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    William T. Vollmann: Hobo Blues

    22.06.2009

    Nach überall fahren

    Der amerikanische Schriftsteller William T. Vollmann hat nahezu die ganze Welt bereist. In Hobo Blues geht er auf die Suche nach einem amerikanischen Mythos, nach dem Sehnsuchtsort Cold Mountain und nach sich selbst. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

     

    Wer heute noch etwas mit dem Namen Don McLean verbindet, wird an die beiden Hits denken, die der Sänger Anfang der 1970er-Jahre mit American Pie und Vincent hatte, das erste Lied war gleichzeitig Hippiehymne und Hippieschwanengesang und wurde vor einigen Jahren nochmals von Madonna durch den Elektrowolf gedreht und auf MTV-kompatible vier Minuten zurechtgestutzt. Dass McLean später, als sein kommerzieller Stern schon im Sinken begriffen war, eine Platte mit dem Titel Homeless Brother aufnahm, wissen dagegen wahrscheinlich nur noch Plattenbörsianer. Es wäre interessant, zu erfahren, ob William T. Vollmann es weiß, der doch ganz sicher kein Plattenbörsianer ist und dessen neues Buch McLeans 35 Jahre altem Album in so vielem mindestens ähnelt. Da ist zunächst das Cover, der Blick aus einer geöffneten Güterwagentür auf die Prärie. Ähnliches gibt es als Foto bei Vollmann. Außerdem die Kerouac-Zitate, die Anekdoten über alte, weit gereiste Landstreicher, die bei McLean Andrew McCrew und bei Vollmann Ira oder Pittsburgh Ed heißen, schließlich der Ruch des Unzeitgemäßen, den der Güterzugtramp als soziale Erscheinung und als künstlerisches Sujet im Zeitalter des Düsenflugzeugs hat. „That homeless brother is my friend“, sang McLean über den „lonesome hobo“; „Inzwischen fange ich an, zu begreifen, dass er mein Bruder ist“, schreibt Vollmann. Kann es sein, dass der Hobo gerade in Phasen der stark spürbaren gesellschaftlichen Kontrolle als Gegenbild beschworen wird?

    Unbehaust in der Gegenwart

    Der unbehauste Wanderarbeiter, der quer durch die amerikanischen Weiten reiste, war in den 1930er-Jahren eine Erscheinung, die aus der Not der Great Depression entstand. Woody Guthrie verarbeitete dieses Leben in seinen Liedern, doch schon als Jack Kerouac aufbrach, verglich er die eigenen Erfahrungen mit den Berichten über eine frühere Zeit, die er nicht mehr kannte – seine Gegenwart war die McCarthy-Ära. Bob Dylan eiferte in seinen frühen Jahren Woody Guthrie nach und belebte den ungebundenen Hobo als Figur der Gegenkultur neu, als in den 1960er-Jahren Proteste gegen den Krieg in Vietnam und die schwarze Bürgerrechtsbewegung seitens der Regierung mit repressiven Maßnahmen beantwortet wurden. McLeans Platte fiel zusammen mit Nixon und Watergate. Nun also William T. Vollmann, der dem Mythos in unzähligen Büchern und Erzählungen, von Jack London über Thomas Wolfe zu Kerouac nachspürt, ihm aber auch selbst anhängt und sich mit seinem Buch, einer Mischung aus Essay, Tagebuch, Reportage und Reiseschilderung, in diese literarische Kette einreiht. Gleich zu Anfang weist er darauf hin, dass dieses Buch „zu Zeiten einer zugespitzten politischen Situation“ verfasst wurde. Er vergleicht die Welt, in der er lebt, mit der seines Vaters und Großvaters, und was er sieht, gefällt ihm nicht. „Nun blicke ich mich um in diesem meinem immer unamerikanischer werdenden Amerika, und ich rase vor Wut.“ Er zählt eine Reihe von „immer lauter und gebieterischer“ daherkommenden Verordnungen auf, berichtet, wie er vom FBI vernommen und an Flughäfen schikaniert worden ist, und stellt fest, dass er „manchmal ganz benommen vor Sehnsucht nach einem besseren Dasein“ ist.

    Sehnsucht nach Damals

    Diese Sehnsucht ist der Ursprung von Vollmanns Hobby, auf Güterzügen mitzureisen, und mit seinem Anliegen, sie für andere spürbar werden zu lassen, begibt er sich natürlich auf dünnes Eis. Wenn man sich als Leser für das, was ein Autor über sich selbst schreibt, schämt, ist das schließlich keine gute Situation, doch stellt sie sich hier zum Glück nur sehr selten ein. Sicher kann man sich über das Pathos seiner Freiheitssuche mokieren, über den Outlaw-Habitus in Sätzen wie „Ich bin stolz darauf, jedes erdenkliche Verbrechen begangen zu haben, das keine Opfer erfordert“ (das Foto auf dem Umschlag zeigt ihn sträflingshaft grob, mit kleinen Augen und fieser Lemmy-Kilminster-Warze), aber es liegen Welten zwischen Vollmanns Bekenntnissen und dem selbstgefälligen Gehabe eines, sagen wir, Andreas Altmann, und die sind literarischer Art. Vollmann ist ein begabter Stilist, und hier kennzeichnet seine Prosa gerade das scheinbar Unambitionierte des Stils, wenn es um Empfindungen geht. Hemingway wird mehrfach zitiert, und der riet einem Autor bekanntlich, den wahrsten Satz zu schreiben, den er kennt. Entsprechend sind bei Vollmann „die kiefernbestandenen Weiden“ und „das Blau und Indigo der Berge“ schlicht „von so herzzerreißender Schönheit, daß es mir die Tränen in die Augen trieb“. Dass dieses Land für dich und mich gemacht wurde, dieser Anspruch von Woody Guthrie klingt natürlich immer mit.

    Unterwegs nach Cold Mountain

    Vollmann wird in diesem Jahr fünfzig; mit Anfang zwanzig war er in Afghanistan, er war im Kongo und am Nordpol, er hat unter anderem einen siebenbändigen Romanzyklus über die frühe Besiedlung Amerikas geschrieben und ein etwa 3300 Seiten starkes Mammutwerk über die Ursachen und Formen von Gewalt. Er ist erwiesenermaßen Schriftsteller, ein rastloser zwar, aber ein Hobby ist das „trainhopping“ für ihn dennoch und noch dazu eines, das durch Polizisten, Wachmannschaften und Zäune erschwert wird. Für die echten Hobos, denen er über die Jahre begegnet ist, die er fotografiert hat und denen er sogar Geld für ihre Geschichten bezahlt hat, ist er ein Bürger. „Ich bin niemals aus finanziellen Gründen mit den Güterzügen gereist, auch nicht, um von Punkt A nach Punkt B zu gelangen – es sei denn, der letztere wäre Cold Mountain“, sagt Vollmann über sich selbst. Meistens ist es ihm und seinem Begleiter Steve, einem anderen Bürger, gleichgültig, wohin ein Zug fährt, solange sie nur wegkommen und unterwegs sein können. Riding Toward Everywhere, der amerikanische Originaltitel fängt es ganz gut ein. Die Frage „Wo bin ich?“ wird unterwegs zur Frage „Wer bin ich?“. Eine Antwort darauf kann er so wenig finden wie den Sehnsuchtsort Cold Mountain, der mit einem unbestimmten „Damals“ verschmilzt, nach dem er immer auf der Suche ist und sein wird. Aber dass er näher herankommt, wenn er unterwegs ist nach überall, dessen ist Vollmann sich sicher.

     

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