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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 17. August 2017 | 13:48

    Wiglaf Droste: Im Sparadies der Friseure

    09.04.2009

    Thinking Man`s Sick

    Ein kleines Büchlein Sprachkritik mit kleinen großen Texten von einem ohne Zweifel ganz Großen, das den selbsternannten Sprachwächtern zeigt, dass man dieses Genre auch ohne oberlehrerhaften Gestus souverän bespielen kann. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Die Sprachkritik hat im deutschsprachigen Raum viele Väter. Sei es die philosophische Sprachdekonstruktion Ludwig Wittgensteins oder das anmutige, hochästhetische Sprachverlustszenario Hugo von Hofmannthals, dessen fiktivem Lord Chandos die Worte wie „modrige Pilze“ im Mund zerfallen wollten. Doch wann immer man an literarisch geschulte Sprachkritik denkt, kommt einem unweigerlich als erstes ein grantiger Österreicher in den Sinn, der es Kraft seines gewaltigen Humors und seiner ureigenen Sprachmacht allein mit allen ideologisch verbrämten Sprachbösewichtern der Welt aufgenommen hat – Karl Kraus, der gerne auch, falls nötig, das metaphorische Florett gegen ein klobiges Eisenschwert eintauschte.

    Irgendwo in dieser Tradition, zwischen subtiler Analyse und dem pointiertem Schwingen des sprichwörtlichen Holzhammers respektive Baseballschlägers ist die Sprachkritik Wiglaf Drostes angesiedelt. Sein neuester Glossenband mit dem seltsamen Titel „Im Sparadies der Friseure“ versammelt über 40 kleinere Texte, in denen sich tatsächlich fast alles um Sprache dreht. Dabei darf man jedoch nicht den Fehler machen, den standhaft linken Ideologie- und Kulturkritiker Wiglaf Droste mit verhinderten linguistischen Komikern wie Bastian Sick zu verwechseln. Das Oberlehrerhafte des „Deutschlehrermaskottchens“ jedenfalls ist seine Sache nicht: „Der philologische Hang zu Verbissenheit und Kleinlichkeit lappt, wie alles Kleingeistige, ins Größenwahnsinnige.“ Droste ist in diesem Fall ein Anhänger der aristotelischen Mesotes-Lehre, ein besonnener Bürger, der dem anglophoben Fanatismus der selbsternannten Kulturschützer ebenso deutlich eine Absage erteilt wie dem ideologisch aufgeblasenen Wortgeklingel der Politikerzunft, das aus dem kriegerischen Abschlachten unschuldiger Zivilisten „einen traurigen Irrtum“ macht.

    Gerne auch unter die Gürtellinie zielen


    Gerade Drostes ehrlicher, aufrechter Linkshumanismus macht die betreffenden Passagen seiner gesammelten Sprachkritiken zum Fanal einer inzwischen leider fast völlig vergessenen Haltung: Droste kann zugleich Bürger und Linker sein, Pazifist und Anarchohumorist, feinfühliger Intellektueller und derber Possenreißer. In dieser Kombination vertritt er ein untergegangenes Linksbürgertum, das sich heute sowohl beharrlich gegen die Dummheit der Zeitläufte als auch gegen den blinden Populismus der Genossen wehren muss. Dass sowohl der Bayerische Rundfunk als auch die Tageszeitung „Junge Welt“ seine Beiträge regelmäßig veröffentlichen, spricht bereits Bände.

    Hinter der subtilen – und stets höchst amüsanten – Sprachkritik des scharfzüngigen Intellektuellen Wiglaf Drostes versteckt sich immer noch der alte Provokateur, der für einen Lacher sehr weit unter die Gürtellinie zielen kann. Wenn er in einer brillanten Abhandlung über die geistlose Verwendung des omnipräsenten Wortes „Vertrauen“ zum finalen Schlag gegen den Slang der Spießbürger ansetzt, kann auch den wohlwollenden Leser durchaus ein leichter Schauder des Entsetzens überkommen: „Wenn der Pfarrer von Vertrauen spricht, zuckt der Ministrant zusammen: Aua, Kirche von hinten.“

    Das sitzt und schmerzt zugleich. Aber ohne diese Ausbrüche aus der bürgerlichen Maskerade ist Droste eben nicht zu haben. Beständig arbeitet er daran, sich selbst zu dekonstruieren. Von der poetischen Abhandlung über feine Beobachtungen führt der Weg oft zu einem Bottich voll übel riechenden Inhalts. Ganz ohne Kacke und Sperma geht es nicht.

    Ein ganz und gar Heutiger


    Doch gerade durch diese stets latent unter der Oberfläche brodelnden Mordswut auf die verkommene Gesellschaft und deren vermeintliche Eliten, die sich auf das Herrlichste paart mit einer naturgegebenen Freude an Nonsens, macht Droste zum vielleicht derzeit gewichtigsten deutschen Humoristen unter den Literaten. Weil Droste sich nie in seiner Bildung suhlt und die Fäkalien eben gerade nicht den anderen überlässt, wirkt er stets ganz und gar heutig, bleibt er immer Zeitgenosse. Dies zeigt sich am Auffälligsten im Vergleich mit dem ihm durchaus verwandten Max Goldt. Während jener im Moment Preis an Preis reiht und die inzwischen eher zweifelhafte Ehre genießen muss, von Daniel Kehlmann verehrt zu werden, gilt Droste immer noch vor allem als der böse Mann, der mal für die „taz“ geschrieben hat. Dies macht Droste auf bestechende Weise zu einem relevanten Zeitgenossen, dem man lautstark widersprechen oder zustimmen kann, während Goldt scheinbar bereits als Klassiker in den Olymp des intellektuellen deutschen Humors aufgenommen wurde. Droste bleibt ein Randphänomen, das zwar in den Feuilleton immerhin schon gnädig geduldet, aber noch nicht vollends anerkannt wird.

    Aus dieser kulturpolitischen Zwitterstellung werden Meister geboren und ein eben solcher ist Droste schon seit längerem. Es ist nun endlich an der Zeit, ihn zu entdecken, mit all seinen Paradoxien und Derbheiten – ehren können wir ihn später, jetzt gilt es, ihn zu lesen.

     

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