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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 06:03

     

    Leo Löwenthal / Siegfried Kracauer: In steter Freundschaft.

    23.02.2004




    Friedel & Leo (samt Teddie)

     

    Der Freundschafts-Briefwechsel Kracauer-Löwenthal.



     

    Von allen, die im engeren oder weiteren Sinne zur "Frankfurter Schule" gerechnet wurden, war wahrscheinlich Siegfried Kracauer (1889/1966) die tragischste Figur. Als ältester unter den wie er in Frankfurt a.M. geborenen Theodor Wiesengrund-Adorno (1903), Erich Fromm und Leo Löwenthal (beide 1900) fungierte er als deren früher philosophischer Mentor; und als sie, die er auch mit Benjamin, Bloch und Lukacs bekannt gemacht hatte, ihre Wege (und zum "Institut für Sozialforschung") gingen, blieb "Friedel", der Stotterer, zurück. Nur einer hielt "in steter Freundschaft" zu dem älteren Freund der frühen Frankfurter Jahre: Leo Löwenthal.

    Der Briefwechsel zwischen Leo Löwenthal und Siegfried Kracauer, den Peter-Erwin Jansen und Christian Schmidt eben bei zu Klampen herausgegeben hat, ist das seltene Beispiel für eine lebenslange Freundschaft, welche die ins Giftige changierenden Wechselfälle von Animositäten unter Wissenschaftlern, deren Interessen nahe beieinander liegen, souverän überstanden hat. Während aus der ersten Frankfurter Zeit bis zu den frühen Dreißiger Jahren nur die Briefe Kracauers erhalten sind, lässt sich der briefliche Austausch danach und erst recht während der Emigration nach 1933 von beiden Seiten rekonstruieren. Durch das Ungewicht zu Beginn, fehlt uns Löwenthals Briefstimme eben zu jener Zeit, als er feurig und zionistisch gegen die väterliche Assimilation mit jüdisch-messianischen Ausbrüchen revoltierte, wovon ihn der "areligiöse" Kracauer mit zäher Geduld "kurierte". Kracauer versuchte Löwenthal, wie dem noch jüngeren Wiesengrund-Adorno, den ihm höchst dubiosen, charismatischen Ernst Bloch als metaphysischem Leuchtturm in kritischer Zeit zu verleiden.
    So blicken wir nun in Kracauers Briefen am tiefsten in die Seele "Friedels", wie er sich nannte und nennen ließ. Mit staunender Bewunderung beobachtet er den jungen "Teddie", berichtet dem von Frankfurt abwesenden Leo von Teddies rasanter intellektueller Entwicklung und als dieser immer eigenwilliger wird, beichtet Friedel dem mittlerweile zum Duzfreund gewordenen Leo von seiner "unnatürliche Leidenschaft für diesen Menschen", die er sich "nur so erklären kann, dass ich eben geistig doch homosexuell bin". Ein erstaunliches Bekenntnis des damals 35jährigen Redakteurs der "Frankfurter Zeitung" über seine Affinität zu dem gerade einmal 21jährigen Genie, das sich seinem geistigen Einfluss entzieht und zum Kompositionsunterricht zu Alban Berg nach Wien begibt. Der junge Adorno aus reichem Haus entgleitet als Musiker dem musikalischen Ignoranten Kracauer, und selbst wenn "Teddie" seine Habilitation 1931 noch Kracauer widmen wird, hat er sich doch damals schon unter dem Einfluss Walter Benjamins und Max Horkheimers begeben - und er war mit 28 Jahren Philosophie-Professor, während Kracauer immer noch (und nicht mehr lange) nur (weitgehend mittelloser) Feuilletonredakteur der "FZ" geblieben war. Solange der intime Briefwechsel Adorno-Kracauer unpubliziert bleibt, geben einzig die Erwähnungen Adornos in den Briefen Kracauers an Löwenthal (der sich dazu bedeckt hält, war er ja auch wie Teddie Mitglied des "Instituts für Sozialforschung") Aufschluss über die prekäre Beziehung zwischen beiden.

