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Montag, 27. März 2017 | 08:42

Blixa Bargeld: Europa kreuzweise

04.05.2009

Neubauten im alten Europa

Wenn Blixa Bargeld über eine Europatournee schreibt, kommt Musik nicht vor. Wohl aber Hotelzimmer, Museen und hochklassige Restaurants. Durch das Tagebuch des Altrockers und Neugourmets, des Expunks und Neodandy ist TOM THELEN flaniert.

 

Wenn Musiker auf Tournee gehen, haben sie was zu erzählen. In den goldenen Jahren des Rock’n’Roll hatte das meistens mit Groupies, Intoxination und der Destruktion des Mobiliars von Hotelzimmern zu tun. Doch auch Musiker werden älter, die Interessen verschieben sich, die Tournee wird zur Bildungsreise. Hierzulande hat im letzten Jahr der Fehlfarben-Sänger Peter Hein ein Buch über seine Reisen mit der Band geschrieben. In Geht so: Wegbeschreibungen erkundet Hein die spätmorgendliche Gastronomieszene in Subzentren auf der Suche nach einer Pilserfrischung und plaudert über bundesrepublikanischen Bausünden, spießige Kleinstädte und die allgemeine und komplette Verödung und Verblödung.

Ganz anders jetzt ein anderer Musiker dieser Generation. Blixa Bargeld (geb.1959, zwei Jahre jünger als Hein) tourt mit seinen Einstürzenden Neubauten nicht durch die deutsche Provinz, sondern gibt sich gleich Europa kreuzweise. Untertitel: „Eine Litanei“. Auf knappen 120 Seiten mit viel Durchschuss erzählt Bargeld vom Tourleben. Von Anfang an darf dabei kein Zweifel daran aufkommen, dass die Neubauten eine „zivilisierte Rockband“ sind und Bargeld ihr distinguierter Sänger. Die im Tourbus von den vornutzenden Rockern verbliebenen Zentner Kartoffelchips müssen entsorgt und Leselampen eingebaut werden. Derart gut beleuchtet liest Blixa dann Christoph Luxenberg: „Die syro-aramäische Lesart des Koran: Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache“. Auf das Referieren des Inhalts verzichtet Bargeld dankenswerter Weise, ansonsten wird der Leser mit allerhand wenig Wissenswertem bombardiert: die Setlist jeden Auftritts, Flugzeugtickets, Hotelrechnungen, Schedules und Zugfahrpläne werden ausführlich und raumgreifend abgedruckt.

Schlecht gelaunter Distinktionsdandy

Und natürlich Speisekarten! Alle Gänge. Denn Bargeld hat sich wohl auch an einem weiteren deutschen Rocksänger orientiert: Der langjährige Frontmann der Artrock-Formation Wallenstein hat allerdings das Musikmachen längst aufgegeben und isst sich jetzt als Jürgen Dollase im Auftrag der FAZ durch die Sterneküchen der Welt. Bargeld nutzt seine Konzertreise zu einem ähnlichen Zweck. Absolut verständlich, denn Hotelrestaurants und Catering sind die meistens unerfreulichen Mensen des Berufsmusikers. Gleichwohl verfügt er aber über wesentlich weniger Sachkenntnis als der Berufsgourmet. Da wird dann pseudo-informiert geraunt: „Die Einrichtung jedenfalls ist Michelin-Material“, um später exaltiert zu kommentieren: „Ich verzehre ein Sechs-Gang-Menü, an dem nichts falsch ist, das mich aber auch nicht lächeln lässt, nehme ein Glas Lagavulin 16 years mit in mein Zimmer.“ Aus dem Mann, der einst im Taucheranzug und mit Gummistiefeln durch Berlin rannte (Ben Becker über BB in Jürgen Teipels Verschwende Deine Jugend) und Bürger erschreckte, ist ein schlecht gelaunter Distinktionsdandy geworden. Durch die besten Restaurants Europas geht die Reise, Produkte der Spitzenkulinarik (Jakobsmuscheln, Stopfleber, Hummer etc.) heißen bei ihm ganz abgeklärt „die üblichen Verdächtigen“ und außer Bargeld sind gerne mal „Wichtigesser“ und das „übliche Gesocks für ein besterntes Restaurant“ da. Selbst zum berühmtesten und wohl besten Restaurant der Welt, dem El Bulli von Ferran Adrià, fällt Bargeld nicht allzu viel ein, wenngleich er es hübsch paradox formuliert. „Wie erwartet: das unterhaltsam Unerwartete.“

Das mag zuweilen auch für das Buch gelten. Von dem bekannten Exzentriker war natürlich keine schonungslose Selbstdemontage im Schweiße des Tourlebens zu erwarten, doch erfreut gelegentlich die Ernsthaftigkeit seiner ästhetischen Ausdifferenzierung auf engstem Raum kombiniert mit wohlkalkulierter Authentizität. „Roomservice oder Masturbation. Nichts eröffnet Perspektiven.“ Man folgt ihm ganz gerne in die Museen und Fresstempel zwischen Kopenhagen und Barcelona, wartet geduldig auf leider sehr weit verstreute Bonmots und treffliche Formulierungen. Und sogar die eine oder andere Anekdote aus einigen Jahrzehnten Musikerlebens vor der Goethe-Instituts-Verschickung kommt dann doch noch an die Oberfläche. Das Porträt des Punks als bürgerlicher europäischer Ästhet mit Kreditkarte („Ich habe auch eine goldene Karte“). So liebt er Europa.

 

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