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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 05:54

     

    Joseph Conrad: Ein Lächeln des Glücks

    23.02.2004

     

    Tragische Geschäftsbeziehungen

    In seiner bisher noch recht unbekannten Erzählung "Ein Lächeln des Glücks" zeigt Joseph Conrad seine erzählerische Meisterschaft im Konzentrat.


     

    Unter den vielen Erzählungen, Essays und vor allem Romanen Joseph Conrads (1857 - 1924) zählt die 1912 zusammen mit „Freya von den sieben Inseln“ und „Der stille Teilhaber“ in der Trilogie „Zwischen Land und See“ erschienene lange Erzählung „Ein Lächeln des Glücks“ zu den unbekannteren Arbeiten des in Polen geborenen britischen Seemanns, der Flaubert und Maupassant liebte, aber englisch schrieb und einer der größten Stilisten der britischen Literatur des 20.Jahrhunderts war.

    Die deutsche Schriftstellerin Brigitte Kronauer ist eine (nicht unkritische) Bewunderin Conrads. Wahrscheinlich kennt außerhalb der Anglisten bei uns keiner besser das umfangreiche Oeuvre des einst von André Gide und Thomas Mann hochgeschätzten Autors von „Lord Jim“ oder „Das Herz der Finsternis“, der nur durch seine Sujets in Verbindung mit Robert Louis Stevenson („Die Schatzinsel“) und durch die häufige fernöstliche Thematik mit seinem anderen britischen Zeitgenossen Rudyard Kipling („Das Dschungelbuch“) in oberflächliche Beziehung gebracht wurde.

    "Meisterliches Konzentrat"
    Bestimmt verdankt die „Bibliothek Suhrkamp“ nun die Separatpublikation von „Ein Lächeln des Glücks“ der Empfehlung Brigitte Kronauers, denn sie hat die merkwürdige „Hafengeschichte“ mit einem kundigen Nachwort versehen, in dem sie das 109-seitige Erzählstück als „meisterliches Konzentrat des Universums der Ambivalenz“ rühmt und gegen den heute „ irreführend süßlich klingenden Titel“ ins Feld führt, dass „Ein Lächeln des Glücks“ sich „viel weniger ans Gefühl als an den Kopf (wendet), weil seine wesentlichen Nachrichten im System, in den Nervensträngen der Geschichte, nicht in den Einzelgestalten begründet sind“ – wie das z.B. in Conrads monströsem Mr. Kurz im Herzen der afrikanischen Finsternis oder Lord Jim im Indischen Ozean oder Nostromo in Südamerika das Fall ist. Bei allen diesen ambivalenten, widersprüchlichen Helden Conrads, schreibt Kronauer, hätten die Leser die Möglichkeit, trotz aller Anteil nehmenden Faszination sich doch zuletzt von ihnen „abzustoßen“, im „Lächeln des Glücks“ aber dringe die Zweideutigkeit, die in den Details und deren erzählerischen Organisation platziert sei, „in den Leser ein“, und setze sich also subversiv in einem fort. Eine treffende Beobachtung.

    Erzählt wird von einem jungen Kapitän, der am Beginn seiner Karriere steht. Großzügig hat ihm ein Reeder sein Schiff anvertraut, mit dem er auf eigene Verantwortung möglichst lukrativen Handel im Indischen Ozean treiben soll. Auf einer Insel, die als „Perle des Ozeans“ bezeichnet wird und ihm als „traumhaft schöne Vision“ aus dem Ozean aufsteigt, soll er Zuckerrohr laden, das einzige, wovon man auf dem Eiland lebt. Bevor er morgens an Land gegangen ist, wird er aber schon von einem unangemeldeten Besucher belästigt, der jedoch zugleich ein opulentes Frühstück mitbringt und damit andere Konkurrenten aus dem Feld schlägt. Zwar scheint dieser Herr Jacobus „ein würdiger, sehr gelassener Mann“, jedoch im Verlauf des Frühstücks stellt sich heraus, dass er gar nicht der vom Reeder annoncierte „hilfreiche Geschäftsmann“ ist, der dem im Handel unerfahrenen Kapitän „zu einem einträglichen Frachtabschluss verhelfen“ soll , sondern dessen Bruder, der „Schiffsbedarf aller Art“ verkaufen will, nicht aber das einzig erwünschte Zuckerrohr.

