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Jonathan Littell: Ein Sonntag im Sommer

06.07.2009

Übung im Metadiskurs

Eine lange vor den Wohlgesinnten geschriebener, aber erst nach dem Welterfolg veröffentlichter Erzählband zeigt Jonathan Littell auf dem selbst gewählten Weg zum Großschriftsteller. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Die Etüde fordert das ganze Können ihres Interpreten heraus. Fingerfertigkeit und technische Brillanz werden hier ebenso trainiert wie das Selbstbewusstsein des Musizierenden – schließlich tritt er allein mit seinem Instrument vor das Publikum. Wenn Jonathan Littell eine Sammlung seiner Kurzgeschichten Études nennt, so spielt er mit unseren Erwartungen: Vor dem inneren Auge des Lesers tauchen unversehens die rasanten Geigenläufe Niccolò Paganinis, die perlenden Klavierstücke Frédéric Chopins auf – eine Tradition, in die sich Littell im intermedialen Dialog also ganz bewusst einreiht.

Das Kleine, Stille ist Jonathan Littells Sache noch nie gewesen. Seine Großkomposition Die Wohlgesinnten operiert mit dem musikalischen Vokabular eines anderen Giganten: Johann Sebastian Bach. Der Roman ist eine komplexe Fugenkomposition, intertextuell und intermedial, ein Rausch aus Blut, Gedärmen und Kot; pornografisch und exzessiv, verstörend in seiner brutalen Kühle, in seiner Poetik des Ekels, gewaltig und gewaltsam.

Kleine surreale Widerhaken

Die Études sind hier anderes gestrickt, doch auch sie atmen jenen Geist des Großintellektuellen, des Weltbewegenden und Weltbewegten; ein Geist, der die hiesige Feuilletondebatte über Littells Die Wohlgesinnten zu einer Farce aus persönlicher Antipathie und literaturkritischem Analphabetismus werden ließ. In der Tat erscheinen Littells theoretische Konstrukte, sein Hang zur vieldeutigen Selbsterklärung oftmals schwer genießbar; die eigene Bedeutung hängt gleichsam als Damoklesschwert über seinen Schriften – der Mann weiß, was er kann und er lässt es uns mit jedem Wort spüren.

Die Etüdensammlung, die im Deutschen seltsamerweise nach einer der versammelten Geschichten den Titel Ein Sonntag im Sommer trägt, macht hier keine Ausnahme. Der Verlagstext spricht von seinen literarischen Vätern Beckett und Kafka, man mag hier durchaus auch Thomas Bernhard und die poststrukturalistische Literaturtheorie noch mit in die Waagschale werfen, aber die Stoßrichtung ist klar: Diese Geschichten sind fiese, kleine real-surreale Widerhaken, die sich in ihrer schamlosen Konstruiertheit beständig selbst reflektieren.

Sie spielen zumeist im Umfeld von Littells eigener Tätigkeit für die humanitäre Organisation „Aktion gegen Hunger“ in Krisengebieten. Der namenlose Schrecken von Armut, Hunger und Krieg durchzieht diese Geschichten ebenso wie das rastlose Jetten von einer Arbeitsstelle zur nächsten. Fast alles an dieser Literatur ist gehetzt, sie geriert eine flirrende, zum Zerreißen gespannte Atmosphäre.

Anale Entladungen

In der vielleicht konsequentesten Erzählung wartet ein namenloser Protagonist in einer namenlosen Stadt auf seine Abberufung durch eine namenlose Organisation. Er wartet, bis er des Wartens überdrüssig wird. Alkohol, gewalttätiger Sex und eine seltsame anale Entladung säumen den Weg des Wartenden – bis das Warten zu guter Letzt implizit zu seinem Lebensinhalt erklärt wird: „Eines Tages war das Warten zu Ende. Aber Sie können sich sicher sein, es wird von Neuem beginnen.“ Das ist feiner literarischer Fatalismus, von kafkaesker Bedingungslosigkeit.

Doch vieles an diesen 1995 bis 2002 entstandenen Geschichten wirkt zu bemüht, zu konstruiert, um tatsächlich überzeugen zu können. Schon der junge Jonathan Littell schreibt im Bewusstsein seiner erstaunlichen literarischen Fähigkeiten, er zitiert, dekonstruiert, verunklart und verkompliziert – und vergisst darüber in der Tat allzu oft, eine echte Geschichte zu erzählen. Geradewegs paradigmatisch zeigt dies die den Band abschließende Erzählung „Vollendete Tatsache“, die vor allem Samuel Beckett abgelauscht zu sein scheint.

Der große Epiker Littell brauchte wohl den ganz großen und ganz schrecklichen Stoff, um zur vollen Blüte zu kommen, vieles holpert hier im offensichtlichen Metadiskurs vor sich hin. Klar bleibt nach der Lektüre der Etúdes, dass Die Wohlgesinnten nicht aus dem luftleeren Raum kamen und ihr Autor so schnell das literarische Parkett auch nicht mehr verlassen wird. Den Fingerübungen folgte die schrecklich-große Symphonie – man darf gespannt sein, wie sich der Weg des Autors Jonathan Littell fortsetzt.

 

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