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    TITEL kulturmagazin
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    Hunter S. Thompson: Angst und Schrecken im Wahlkampf

    06.10.2008


    „Wörter! Einsichten! Blablabla!“

    Der Gonzo-Journalist Hunter S. Thompson hat den amerikanischen Präsidentenwahlkampf 1972 mitgemacht und ein wildes und kluges Buch darüber geschrieben, das erst jetzt auf Deutsch erschienen ist.
    Von Felix Stephan

     

    Als Angst und Schrecken im Wahlkampf (Fear and Loathing: o­n the Campaign Trail) 1973 in den USA auf den Markt kam, befand sich die amerikanische Seele gerade in einem Zustand großer Labilität und Verletzlichkeit. Zum ersten Mal waren Vermutungen aufgetaucht, dass lange Haare und Sit-Ins vielleicht doch gar keine Kriege beenden, dass die USA möglicherweise nicht der weiße Ritter der Welt sind und dass im Weißen Haus nicht ausschließlich integre Moralisten sitzen, die sich morgens den Dreck unter den Fingernägeln entfernen, bevor sie dann alles regeln bzw. am Beispiel Vietnam: ausradieren.

    Der republikanische Präsident Nixon hatte gerade seine zweite Amtsperiode angetreten und die Demokratische (und damit: die Kennedy-)Partei ein zweites Mal besiegt. Vor allem aber hatte er ihren zentralen Claim überwunden, laut dem sich der ungeliebte Vietnam-Krieg um weitere vier Jahre verlängern würde, wenn das Wahlvolk den Republikanern noch eine zweite Legislaturperiode gestatten würde. Nixon war der Krieg und von dem Krieg wollten die Leute nichts mehr wissen: 1972 war das einzige Jahr in der Geschichte der Vereinigten Staaten, in dem die Militärakademie Westpoint weniger Bewerber als Plätze hatte.

    In diesen intimen Moment der nationalen Selbstbefragung platzte also Hunter Stockton Thompson aus Kentucky und bepöbelte gewandt seine Epoche. Mit dem Momentum im Rücken, einer majestätisch albernen Zigarettenspitze im Mund und dem weißen Anglerhut eines dementen kanadischen Rentners auf dem Kopf tölpelte dieser ehemalige Sportjournalist auf Speed, Meskalin, Amphetamin, Marihuana, Cortison, Penicillin und LSD in die ernsthafteste und rituell unbeweglichste Veranstaltung nach dem Urbi-et-Orbi-Segen auf dem Petersplatz: den Präsidentschaftswahlkampf der USA.

    Er war als Journalist dabei, spielte aber das Spiel nicht mit, als das er Politik und Politikjournalismus begriff. Lieber schrieb er über das Spiel. Damit kannte er sich aus, schließlich war er Sportreporter. Es gab Regeln, Spielfeldgrenzen, bessere und schlechtere Spieler, Betrüger und Wetten: Thompson brüstete sich, nur bei Vorwahlen in zwei Staaten Geld verloren zu haben.

    Während die anderen Journalisten, mit denen er sich die exklusiven Ränge direkt vor den Mikrofonen teilte, einen Ruf zu verlieren hatten und darauf angewiesen waren, zum nächsten Wahlkampf wieder akkreditiert zu werden, machte Hunter S. Thompson, was er wollte. Er würde nie wieder über Wahlkämpfe berichten müssen und schließlich nahm ohnehin niemand den gerade gegründeten „Rolling Stone“ ernst, für den er arbeitete. Einmal wurde ihm die Akkreditierung zu einer Wahlkampfveranstaltung verweigert, weil der „Rolling Stone“ ein Musikmagazin war, wie die Pressedame herausgefunden hatte, und über Musik bei den Demokraten wenig Wissenswertes in Erfahrung zu bringen sei.

    Ostentative Derangiertheit

    Politik und Pop waren damals noch nicht dasselbe, jedenfalls nicht im Bewusstsein der Akkreditierungsdamen. Heute sind die Auftritte von Obama und Madonna kaum mehr zu unterscheiden. Hunter S. Thompson hat diese Verschmelzung als einer der Ersten begriffen und über beide Genres im selben Tonfall berichtet. Tragik, Versagen, Trieb und Gier heißen die Zutaten, in allen guten Geschichten. Und dass alles zum Lustspiel wird, sobald man es im Fernsehen sehen kann, und dass das alles nur durch sein eigenes endloses Kippen ins komplette Delirium angetrieben wird, war die große Entdeckung dieses Autors.