    Im Dschungel von Pflicht und Neigung
    Bereits mit dieser skurrilen Eingangssequenz wird ein „finsterer Anschlag“ auf die „kaufmännische Unschuld“ des bislang einzig der Seefahrt mächtigen jungen Kapitäns versucht. So empfindet er es selbst – und wir mit ihm, denn wie so oft bei Conrad ist der Held ein Selbererzähler, der auf sein Leben zurückblickt. Der Schriftsteller gibt dem namenlosen Helden ein wenig & ironisch die eigenen Züge, wenn er ihn naiv reflektieren lässt: „Warum muß die See für Handel und auch noch Kriege herhalten.... um selbstsüchtiger Ziele willen, die am Ende nicht von großer Bedeutung sind? Es wäre doch weit angenehmer, nur herumzusegeln, hier und dort einen Flecken Land anzulaufen, um sich die Beine zu vertreten, ein paar Bücher zu kaufen und für eine Weile Abwechslung im Küchenzettel zu haben“. Schön wär´s – und auch etwas weltfremd, gewiss. Da aber „die Welt hoffnungslos merkantil ist“, muss sich der idealistische Kapitän wohl oder übel an Land zum Händler machen. Er wird sich denn auch im Folgenden hoffnungslos im Dschungel von Pflicht und Neigung verirren, zum einen weil die Löschung des Zuckerrohrs erst einmal an fehlenden Transportsäcken zu scheitern droht, zum anderen, weil sich der „falsche“ Jacobus wie eine Klette an ihn hängt und ihm selbst gezüchtete Kartoffeln verkaufen will. Und schließlich, vor allem, weil der Kapitän in der langen Wartezeit auf der „Perle des Ozeans“ im Haus des Jacobus aus - & eingeht und er zunehmend fasziniert ist von der im tropischen Garten des schleimigen Jacobus wie ein menschliches Wildgewächs gehalten Tochter Alice – ein mit dünnem Stoff verhülltes, schweigsames, abweisendes Geschöpf von „zigeunerhafter“ Schönheit, bewacht von einer alten hässlichen Vettel, die den männlichen Eindringling aus einer Welt, die das Wolfskind noch nie gesehen hat, verächtlich macht.

    Absonderliche Liebesgeschichte
    Unter den vielen unglücklichen Liebesgeschichten, die uns Joseph Conrad erzählt hat, ist diese eine der absonderlichsten, weil am Ende in dem Dreieck Jacobus (Vater), Alice (Tochter) und Kapitän keine(r) unsere Sympathie gewinnt – auch nicht der Erzähler, durch dessen Worte wir überhaupt Zeugen einer un(er)lösbaren menschlichen Tragödie werden, in welcher die „Merkantilisierung“ der Welt alle hochherzigen Hoffnungen von „der Macht der Liebe“ vernichtet.

    Die erzählerische Meisterschaft Conrads zeigt sich nicht nur in einem dichten Motivgeflecht, das er leitmotivisch durchspielt, und seine psychologische Subtilität in der wechselnden, „flackernden“(Kronauer) Beleuchtung, in der jede Person und ihr Charakter changiert, sondern erst recht darin, dass wir der scheinbaren Rechtfertigung des jungen Selbsterzählers und seiner „heroischen“ Flucht auch noch Scham und Schande seines Verzagens und Versagens ablesen können. Das soll ihm erst einmal einer unserer Rollenprosaschreiber nachmachen!


    Wolfram Schütte

     


    Joseph Conrad: Ein Lächeln des Glücks, Hafengeschichte. Aus dem Englischen von Ernst Wagner. Mit einem Nachwort von Brigitte Kronauer. Band 1368 der Bibliothek Suhrkamp. Frankfurt a.M. 2003, 124 Seiten 11.80 ¤

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