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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 08:33

     

    Peter K. Wehrli: Katalog von Allem

    23.02.2009


    Dichten statt Knipsen

    Aphorismen und Miniaturen, literarische Schnappschüsse und Erinnerungsbilder: der Schweizer Autor Peter K. Wehrli hat die Welt in 1679 Stichworten festgehalten und daraus ein originelles Opus Magnum geschaffen, das sich Ingeborg Jaiser angesehen hat.

     

    Manchmal schreibt das Leben doch die besten Geschichten! Als Peter K. Wehrli 1968 mit dem Orientexpress von Zürich nach Beirut reist, bemerkt er sofort nach Ab-fahrt des Zuges sein folgenschweres Missgeschick: er hat seinen Fotoapparat ver-gessen. Was für jeden Touristen ein leidiges Malheur bedeutet, ist für den weit ge-reisten Journalisten Wehrli (dessen Initiationstrip ihn übrigens 1964 als Begleiter von Elisabeth Mann-Borghese zum indischen Staatschef Nehru führte) ein ganz besonderes Ärgernis. Spontan beschließt er, die visuellen Bilder, die er sonst mit der Kamera eingefangen hätte, in Worte zu bannen. Alles, was ihm während der Fahrt auffällt, beeindruckt, nahe geht, hält er schriftlich fest. Was dem fotografischen Schnappschuss entspräche, wird so zur literarisch verdichteten Momentaufnahme.

    Sofort findet sich eine gestalterische Form für seine Miniaturen: ein Stichwort, eine Überschrift, ein Notat – mit angehängtem Relativsatz. Mal kurz und knackig, mal verwinkelt und verwegen, vom kompakten Zweizeiler bis zur mehrseitigen Assoziati-onskette, oft durch zahlreiche Kommata, Semikola und Gedankenstriche strukturiert. Und diese Notizen nummeriert Wehrli durch wie Bilder auf einem Filmstreifen. Oder wie Artikel in einem Katalog. So versammeln die „134 wichtigsten Beobachtungen während einer langen Eisenbahnfahrt“ Ausblicke vom Zugfenster, Beschreibungen von Mitreisenden, Erinnerungen und Querverweise an andere Orte. Um, nach einer einwöchigen Fahrt, endlich zu konstatieren: „das Ankommen, die erneute Feststellung, dass überall alles anders ist; dass Beirut also anders aussieht, als ich mir Beirut vorgestellt habe, auch anders, als es der Klang des Namens versprochen und Fotografien angekündigt haben, es ist eben so: Ankommen, das heißt Vorurteile korrigieren!“

    Literatur als Loseblattsammlung

    Wehrli ist so angetan von dieser Archivierung des Erlebten, dass er sein Werk uner-müdlich fortsetzt – auf weiteren Reisen nach Lateinamerika, Rumänien, Mosambik, aber auch im Alltagsgeschehen, bei der Zeitungslektüre, beim Gespräch mit Freun-den, beim Blick aus dem Fenster. Dabei prägen seine Arbeit fürs Schweizer Fernse-hen und sein Hang zum Cineasmus durchaus sein schriftstellerisches Werk. Auch hier findet man Zoom, Schwenk, Rückblenden. Und letztendlich sind seine präzisen Miniaturen immer auch eine Anleitung zum genauen (Hin-)Sehen.

    Dieses über Jahrzehnte angewachsene Opus Magnum in Griff zu bekommen, ist Wehrli mit viel Witz und Originalität gelungen. Sein als „Work in Progress“ angelegtes literarisches Konvolut wurde immerhin über 30 Jahre lang an Hunderte von Abonnenten als hektografierte Loseblattlieferungen versandt – zu einem einmaligen Subskriptionspreis von 30 Franken. Darüber hinaus erschienen Teilbände bei unterschiedlichen Verlagen; eine erste englische Übersetzung publizierte kurioserweise der bolivianische Verleger von „Los Amigos del Libro“. Selbstverständlich verschickte der reiselustige Autor sein Manuskript nicht etwa mit der Post, sondern brachte es während einer Fahrt durch Südamerika höchst persönlich vorbei.

    Vom Anfang bis zum Neubeginn

    Nun ist beim Zürcher Ammann Verlag eine Neuausgabe aller 1679 Notate erschie-nen, wobei sämtliche Nummern und Stichworte akkurat katalogisiert sind und am Ende des Buches in aufschlussreiche Register münden. Wie erstaunlich ist es doch, dass keine Überschrift doppelt verwendet wurde, dass alle Stichworte Unikate sind? Und welch hinterhältige Rekursion liegt doch in der letzten Notiz mit Nummer 1679: „der Neubeginn, der fürchterliche Satz „No Boot Device o­n Internal Drive“, der nach der Rückkehr aus London am 13. April auf dem Bildschirm meines Computers verkündet, dass alles (also auch, was ich in London geschrieben hatte), nicht mehr abrufbar sei, weg sei, sich aufgelöst habe …“ Gottergeben erkennt Wehrli, dass er durch dieses Ausradieren wieder von vorne anfangen, von Null beginnen muss. Aber auch diese Wende trauen wir ihm mit Leichtigkeit zu.

    Ingeborg Jaiser


    Peter K. Wehrli: Katalog von Allem. Vom Anfang bis zum Neube-ginn. 1697 Nummern aus 40 Jahren. Ammann Verlag 2008. 533 Seiten. 24,90 Euro.


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