• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 22:39

     

    Durs Grünbein: Das erste Jahr

    20.02.2004

    Philosophische Notate des Edel-Lyrikers

    Viele Menschen fieberten mit Spannung dem Jahr 2000 entgegen. Für manche waren nur die prophezeiten Computer-Crashs aufregend, für andere der Beginn einer neuen Epoche – einer Zeit, die grundlegend Neues bringen sollte. So auch für Durs Grünbein, der nun seine tagebuchartig angelegten Notizen und Reflexionen vom 1. Januar bis 31. Dezember 2000 vorgelegt hat.

     

     

    Der (Büchner-)preisgekrönte Dichter greift in „Das erste Jahr“ zeitgeschichtliche Themen auf, aber auch Fragen des Schreibens und zahlreiche Momentaufnahmen aus seiner Privatsphäre. Dabei gerät er aus dem Kommentieren tagespolitischer und historischer Ereignisse meist rasch ins Philosophieren. Folgerichtig beginnen seine Einträge teilweise mit ultimativen Fragen. Am 5. August etwa fragt er: „Was ist der Mensch?“ – Die Antwort darauf erfolgt in Form einer weiteren Frage: „Eine Sickergrube auf zwei Beinen, der wandelnde Abtritt, ein transzendenter Abort, die Kloake von Verwesung und Bedeutung?“ Am 6. Oktober greift er das Thema erneut auf und erklärt nun: „Der Mensch, definiert durch seine einzigartige Position in Raum und Zeit. Wollte man das Dasein auf eine letzte Formel bringen, so blieben nach Abzug aller sonstigen Variablen zumindest diese beiden Größen übrig. Der Dualismus von Leib und Seele verschwindet im physikalischen Rahmen.“ Auch auf die Frage, die er sich am 15. August stellt – „Leben, was ist das?“ – ist Grünbein nicht um eine Antwort verlegen: „Der Augenblick zwischen zwei Stadien des Nichtseins.“ – So einfach ist das also.

    Die Tagebuchform ist geschickt gewählt, erlaubt sie dem Autor doch, eine Vielzahl sonst kaum gemeinsam abzuhandelnder Phänomene und Probleme zu thematisieren. Bemerkungen über das Fernsehen, das er am 19. März als „tägliche Über-Ich-Dusche“ bezeichnet, dürfen da nicht fehlen: Für das Bewusstsein spiele es „mittlerweile dieselbe Rolle wie für die Körperhygiene das fließende Wasser aus dem Hahn.“ Am 21. Juni sinniert Grünbein über das Schreiben von Gedichten, das „vielleicht nichts [ist] als ein Kreisen um die allgemeine Seelenblindheit, die den Gehirnen erlaubt, sich durchs Leben zu schlagen.“ Und später, am 23. Oktober, hält er fest: „Poesie ist der festliche Rechenschaftsbericht über den Sublimierungsprozess einer Kultur.“

    Äußerungen dieser Art, die mitunter etwas wohl bewusst Aphoristisches haben, dürfte kaum etwas hinzuzufügen sein. Doch ist zu fragen, ob sich mit solchen Zentnersätzen tatsächlich Erkenntnisse über komplexe Zusammenhänge gewinnen lassen. Und wieso überhaupt soll mit dem Jahr 2000 eine Zeitenwende einsetzen, wie zumindest eine der möglichen Lesarten des Titels „Das erste Jahr“ suggeriert? Schließlich ist der Jahreswechsel von 1999 auf 2000 ein eher willkürliches Datum. Dennoch stellt es für den 1962 in Dresden geborenen Schriftsteller zumindest eine private Zeitenwende dar: Am 19. August wird er Vater. Tochter Vera empfängt er mit dem Gedicht „Begrüßung einer Prinzessin“: „Willkommen an Bord, Däumling du, Menschlein, brandneu.“ Wie wichtig die neue Rolle für den Schriftsteller ist, zeigt sich nicht nur an der genaue Schilderung von Veras Geburt, sondern auch an den weiteren abgedruckten Gedichten, zum Beispiel an „Kleine Dampfmaschine“ vom 15. September. Vater Durs fragt sich zu Beginn dieses Textes etwas unbeholfen: „Dieses Ächz-und-Grunz-Geräusch, / Soll das meine Tochter sein?“

    Bilder und Sprache sind bereits bekannt aus Grünbeins früheren Lyrikbänden („Grauzone morgens“, 1988; „Schädelbasislektion“, 1991, „Falten und Fallen“, „Den teuren Toten“, beide 1994; „Nach den Satiren“, 1999), die Argumentationsschemata aus den Essais („Galilei vermißt Dantes Hölle und bleibt an den Maßen hängen“, 1996), werden hier jedoch stark konzentriert und damit zu einem neuen Höhepunkt in Grünbeins Schaffen verdichtet.

    Doch was bleibt nach der Lektüre des 328 Seiten starken Buches? – Abgesehen vom Eindruck eines Breis aus Philosophie, medizinischen Versatzstücken insbesondere der Hirn- und Genforschung, Bezügen zwischen Antike und Gegenwart sowie eher schwachen Gedichten vielleicht das Erstaunen darüber, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts jemand glaubt, beinahe zu allen existenziellen Fragen etwas sagen zu können.


    Frank-Thomas Grub

    Textausschnitt:

    „Prolog 1999
    Das Leben, ein ausgegrabener Traum. Immer noch nimmt mich Hebels Geschichte vom Bergmann in Falun nach unten mit. Wie keine andere erzeugt sie unmittelbar jenes Wehgefühl, das sich nach wenigen Worten steigert zum unglücklichen Bewußtsein von der Verfallenheit an die reißende Zeit. Es ist, als bliebe hier keine andere als die narzißtische Lesart. Die junge hübsche Frau verliert ihren Bräutigam kurz vor der angekündigten Hochzeit bei einem Bergwerksunglück und bleibt ihm fortan als Verlobte treu, dem Toten versprochen, all die Jahre allein als Vergißmeinnicht. Während sie ihrer Erinnerung nachhhängt und die Sehnsucht nach dem Niegelebten sie an die Fensterbank fesselt, ziehen in der Ferne die Züge des äußeren Lebens mit seinen Klein- und Großereignissen vorüber wie die Sprüche auf einem Abreißkalender. Selten ist umstandsloser in einem Stück Prosa vom Schicksal des einzelnen umgeschaltet worden auf das kunterbunte Treiben der ganzen Gattung. Sofort weiß man, daß solcher Perspektivenwechsel jeden Zeitgenossen betrifft, damals wie heute – als Teil der Ballade des äußeren Lebens darf jeder sich als verloren betrachten. In ihr kommt die Melodie, die Privatgeschichte der einzelnen nur verwandelt zur Marschmusik vor. Jede Weltsekunde, die durch die Körper geht, separiert uns, während sie all unsere grandiosen Erfahrungen und geheimsten Epiphanien in den Sog einer tosenden Allgemeinheit zieht.“



    Durs Grünbein: Das erste Jahr. Berliner Aufzeichnungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 2001; 328 Seiten, 20,35 ¤. ISBN 3-518-41277-9.

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter