• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 22. Juli 2017 | 02:45

    Maeve Brennan: Der Morgen nach dem großen Feuer

    11.05.2009

    Schreckliches Verlangen

    Neu war und immer noch unvergleichlich an Brennans Texten ist die Nüchternheit, mit der sie ihren Figuren zuschaut - Und deshalb die einfache, klare Sprache, die ohne Stereotypen, Wertungen oder Empathie erzwingende Tricks auskommt. THOMAS SCHAEFER über ein Stück Weltliteratur.

     

    Dass Judith Hermann in diesem Frühjahr ihren neuen, nunmehr dritten Band mit Erzählungen vorlegt, wird schon rituell als Höhepunkt der Literatursaison registriert und löst zuverlässig eine Resonanz aus, die in der Tradition jener unbegreiflichen Euphorie steht, die 1998 von Hermanns Debüt Sommerhaus, später entfacht wurde, eine gänzlich unverhältnismäßige Preisflut zur Folge hatte sowie Hymnen, die illustrieren, auf welch befremdliche Weise die professionelle Literaturkritik Texten aufsitzen kann, die ostentativ und nachweisbar primär, wenn nicht ausschließlich auf Effekte und Affekte abzielen. Dass Kritiker in Hermanns Prosa den „Sound einer neuen Generation“ ausmachten, ist mit literaturgeschichtlicher Kompetenz nicht zu erklären. Ohne den Ursachen des Hermann-Hypes an dieser Stelle weiter auf den Grund gehen zu wollen: Hermanns Töne waren und sind eben alles andere als neu. Das melancholisch bis melodramatische, immer wieder gern als „lakonisch“ bezeichnete Irgendwie-Irgendwann-Irgdendwo-Geraune, das existentielle Tragik suggerieren soll, findet man ja im O-Ton bereits in den Short Storys beispielsweise von Hemingway und Carver – um nur mal die beiden berühmtesten Vertreter einer Literatur anzuführen, die den Menschen in seiner Verloren- und Verworfenheit darstellt.

    Wäre sie ähnlich bekannt wie die Genannten, müsste zwangsläufig Maeve Brennan als Referenzautorin in den Zeugenstand gerufen werden, weist sie doch all das auf, was Judith Hermann an Attributen angeheftet wird. Nur dass Brennan nicht auf Effekte setzt und dass sie einfach schreiben kann, in jeder Beziehung. Dem Steidl Verlag ist es zu verdanken, dass man sich davon in einem nunmehr vierten Band mit Brennan-Prosa überzeugen kann: nach der Novelle Die Besucherin und den Sammlungen Mr. und Mrs. Derdon sowie Der Teppich mit den großen pinkfarbenen Rosen nun Der Morgen nach dem großen Feuer – alle übertragen von Hans-Christian Oeser, dessen jüngste Übersetzung für den Leipziger Buchpreis nominiert war.

    Ätherische, elegante Schönheit, kapriziös und fragil

    Gäbe es Gerechtigkeit, käme Brennans Büchern allemal jene Aufmerksamkeit zu, die hierzulande eben Hermann genießen darf. Maeve Brennan, 1917 in Dublin geboren und 1934 in die USA gekommen, avancierte zu einem glamourösen Star der New Yorker Society. Sie schrieb von 1949 bis in die frühen 70er-Jahre regelmäßig und unermüdlich Rezensionen, Essays und Geschichten für die wichtigsten Magazine, vor allem den New Yorker, ihre Storys wurden in Buchform veröffentlicht und sicherten ihr die Bewunderung illustrer Kollegen. Wie im Fall von Judith Hermann war es aber nicht nur das Werk, sondern auch die Wirkung und Aura der Person, die Brennans Popularität stützte: eine ätherische, elegante Schönheit, kapriziös und fragil, fast wie eine Zwillingsschwester Audrey Hepburns anmutend; es ist kein Zufall, dass Brennan Truman Capote zur exzentrischen Holly Golightly in Frühstück bei Tiffany inspiriert haben soll.

    Doch – und hierin dem anderen Wunderkind der amerikanischen Literatur, der großen Carson McCullers ähnlich – dem Aufstieg auf das Parkett der Society folgte ein tiefer Fall: Psychisch krank, arbeitsunfähig, verarmt und vergessen stirbt Brennan 1993 in New York – eine Lebenswendung, die in ihren Texten und deren Figuren bereits angelegt ist. Denn dort herrscht eine Traurigkeit, die nicht dekorativ daherkommt, sondern von großer Radikalität ist.

