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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 07:06

     

    Marco Thomas Bosshard (Hg.): Paso doble

    10.11.2008


    Doppelpassbilder aus Kaugummi

    Marco Thomas Bosshard liefert mit seiner Sammlung von 17 Erzählungen ein buntes und skurriles Panorama der jungen spanischen Literatur. Simone Schröder mit einem kritischen Blick auf die Anthologie.

     

    „Es musste Sekt sein, sagte er sich, seine Frau und er hatten so viele Flaschen geteilt, um so viele Dinge zu feiern. Ihre Verlobung, nach etlichen Hindernissen ihre Hochzeit, Geburtstage, die Geburten ihrer Kinder, seine neue Arbeit, Weihnachten, das neue Haus. Viele Flaschen hatten sie geteilt und sich dabei mitgeteilt.“ Vor der Beerdigung seiner Tochter fährt der Held aus Javier Salinas Erzählung „Aus dem Haus“ in den Supermarkt, um eine Flasche Sekt zu kaufen. Auch wenn der Tod der Tochter keine Freude bereitet, will er doch darauf trinken: „vielleicht zögerte man einen Moment bei der Wahl der Marke, mit welchem guten Tropfen den bitteren Tropfen hinunterspülen. Das Leben und seine Wortspiele, sogar in den Momen-ten, in denen jedes Spiel ausgespielt ist.“

    Javier Salinas ist einer von 17 spanischen Erzählern, die in der Anthologie Paso doble. Junge spanische Literatur vorgestellt werden. Die meisten von ihnen sind etwa 30 Jahre alt und dem Namen nach – zumindest hierzulande – bislang größtenteils unbekannt. Auffällig beim Lesen ist, dass diese Autorengeneration von dem, was auf Fremde an Spanien oft anziehend wirkt, bewusst Abstand hält. Auffällig oft schneit es in den Erzählungen und nicht selten suchen sich die Erzähler einen Schauplatz, der fernab von der iberischen Halbinsel liegt. Die Geschichte „Deeck“ des Galiciers Agustín Fernández Mallo beispielsweise beginnt mit dem Satz: „Deeck ist ein Internaut aus Dänemark.“ Doch kaum ist die Herkunft der Figur festgeschrieben, schränkt der Erzähler schon ein: „Das ist nicht wichtig, denn Internauten haben keine Nationalität.“ Negation ist hier nicht nur Negation einer bestimmten Herkunft, sondern vor allen Dingen auch Negation einer bestimmten Abbildung von Realität. Das Dänemark, welches der Erzähler entwirft, könnte genauso gut Finnland oder Belgien heißen. Es spielt keine Rolle, denn dem Leser werden eine Figur und ein Land geschildert, die in rosa, babyblaue Pastellfarben getüncht zu sein scheinen, als wären sie für einen Zeichentrickfilm entworfen worden. So arbeitet die Hauptfigur Deeck in einer Keksfabrik, beschäftigt sich aber eigentlich die meiste Zeit damit, aus Kaugummis Bilder zu kleben: „verschneite Landschaften mit bestenfalls dem Archetypen einer Stadt oder einer Person im Hintergrund. Dafür eigne sich nichts besser, versicherte er, als Kaugummis ohne Zucker, industriell hergestellt, flach und abgerundet.“

    Skurriles in den verschiedenartigsten Ausführungen

    Ein Attribut, das einem beim Lesen der versammelten Texte immer wieder in den Kopf kommt, ist das Wort skurril. Denn Skurriles ist in den verschiedenartigsten Ausprägungen in fast jeder der 17 Erzählungen zu finden. Da ist zum Beispiel der Geliebte aus Félix J. Palmas „Innenansichten“, der durch die Schlafzimmerschränke unzähliger Frauen wandert und dabei unter anderem seinem Chef begegnet: „Es fiel mir schwer, meinen Chef wiederzuerkennen mit seinem dicken Bauch in einem Trägerhemd und in Unterhosen.“ Oder die Frau mit den visuellen Orgasmen in Care Santos „Nichts als Raureif (-273°C)“. „’Ich bin rasend schnell über einen Birkenwald geflogen’, sagte Clara nach dem ersten gemeinsamen Orgasmus“ zu ihrem Liebhaber. Doch die Liebe zerbricht innerhalb von drei Seiten nach weiteren exotischen Bildfolgen und die Erzählung endet nach einem letzten Liebesakt mit den Sätzen: „’Ich gehe’, sagt sie. Und da er nicht weiß, was er sagen soll, nichts versteht, fällt ihm nur die eine Frage ein: ’Etwa, weil du nichts gesehen hast?’ ‚Doch, schon. Aber es ist nichts mehr wie sonst. Ich habe Raureif gesehen. Viel Raureif. Nichts als Raureif.’“
    Oder Felipe R. Navarros Erzählung „Hausrat“, die mit dem Satz beginnt: „Er träumte, dass er aufwachte und sich in eine riesige Garnele verwandelt hatte. Beim Aufwachen, als er sich rasierte und über das Geschehen in seinem Traum lachte, erinnerte er sich daran, dass er nun seit mehr als sechs Monaten keine gambas al pil pil mehr gegessen hatte.“ Das Kochen der Gambas endet im Chaos, so wie der textliche Verweis auf Kafka als Versatzstück steht, dessen Wert leer läuft.

    Im Vorwort der Anthologie hat der Herausgeber Marco Thomas Bosshard einen Vergleich zwischen der spanischen Nationalmannschaft, genannt selección, und der literarischen Selektion gezogen. Doch das Niveau der Europameister von 2008 erreichen die literarischen Kollegen nicht: Der dänische Internaut Deeck klebt Bilder aus Kaugummis und in gewisser Weise wirkt es leider so, als wären auch viele der Erzählungen aus Paso doble Kunstwerke von Deeck: Texte als synthetisches Substrat der Wirklichkeit, „industriell hergestellt, flach und abgerundet.“

    Simone Schröder


    Marco Thomas Bosshard (Hg.): Paso doble. Junge spanische Literatur. Wagenbach 2008. 141 Seiten. 9,90 Euro.


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