    Innerhalb der Inszenierung, die sich selbst so ernst nahm und deren hypophilen Wahnwitz Hunter S. Thompson in seinen Texten stattfinden ließ, spielte er hingebungsvoll die Witzfigur. Allerdings lag genau in dem offensiv peinlichen Auftreten, seiner ostentativen Derangiertheit die Existenzbedingung seiner hyperintelligenten Texte. Je ungefährlicher man der Welt erscheint, desto unbeschwerter kann man erzählen, wie man die Dinge sieht. Das ist kein Geheimnis: Die Narrenfreiheit ist sprichwörtlich und die Welt lässt das gerne zu. Wer hört schon auf einen Clown? Im Falle Hunter S. Thompson war das aber etwas unvorsichtig von der Welt: In seinem Werk und speziell in Angst und Schrecken im Wahlkampf hagelt es mehr Volltreffersalven als in Max Frischs Gantenbein, das ja mit derselben Technik arbeitet.
    Thompson wusste natürlich um die Macht dieses törichten Wahlkampftheaters und schrieb deswegen gewissenhaft alles auf, wie es sich dem Besucher darbot, der von nichts abhängig war außer der Nadel. Über die Stimmungsmädchen bei einer Wahlkampfveranstaltung in Atlanta heißt es etwa: „Gefallene Pompon-Mädchen und ehemalige Cheerleader aus Auburn, `Bama, und sogar von der Ole Miss kamen nach Atlanta, um „ihren Weg im Showgeschäft zu machen“, und wenn sie die Kurve nicht kriegten, wurden sie am Ende für 100 Dollar am Tag vor einer Handkamera durchgefickt, ausgelutscht und windelweich geschlagen. Bei Einsatz von Eseln und Wölfen gab es 30 Dollar Zulage, und beim Rudelbumsen werden zurzeit zusätzlich zum normalen „Liebeslohn“ 10 Dollar pro Bumser fällig.“

    Fledermaus auf Speed

    „Ach, die Siebziger“, hört man da ältere Herren säuseln, die schon damals nicht dabei waren. Hunter S. Thompson jedoch war überall, hat es gesehen und aufgeschrieben: „Und schon denkst du, die Zeit ist gekommen, dich auf die Socken zu machen: Pack den 490-Dollar-Elefantenlederkoffer von Abercrombie & Fitch; verschick die Telefone und den Scanner und den Tap Viewer mit Seperate Float, pack alles andere in den superleichten Magnesiumknappsack ... ruf ein Eiltaxi zum Flughafen; und dann nichts wie dorthin, wo, wie Gerüchte besagen, was los ist ... Nicht mehr und nicht weniger wird von der Leserschaft erwartet. Sie verlangt nach einem Mann, der quer durchs Land düst wie eine gottverdammte Fledermaus auf Speed.“

    Angst und Schrecken im Wahlkampf endet, das kann man ruhig verraten, mit der Niederlage der Demokraten. Nixon durfte weiterregieren, aber nicht lange. Ein unschöner Einbruch in ein Hotelzimmer beendete seine Präsidentschaft. Keine wohlmeinende Kritik hätte Hunter S. Thompsons Beschreibungen einer maßlosen Politikerkaste mehr beizuspringen vermocht als der Watergate-Skandal, über den Nixon schließlich stürzte. Dem Autor wird es gefallen haben. Über den Präsidenten urteilt er in seinem Wahlkampfbericht: „Nixon repräsentiert in seiner Person jene düstere, korrupte und unheilbar gewalttätige Seite des Amerikaners, die man inzwischen in fast allen Ländern der Welt zu fürchten und verachten gelernt hat.“

    Den Einmarsch der US-Armee in den Irak hat der Autor auf seiner Owl Farm Ranch in der Nähe von Aspen, Texas noch miterlebt. Seine Tiraden gegen die Bush-Regierung klangen aber, als würde die Stimme nicht mehr richtig mitmachen: Die Bush-Regierung bestehe aus „Rassisten, die Hass zwischen uns säen – der Ku-Klux-Klan sind sie. In die Fresse kotze ich diesen elenden Nazis“.

    Gehört wurde er im neuen Jahrtausend allerdings kaum mehr. Wie kaum ein anderer war er Stimme und Kind seiner Zeit. 2005 nahm sich Hunter S. Thompson das Leben.

    Felix Stephan


    Hunter S. Thompson: Angst und Schrecken im Wahlkampf (Fear and Loathing: o­n the Campaign Trail ‘72). Aus dem Amerikanischen von Teja Schwaner. Heyne Verlag 2008. 572 Seiten. 9,95 Euro.

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