger" begann, der bis zum Augenblick dort tobt und wovon der auf Ceylon geborene kanadische Schriftsteller Michael o­ndaatje in seinem letzten Roman "Handschrift" erzählt.

    Die allermerkwürdigste von den Geschichten, die Nicolas Bouvier in seiner metaphernreichen, sinn(en)betörenden Prosa uns auftischt, ist die mehrfache Begegnung mit dem längst gestorbenen Jesuiten und Linguisten Pater Alvaro, einem Gespenst, das sich ihm nächtlich zugesellt und seine Artikel für die Hauptstadtzeitung, mit der sich der Schriftsteller spärlich seinen armseligen Unterhalt verdient, semantisch aufpoliert. So suggestiv beschreibt Bouvier seine Gespräche mit dem der Kirche ins Dämonische entlaufenen, unerlösten Widergängers, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als ihm zu glauben - oder ihm doch (wie Dante in die Hölle) auf seinem ceylonesischen Weg zu folgen, den er mit einem Satz Rudyard Kiplings annonciert: "Einen Steinwurf weit weg/ nach rechts oder links von dieser/ geordneten Straße, auf der wir gehen, / und schon ist die Welt wild und eigenartig".

    Als Bouvier, nach einer letzten, bedrohlichen Begegnung mit einem Zauberer, der sich sechs kleine Messer in Nacken und Kehle stößt, ohne dass ein Tropfen Blut aus den Einstichstellen herausquoll, "stumm vor Schrecken" hinwegeilt und sich an einem Schild die Augenbraue verletzt, packt er fluchtartig & blutend seine sieben Sachen und verlässt seine blaue Dachkammer, wo er "so lange gefangen gewesen war. Sie vibrierte von einer unsagbaren Musik" - eine Vibration seiner Tage und Nächte auf Ceylon, die in der Sammlung von stilistisch unterschiedlichen, aber gleichbleibend dicht, tropisch, glimmend verfassten Halluzinationen seiner Reise ans Ende der hitzeflimmernden Nacht auf jeder der 158 Seiten dieses großen Kleinen Buches nachzittert. Es ist, als habe man einen schweren Traum durchlebt.


    Wolfram Schütte



    Nicolas Bouvier: Der Skorpionsfisch.
    Aus dem Französischen von Barbara Erni.
    Ammann-Verlag 2002
    Engl. Broschur. 158 Seiten. 12,50 Euro
    ISBN 325030011X

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