    Während Kracauer, von der FZ gekündigt, seit 1933 ärmlich im französischen Exil in Paris sich über Wasser hält, Löwenthal erst in Genf (bis 1934) und dann in den USA am Institut arbeitet und TWA in Oxford als Student ist und immer wieder (bis 1937) zu seiner Freundin Gretel nach Berlin und zu den Eltern in Frankfurt am Main fährt, hält Löwenthal den Kontakt mit Kracauer aufrecht. "Leo" ist es allein, der Kracauer und seiner nicht-jüdischen Frau im letzten Moment noch die Flucht aus Europa in die USA zu ermöglicht und dort dafür sorgt, dass "Friedel" wechselnde Anstellungen und Aufträge erhält, die dem wohl nicht besonders lebesnahen Paar den Lebensunterhalt garantieren. Denn es war ausgemacht, dass am "Institut" kein Platz weder für Ernst Bloch noch für Kracauer war. (In beiden Fällen spielen Horkheimer und Adorno, die in den USA erst so recht sich miteinander verschweißen, keine rühmliche Rolle).
    Es ist nicht nur Löwenthals insistente Energie, für den älteren Frankfurter Freund zu sorgen, die aus dem Briefwechsel hervortritt, ein bewundernswertes Zeugnis von Mut und Menschenfreundlichkeit; der briefliche Austausch zwischen den beiden Ost- und Westküstenbewohner bleibt über die amerikanischen Jahre hinweg von der gleichen Warmherzigkeit, Fürsorge und Herzlichkeit - selbst wenn sie oft jährlich nur anlässlich ihrer Geburtstage miteinander korrespondieren oder sich hin- und wieder gegenseitig bei der Suche nach Verlagen für ihre Arbeiten helfen. Schön ist auch die Idee, wie sie sich zu ihren Geburtstagen beschenken - indem sie sich jeweils ihre Wunschbücher mitteilen, woraus man nachträglich ihre Interessen rekonstruieren vermag. Zwar fahren Kracauers nach dem Ende des Kriegs öfters zum Urlaub nach Europa, was sie sehr genießen; sie kehren doch auch wieder glücklich in die neuen Heimat der USA zurück, Europa - zumindest dessen intellektuelle Szene - ist ihnen fremd geworden.

    Als Löwenthal mit dem Institut über die Frage seiner Zukunft oder eine finanzielle Abfindung in Schwierigkeit mit Horkheimer und Adorno gerät (wieder ein dunkler Punkt in der Institutsgeschichte), die sich ganz nach Frankfurt zurückbewegt haben, kommt Kracauer - was das angeht: ein gebranntes Kind - in die Situation, dem Freund einmal tröstend zur Seite zu stehen. Aber noch immer geistert "Teddie", der in der Bundesrepublik berühmt wird und alle seine Publikationen Kracauer schickt, durch "Friedels" Briefe an "Leo": ein langer Schattenwurf. Noch in einem Brief seiner Witwe von 1969, die gerade von Teddies Tod erfährt, kommt sie auf die Freundschaft Kracauers zu seinem ersten Frankfurter "Schüler", der´s nicht lange blieb, zu sprechen. Vermutlich sind solche Spuren als letzte Anzeichen für eine stille und wohl auch bittere Liebe zu lesen, die mit der Trennung nicht erloschen ist, sondern sich als (nicht unkritische) Bewunderung Dauer bewahrte und den tragisch ins Hintertreffen geraten Siegfried Kracauer sogar "stolz" machte auf den ihn überflügelnden "Teddie".


    Wolfram Schütte



    Leo Löwenthal / Siegfried Kracauer: In steter Freundschaft. Briefwechsel. Herausgegeben von Peter-Erwin Jansen und Christian Schmidt. Mit einer Einleitung von Martin Jay.
    Zu Klampen Verlag 2003.
    Paperback. 292 Seiten. 24 ¤.
    ISBN 3-934920-27-6

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