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Dienstag, 21. Mai 2013 | 02:56

 

David Wagner: Was alles fehlt

22.02.2004


Figuren in Mangel-Haft

Bei der Begegnung mit den Figuren in David Wagners zwölf Erzählungen stellt sich handfeste Beklemmung ein. In seinem vor zwei Jahren erschienenen Debütroman "Meine nachtblaue Hose" betrieb der Autor eine Kindheitsbeschreibung aus den 80er Jahren. Nun sind die Protagonisten etwas älter, aber weder reifer noch gefestigter geworden.

 

Alle haben mehr oder weniger stark ausgeprägte Spleens, sind um die Dreißig, stehen aber noch mit einem Bein auf der Schwelle zwischen Adoleszenz und Erwachsensein. Die Zähne werden geputzt bis das Zahnfleisch Blutspuren aufweist, und mit der gleichen beinahe manischen Sorgfalt wird das Geschirr bearbeitet. Dieser Reinheitswahn könnte bei David Wagner als Form der Spurenbeseitigung fungieren. Doch wessen Spuren sollen so hartnäckig getilgt werden?

Antworten liefert der 31-jährige Autor nicht, er betreibt eine kühle Zustandsbeschreibung, die zumeist in distanzierter indirekter Rede gehalten wird. Doch zwischen den Zeilen stößt man immer wieder auf eisige Kälte, die sich zwischen den Generationen ausgebreitet hat. Das Fehlen der Eltern - ob physisch oder psychisch - zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte: "Manchmal habe ich das Gefühl, Mama hätte sich vielleicht nur unter dem Tisch versteckt."

David Wagners Figuren leiden an mangelhafter emotionaler Zuwendung. Sie erstarren förmlich in Lethargie, leben wie in einer gesellschaftlichen Zwangsjacke, arrangieren sich aber mit ihrer "Mangel-Haft", bis es in einigen Fällen zu einer fürchterlichen seelischen Implosion kommt. Eine junge Frau holte sich Tabletten aus der Apotheke des Vaters und setzt sich (welch demonstrative Geste!) zum Sterben in den elterlichen Kleiderschrank.

Nicht alle dieser zwölf Erzählungen weisen eine solch dramatische Zuspitzung auf, aber immer geht es um Defizite, um Unglück und um seelische Torturen ("Mich hat er fast ertrinken, Mama hat er im Krankenhaus liegen lassen."). Latent werden die Eltern angeklagt und (moralisch) dafür verantwortlich gemacht, dass ihre Sprösslinge aus der "Lebensbahn" geworfen werden.

Diese Denkweise mag en vogue sein und ist von David Wagner auch künstlerisch eindrucksvoll umgesetzt worden, aber durch den eindimensionalen Blickwinkel hat er das in der Literatur beliebte Sujet des Generationenkonfliktes doch arg simplifiziert dargestellt.


Peter Mohr



David Wagner: Was alles fehlt. Erzählungen. Piper Verlag, München 2002, 150 Seiten, 15,90 ¤.

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