    Das Dublin der Kindheit Brennans bildet die Bühne dieser Geschichten, die im kleinbürgerlichen, katholischen Milieu der Vorstadt spielen und einfache Menschen, vor allem Mädchen und Hausfrauen, als Personal aufweisen. Es passiert nicht viel in diesen Geschichten, und wie es sich für die klassische Short Story gehört, genügen ein paar exemplarische Szenen, um die Dramatik eines Lebens anzureißen.

    Da gibt es die „Damentoilettendame“, die ihre mediokre Stellung in einem Hotel zu einem Bollwerk ausgebaut hat, das es ihr erlaubt, ihre enttäuschten Hoffnungen, unerfüllten Träume, Macht- und Rachefantasien zu kompensieren – bis sie auch diese trostlose, banale Bastion einbüßt. Die „brave Tochter“, die sich mit einem ungeliebten Mann verlobt, nur weil sie sich Zeit ihres Lebens zurückgesetzt fühlte: „Keine ihrer Hoffnungen hatte sich erfüllt. Alle ihre Hoffnungen hatten sich in Bedauern verwandelt; einzig das angespannte Gefühl der Kränkung hatte sich erfüllt.“ Das Mädchen in der titelgebenden Geschichte, das früher als die Menschen in der Nachbarschaft vom großen Feuer erfahren hat und stolz, mit der Herrlichkeit seiner Informiertheit ausgestattet, eine „Stunde des Ruhms“ lang durch sein Viertel streift, sein Wissen ausplaudert und jene Macht auskostet, die Wissen bekanntlich mit sich bringt. Oder Mary, die einen kleinen Laden besitzt, durch Zufall zu einem Mann kommt, den sie heiratet, um „jemanden in den Armen halten zu dürfen“, und die ihre ganze Lebensgier auf den Rosengarten eines Klosters projiziert und auf die kurze Zeit der jährlichen Rosenblüte: „Sie hätte nicht zu sagen vermocht, ob der Garten ihre Hoffnung umschloß oder ihre Verzweiflung, sie hätte den Unterschied gar nicht zu bestimmen gewußt, hätte nicht einmal gewußt, ob es überhaupt einen Unterschied gab. Sie wußte nur, was sie empfand. Und was sie empfand, war nichts als schreckliches Verlangen.“

    Träume von Erhabenheit

    Lauter kleine Leute, die von etwas Erhabenem träumen – und sei es ein neues großes Feuer –, das sie von der Tristesse und dem Gleichmaß des Alltags erlöst, Glückssucher, Angstflüchtlinge, ordentliche Pedanten, denen gemeinsam ist, dass sie sich der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, ihrer Defizite und Sehnsüchte kaum oder gar nicht bewusst sind. Und wären sie es, sie hätten viel zu viel Angst, um die Widerstände zu brechen, die der Erfüllung ihrer Wünsche im Weg stehen. Und wer weiß: wenn es ihnen gelänge, ans Licht aufzusteigen, ob sie dann nicht auf eine ähnliche Weise ins Dunkle zurückkehren müssten wie ihre Schöpferin.

    Deren mithin seherische Qualitäten beziehen sich aber nicht nur auf den scharfen Blick in die Seelen ihrer gelegentlich mit den Joyce'schen verglichenen „Dubliner“. Denn dass das Leben ein einziger Schiffbruch ist, wäre keine neue Erkenntnis. Neu war und immer noch unvergleichlich an Brennans Elegien ist die Nüchternheit, mit der sie ihren Figuren zuschaut – eben ohne melodramatische Attitüde. Und deshalb natürlich die einfache, klare Sprache, die ohne Stereotypen, Wertungen, Empathie erzwingende Tricks auskommt und mit ein paar unspektakulären, sicher gesetzten Strichen einen Menschen in wenigen Sätzen vergegenwärtigt und lebendig macht. „Miss Williams, aus Belfast, hatte einen sparsamen kleinen Körper, einen straffen, unerschrockenen Bauch und eine sehr schmale Nase, die wie ein Sensenblatt geformt war“ – mehr bedarf es nicht, um begreiflich zu machen, was für ein Mensch diese Miss Williams ist.

    Im Fall Maeve Brennans ist die hochgegriffene Klassifizierung angebracht: Wir haben es hier mit Weltliteratur zu tun.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter