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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 01. Mai 2017 | 06:24

     

    Andrzej Stasiuk: Dojczland

    01.09.2008

    Literarische Rhapsodie eines wandernden Gastarbeiters
    - Andrzej Stasiuk bereist „Dojczland“

    Der 1960 geborene Andrzej Stasiuk ist derzeit der bekannteste polnische Schriftsteller – besonders in „Dojczland“, dem er jetzt ein Reisebuch ganz eigener Art gewidmet hat.
    Von Wolfram Schütte

     

    Wohl in keinem Land außerhalb seiner polnischen Heimat hat der Schriftsteller Andrzej Stasiuk so viele Leser wie in „Dojczland“. Seit sein autobiographischer Prosaband Die Welt hinter Dukla zur Jahrtausendwende bei Suhrkamp erschien und die deutsche Kritik in Stasiuk eine neue, unverwechselbare Stimme erkannte, die in einem dunkel-melancholischen und dionysischen Sprachrausch die bislang unbekannte Welt an der polnisch-ukrainischen Grenze beschwört, ist der 1960 geborene und seit 1986 in den Beskiden, also abseits der polnischen Metropolen Warschau und Krakau, lebende Autor zu so etwas wie dem Leitwolf für die ostmitteleuropäische Literatur geworden, die in seinem Gefolge dann auch Eingang in die „Suhrkamp-Culture“ fand. Denn Stasiuks (zweiter) deutscher Verlag öffnete durch und mit ihm den Blick auf eine im kulturellen „Niemandsland” beheimatete Literatur, die u. a. mit Juri Andruchowytsch, Serhij Zhadan oder Wojciech Kuczok – trotz ihrer für uns schwer aussprechbaren Namen – ihre je eigene literarische Physiognomie entwickeln konnte.

    Der in rund einem Jahrzehnt ihm bei uns zugewachsene Ruhm wurde gewiss auch befördert durch Andrzej Stasiuks häufige Anwesenheit in Deutschland. Sein Verlag hat den Autor immer wieder auf Lesereisen geschickt, so dass er im Laufe der Zeit angeblich „zweihundertsechzehn deutsche Städte und Dörfer” besucht, in „sechzig Hotels, 55 Bahnhöfen und sieben Flughäfen” Station gemacht haben will – alles in allem also das flächendeckende Reiseprogramm eines Autors, der sich beim Anblick zweier musizierender Zigeuner in einem menschenleeren Zug selbst wie „ein Zigeuner aus der Walachei” vorkommt: „Ich amüsierte das Publikum, kassierte dafür und hielt am anderen Morgen nach einem Zug Ausschau.“

    Ebenso treffend wie ironisch nennt er sich einen literarischen „Gastarbeiter“, den seine Lesereisen nicht nur in seine Lieblingsstädte Hamburg und Berlin, sondern auch in die tiefste west- & ostdeutsche Provinz geführt haben, wobei er einerseits am Stuttgarter Hauptbahnhof regelmäßig „Sehnsucht nach dem Gara de Nord in Bukarest verspürt” und andererseits immer wieder in der Gästewohnung des Suhrkamp Verlags in der Frankfurter Lindenstraße ein gemachtes Nest vorfindet. Seine Einkünfte aus dieser in Deutschland reichlich sprudelnden Quelle, aus der auch viele deutsche Autoren einen wesentlichen Teil ihres Lebensunterhalts schöpfen, dürften mittlerweile auch Stasiuks Verlagshonorare übertroffen haben.
    Dojczland, das vielfache „Gastland” in slawischer Phonetik geschrieben, heißt denn nun auch ein eben von Olaf Kühl übersetzter Reisebericht Stasiuks. Suhrkamp hat ihn dessen kurz zuvor am gleichen Ort erschienenen Fado – das sind „Reiseskizzen“ aus Ostmitteleuropa – nachgeschickt, in denen der reisefreudige Autor seine Erfahrungen im „Gürtel der vermischten Völkerschaften” nicht nur des Balkans versammelt hat: Impromtus über literarische Kollegen wie Bulatovic, Kis, Cioran und Eliade oder Stimmungsbilder von Städten, Landschaften, Augenblicken. Literarisch-geistige Verwandtschaftsanzeigen mit dem östlichen Europa.

