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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 22:37

     

    Adolf Muschg: Gehen kann ich allein und andere Liebesgeschichten

    22.02.2004

    Knechte der Augenblicke

    Adolf Muschgs fünf Erzählungen des neuen Bandes werden im Untertitel vom Verlag als Liebesgeschichten annonciert. Das ist mindestens so irreführend wie sein letzter Romantitel Sutters Glück. Ein Glück, das sich bei der Lektüre bekanntlich als das genaue Gegenteil entpuppte. Und jenem Unglück begegnen wir auch in den neuen Texten, in deren Zentrum stets Personen stehen, die mehr oder weniger stark an der eigenen Existenz leiden und deren Gedanken stets rückwärts gerichtet sind.

     

    Vom Schicksal oder von unglücklichen Zufällen gezeichnete Figuren, zerrissene Charaktere mit einer ausgeprägten Neigung zur Selbstzerfleischung bis nahe an den Suizid sind die Protagonisten des Buchs des neuen Präsidenten der Berliner Akademie der Künste. Ein Häftling sitzt in seiner Zelle und wartet auf seine Hinrichtung, eine todkranke Frau lehnt die Behandlung ihres Krebsleidens ab, eine verstörte Figur berichtet über sexuellen Missbrauch und einen Mord, ein einstiges musikalisches Wunderkind lässt sich von unbedarften Hotelgästen feiern, und ein gescheiterter Philosophiestudent verliert seinen Job als Bodyguard.

    Ausgeprägte Neigung zur Selbstzerfleischung
    „Der Freie ist derjenige, der vorausdenkt“, heißt es in einem der Texte. Doch gerade an dieser Fähigkeit mangelt es den Muschg-Figuren. Sie sind Gefangene eines kleinen gesellschaftlichen Mikrokosmos, „Knechte des Augenblicks“, die in ihrem Leiden die wenigen kurzen Glücksmomente in vollen Zügen genießen. Der Häftling, der sich wegen Fahnenflucht verantworten muss, hat den „Abmarsch seiner Einheit versäumt“, weil er ein kurzes sexuelles Abenteuer vorzog. „Statt der Fahne zu folgen, habe ich mich bei einer Frau versteckt. Daß mir dafür auch eine Invalide recht war, bezeugt meinen besonders verwerflichen Charakter.“

    Ähnlich liest sich auch die zweite Erzählung, in der uns Muschg eine Art fragmentarische Vorgeschichte seines Romans Sutters Glück präsentiert. Ruth, die Frau des uns bekannten Gerichtsreporters, wehrt sich hartnäckig sowohl gegen eine Behandlung ihrer Krebserkrankung als auch gegen Sutters liebenswerte Bemühungen, ihr den Alltag zu erleichtern. Ihren Augenblick des Glückes erlebt die Todkranke beim Autosex auf einem verschneiten Waldweg.

    In der Erzählung „Nicht mal Fernsehen“ bereichert Muschg sein variiertes Motiv der ambivalenten Gefühle noch mit einer humoristischen Komponente. Max, ein elfjähriger Knabe, muss seine Mutter, die einst als Geigen-Wunderkind gefeiert wurde, zu einem Konzert begleiten. Die Vollblut-Musikerin genießt die ihr entgegengebrachten Sympathien, während sich der Sohn in dem Kreis von „Kompostis, Häkeltanten und Kukidentlöwen“ unendlich langweilt. Seiner Mutter, von der er sagt, dass sie „stundenlang ihre Geige scheuert“, versetzt er einen tiefen Stich ins Künstlerherz, als er behauptet, die Besucher wären „ohne Gratisbuffet“ gar nicht gekommen.

    Satte Situationskomik
    Eine beträchtliche Portion Situationskomik birgt auch die gelungenste Erzählung des Bandes „Deiner vollkommenen Meinung“. Der Text beginnt mit einem mysteriösen Briefwechsel zwischen einem weißrussischen Pfleger und einem Philosophiestudenten, der seinen einzigen akademischen Titel als Hochschulmeister im Halbschwergewichtsringen erwarb. Er taugt weder als Sprachlehrer, der die in Deutsch geschriebenen Briefe des Osteuropäers verbessern soll, noch später als Bodyguard seines einstigen Mitschülers Louis Halbherr (nomen est omen), der es auf Umwegen bis zum Minister brachte.

    Latent geht es in diesem Text auch um den politischen Sonderstatus der Schweiz als Nicht-EU-Mitglied („Wir kamen uns mit dem harten Franken plötzlich vor wie Insulaner mit Muschelgeld.“) und um das schier allgegenwärtige Misstrauen im politischen Beamtenapparat. Bespitzelungen, geheime Dossiers und Verdächtigungen hinter vorgehaltener Hand gehören zur Tagesordnung. In diesem Text von nicht einmal 40 Seiten Umfang kommt es zur „Liebesheirat“ zwischen dem exzellenten Erzähler und kritischen Essayist Muschg. Literarische Leidenschaft und Enthusiasmus sprühen aus den Zeilen.

    Am Ende entlässt der Autor beide Hauptfiguren als Verlierer aus der den Band beschließenden Erzählung. Bodyguard Leutwyler verliert wegen einer Sicherheitspanne auf dem Flughafen seinen Job, und auch Minister Halbherr hat nach einem politischen Auftritt auf einer Konferenz in Skandinavien einige Kratzer abbekommen. Sein nicht sattelfestes Englisch führte zu Turbulenzen auf dem diplomatischen Parkett. Er hatte „Politikerinnen zum Anfassen“ gefordert.

    Wir leiden mit den Figuren, wir amüsieren uns auch über ihre Marotten und manchen Fauxpas, dennoch hält etwas Wehmut nach der Lektüre Einzug, denn Adolf Muschg erklärte kürzlich, dass er aufgrund seines Engagements als neuer Akademiepräsident aufs Schreiben verzichten müsse. Genießen wir diese kleinen erzählerischen Meisterwerke also umso mehr und warten gleichzeitig mit Spannung auf Muschgs in Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus Hannover geplante Bühnenumsetzung seines Buches Der rote Ritter.


    Peter Mohr

     


    Adolf Muschg: Gehen kann ich allein und andere Liebesgeschichten. Suhrkamp 2003. Gebunden. 148 Seiten. 17,90 Euro.
    ISBN 3-518-41462-3

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