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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 10:40

     

    Truman Capote: Die Hunde bellen

    30.10.2008

    Marilyn, warum muss eigentlich alles immer so ausgehen?

    Es ist an der Zeit einen der größten Vertreter des literarischen Journalismus neu zu entdecken. „Die Hunde bellen“ versammelt Truman Capotes vielschichtig schimmernde Reportagen und Portraits in einem gewichtigen Band. Von Sebastian Karnatz

     

    Gleich zwei Filme haben uns in jüngster Zeit einen intimen Einblick in das bewegte Leben Truman Capotes verschafft. Sex, drugs and poetry, sozusagen. Was die Filme jedoch nicht zeigen können, ist Capotes weltliterarischer Rang: Selten hatte god’s own country einen einfühlsameren, gewiefteren und treffenderen Portraitisten als den vermeintlichen Egomanen Truman Capote.

    Unser Capote-Bild könnte stereotyper eigentlich kaum sein: Ein flippiger kleiner High-Society-Schwuler, ein Snob, der seinen Snobismus offen zur Schau stellt und – selbstverständlich – eines der tragischsten Talente des 20. Jahrhunderts. So bestätigt auch der altehrwürdige Spiegel noch einmal unser gepflegtes Halbwissen: „Eine literarische Klatschbombe. Ein journalistischer Molotow-Cocktail.“ Soweit also unser liebstes Hamburger Enthüllungsblatt. Doch jenes Bonmot enthüllt leider nur die eigene Unzulänglichkeit: Genau dies nämlich – also „eine literarische Klatschbombe“ – sind Capotes Reportagen gerade nicht.

    Auch mit den in Journalismusseminaren stets Mantra-artig wiederholten Kurzformeln der literarischen Reportage im Geiste des New Journalism hat Capote nur dem ersten Anschein nach etwas gemein: Poesie statt nüchterner Objektivität, eine gute Story statt schnöder Tagespolitik und ein großes Ich statt dem kleinen man. Dies alles hat Capote angeblich in den Journalismus gebracht und seine Nachfolger heißen Tom Wolfe, Hunter S. Thompson usw.

    Sätze klar wie ein Gebirgsbach

    Dies ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Wer jemals eine formvollendete Reportage wie „Marilyn Monroe. Ein bildhübsches Kind“ gelesen hat, der dürfte sich schnell davon überzeugen lassen, dass Capotes Sound, sein Arsenal an literarisch-journalistischen Kunstgriffen, weit mehr beinhaltet als eine frühe Vorform des egozentrischen Gonzo-Journalismus. Reportage und Dialog wechseln sich ab, das angeblich omnipräsente Ich tritt hinter der Portraitierten zurück. Statt High-Society und nervös-erregter Party-Atmosphäre herrscht in diesen literarischen Kleinoden die Leere der Traumfabrik, die Melancholie jener, denen die Welt zu Füßen liegt:

    „Die Dämmerung zog herauf, und sie, Marilyn, schien sich darin aufzulösen, schien mit dem Himmel, den Wolken zu verschwimmen, um vielleicht irgendwann gar nicht mehr da zu sein. Ich wollte meine Stimme über das Geschrei der Möwen erheben und sie zurückrufen: Marilyn! Marilyn, warum muss eigentlich alles immer so ausgehen? Warum ist das Leben so unglaublich beschissen?“

    Capote entpuppt sich hier als zurückgenommener Beobachter, als Chronist einer aus den Fugen geratenen Weltordnung, die neben dem Genie vor allem Wahnsinn, Komplexe und Verlierer produziert. Dies alles – und das ist der eigentliche Kniff dieser wunderbaren Arbeiten – präsentiert er in einer knappen und präzisen Sprache, die die Grenzen zwischen Reportage, Interview und Erzählung aufhebt.

    „Ich glaube, dass sogar die besten Schriftsteller viel zu ambitioniert schreiben. Für den äußeren Eindruck tun sie alles. Ich hingegen ziehe das Understatement vor. Schlicht sollen sie sein, meine Sätze, und klar wie ein Gebirgsbach.“

    Capote für die Ohren

    Diese Reportagen kann sich der literarische Entdecker nun nicht nur in dem Band „Die Hunde bellen“, einem Einzelband der verdienstvollen Zürcher Gesamtausgabe aus dem Hause Kein und Aber, lesend aneignen, er kann sich auch hörend in das Reich der pulsierenden amerikanischen Nachkriegsboheme entführen lassen. Hanns Zischler liest ausgewählte Reportagen des Bandes in einer ebenfalls „Die Hunde bellen“ betitelten Hörbuchedition. In der klugen Textauswahl finden sich unter anderem die Highlights „Marilyn Monroe. Ein bildhübsches Kind“, die Erinnerung an Tennessee Williams und die formidable Schilderung der Kehrseite des glamourösen Lebens – die Reportage „Ein Tagwerk“, die einen Tag im Leben einer lateinamerikanischen Putzfrau beschreibt.

    Zischler liest durchaus souverän, die feinen tonalen Abstufungen der nur scheinbar schlichten Prosa Capotes trifft er indessen nicht immer. Der sarkastische Blick des Intellektuellen, der unser tradiertes Capote-Bild prägt, interessiert ihn mehr als die subtile Tiefe der vorgetragenen Texte. Dies trübt das Hörvergnügen leider etwas. Trotzdem bieten die zwei CDs eine recht gelungene Einführung in das mit nahezu 1000 Seiten enorm umfangreiche journalistische Werk Truman Capotes. Und dieses gilt es dringend – egal ob nun hörend oder lesend – neu zu entdecken als ein „Experiment von weltliterarischem Rang“ (Daniel Kehlmann).

    Sebastian Karnatz


    Truman Capote. Die Hunde bellen. Reportagen und Porträts. Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay. Kein & Aber 2007, 912 Seiten. Preis: 29,90 Euro.

    Truman Capote. Die Hunde bellen. Gelesen von Hanns Zischler. 2 CDs, Laufzeit: ca. 150 Minuten. Kein & Aber 2008. Preis: 19,90 Euro.

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