    Dojczland aber scheint (vorerst?) der geografisch und kulturell „westlichste” Raum zu sein, in den Andrzej Stasiuk am Kontinuierlichsten vorgedrungen ist. Als gelte es, dem berühmten amerikanischen Beatnik Jack Kerouac und seinem epischen On the road ein osteuropäisches Pendant zur Seite zu stellen, fasst er seine vielfältigen Erfahrungen mit Deutschland in der literarischen Zigeuner-Rhapsodie eines wandernden Gastarbeiters zusammen.
    Beobachtungen, Anekdoten, Momentaufnahmen, Reflexionen gehen in diesem fluiden Konzentrat einer rund zehnjährigen Durchmessung Deutschlands zu einem bizarren, hellsichtigen, komplexen Prosastück assoziativ ineinander über: von einer Ankunft am 5. August 2005 auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof, wo ihm ein wildfremder alter Mann wortlos einen Zettel mit der biblischen Losung „Du aber steh still, dass ich dir kundtue, was Gott gesagt hat” in die Hand drückte, bis zum Abflug vom Stuttgarter Flughafen ins heimatliche Krakau „an jenem Tag, als der deutsche Papst in Auschwitz war”.

    Mitnichten ist aber, wie dieser erzählerische Rahmen seines zeitverwischenden Erinnerungsaquarells suggerieren könnte, das erzählte Dazwischen religiös codiert. Mit einer Whiskey-Flasche „Jim Beam”, die ihm laufend zur Hand ist, zwei alten Hemden, drei Paar Socken und Unterwäsche im Rucksack reist der kein Deutsch sprechende Autor, der „in vielen deutschen Städten und Dörfern betrunken war” (in einigen, ausdrücklich vermerkt, auch nüchtern) und der sich gerade das Rauchen abgewöhnt hat, mit dem Zug und Taxi von einem Lesetermin zum nächsten, nach dessen Absolvierung ihn die deutschen Gastgeber meist in ein italienisches Restaurant einladen („laut, überfüllt, modisch und in einem überspannten Design”), weil die Dojczen „einen Komplex haben: Das bessere Leben ist im sonnigen Italien”.
    Wohingegen der polnische Gast „deutsche Kneipen mag, und wenn ich geistesgegenwärtig genug bin, bestehe ich auf deutschem Futter. Ich mag es, wenn alte, dicke Leute kommen, verfressene Ehepaare, und gucke gerne zu, wenn sie essen. (...) Ein italienisches Restaurant in Deutschland ist Theater. Viel Lärm um kleine Portionen. In einer deutschen Kneipe spielt dir niemand etwas vor”.

    Passagen wie diese zeigen die Neugier und reflexive Aufmerksamkeit des Fremden und verraten ebenso viel über den deutschen Alltag wie über den Blickwinkel des bäuerlich-gargantuesken polnischen Autors auf ein Land, das ihm wie „Amerika auf langsameren Touren” vorkommt, in dem aber, wie ihm im unterschiedlichen Fahrverhalten von Benz- und BMW-Fahrern aufgeht, „die deutsche Motorisierung doch so eine Art Gotha” ist – eine Bemerkung, die ebenso zutreffend scheint wie für jüngere deutsche Leser (ohne Stasiuks Bildungshintergrund) kommentierenswert: Der „Gotha” war (ist) das genealogische Handbuch des deutschen Adels.

    „Wenn du wirkliche Einsamkeit erfahren willst, musst du nach Deutschland fahren”, sagt er sich (& seinen polnischen Lesern); denn „nach Deutschland fahren, das ist Psychoanalyse”: die des befremdlichen Landes, in dem er sich unerkannt „wie ein Spion” aufhält, wie auch der eigenen Familiengeschichte, in die deutsche Truppen einwirkten: Wehrmachtssoldaten, die vorm Überfall auf die Sowjetunion im Dorf am Bug „ihre Brotrationen gegen Milch tauschten und gut waren”; der DKW des o­nkels als erstem deutschen Auto; die Großmutter, die schon an der Wand stand und erschossen werden sollte und „da hat der Offizier es sich aus irgendeinem Grunde anders überlegt, hat die Pistole eingesteckt und ist weggegangen”.

    Wenn er jetzt im „kosmischen ICE-Waggon” darüber nachdenkt, über die Deutschen sinniert und auf den Platz neben sich Sachen legt, weil er nicht will, dass sich jemand zu ihm setzt, wünscht er, „dass sich alles vermischt und am Ende ein verständliches Bild ergibt: Meine Großmutter an der Wand des eigenen Hauses, der silberne ICE, Axel mit der Thermoskanne am Dresdner Bahnhof, Klaus Kinski in Fitzcarraldo, Bruno S. in >Stroszek<, Brot für warme, frisch gemolkene Milch, fünfhunderttausend gebrauchte Golf auf polnischen Straßen, die Schlacht bei Tannenberg, alte Leute in Polen, die mechanisch wiederholen: >Wissen Sie, unter den Deutschen, da war Ordnung<, die Graffiti auf den Mauern meiner Kreisstadt: >Wenn Hitler lebte, hätten wir Arbeit<, und dazu noch >Mein lieber Augustin< und >Der Tod ist ein Meister aus Deutschland< ... Zehntausende Kilometer auf der Suche nach einem verständlichen Bild, auf der Suche nach einer Fata Morgana.”
    Eine
    Fata Morgana rufen in dem slawischen Reisenden – der mit einem Glas Jim Beam in seinem Hotelzimmer über „das germanische Phänomen” nachdenkt –, rufen in ihm „alle Glockenklänge aus all diesen einhundertachzig germanischen Städten und Dörfern” herauf – nämlich (er ist in Aachen) „eine Huldigung an den ersten Karolinger, ohne den Europa heute Eskimo oder Lybisch sprechen und sich zum Totemismus bekennen würde (...) Ich beweinte die große deutsche Vergangenheit hinter verschlossenen Türen”, weil ihn Freunde gewarnt hatten, dass man „in Deutschland für öffentliches Weinen verhaftet und in Behandlung geschickt wird”.

    Aber aus dieser vergangenen abendländisch-christlichen Spekulation kehrt Stasiuk wieder zurück in die unmittelbare Gegenwart, z. B., als er am Verhalten von Eintrachtfans im Zug zwischen Frankfurt a. M. und Mainz bemerkt, dass es das „Verhältnis zur Form” ist, was „Slawen und Germanen unterscheidet“. Auf dem Bahnhof waren die Fans ein Hymnen grölender, dickbäuchiger, besoffener Haufen, der barbarisch herumbrüllte und sich rituell umarmte. Aber als sie in den Zug eingestiegen waren, verteilten sie sich im Waggon, erstarrten und verstummten & „hielten ihre Plastikbecher mit Bier fest und achteten darauf, dass nichts auf den Boden schwappte. Plötzlich waren sie keine Fans mehr, sondern Zugreisende mit leicht debilem Gesichtsausdruck. Die Erschöpften nahmen neben Müttern mit Kindern und Beamten in Anzügen Platz. (...) Ich musste an unsere slawischen Fans denken, die sich keinen Kopf um die Form machen, sondern eine Spur der Zerstörung hinterlassen, voller Verachtung für die Zivilgesellschaft, mit nackter Gewalt gegen alles, was ihnen über den Weg läuft und nicht sofort die Flucht ergreift. Keine polnische Mutter würde mit einem Fußballfan die Sitzbank teilen wollen, auch nicht den Waggon, nicht einmal den ganzen Zug”.
    Irgendwo in seiner amüsanten und hintersinnigen Rhapsodie bemerkt der polnische Autor, die Deutschen „mögen es, wenn man über sie nachdenkt. Den Franzosen und Engländern ist das vielleicht schon egal, aber den Deutschen noch nicht”. Stimmt. Dojczland ist das beste Beispiel dafür.

    Wolfram Schütte


    Andrzej Stasiuk: Dojczland. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Edition Suhrkamp Nr. 2566. Suhrkamp Verlag 2008. 93 Seiten. 9,00 Euro.

    Andrzej Stasiuk: Fado. Reiseskizzen. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Edition Suhrkamp Nr. 2527. Suhrkamp Verlag 2008. 159 Seiten. 9,50 Euro.

    ... bis sie dann gestorben sind.

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