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Helge Timmerberg: In 80 Tagen um die Welt

18.08.2008

Pissed in Paradise

80 Tage, 80 Nächte, 80 Betten. Wer heutzutage den Globus umrundet, kann auf Elefantengeschaukel und Schiffsüberfahrten verzichten, erlebt jedoch Brüche und Überraschungen, die sich Jules Verne nicht hätte träumen lassen: Russendiskos in Goa, Separees in den Teestuben von Shanghai, doppelte Jetlags zwischen Japan und Mexiko.
Von Ingeborg Jaiser

 

Als Jules Verne seinen Romanhelden Phileas Fogg 1872 auf eine Weltreise schickte, dichtete er ihm noch eine ehrenhafte Herrenwette und einen Koffer mit 20.000 Pfund Sterling an. Als 139 Jahre später der deutsche Journalist und Weltenbummler Helge Timmerberg im Selbstversuch dieses Abenteuer nachspielt, ist es schon längst keines mehr: Was bedeutet der vergangene Rekord von 80 Tagen, wenn wir die Strecke heutzutage in 80 Stunden schaffen? Wer würde in Zeiten von Concorde und ICE noch im Heißluftballon, auf einem Raddampfer oder auf dem Rücken eines Elefanten reisen? Mehr noch: „Heute die Welt in achtzig Tagen zu umreisen verlangt nicht, wie zu Jules Vernes Zeiten, permanentes, pausenloses und zielstrebiges Voraneilen, heute braucht es das glatte Gegenteil, also ein gewisses Klebenbleiben. Eine gewisse Unentschlossenheit.“

Ausgestattet mit einem angemessenen Reisebudget und der Vorgabe, genau 80 Tage unterwegs zu sein, hält sich Timmerberg weitestgehend an die Originalroute – und erlaubt sich doch ein paar Umwege, Abkürzungen, persönliche Schlenker. Was soll er in Singapur, wenn gegenwärtig Bangkok die Drehscheibe für Weltreisende in Südostasien ist? Welchen Reiz hat noch das rezessionsgeplagte New York, wenn gerade Mexico City vor Energie und Lebenslust vibriert? Dass Havanna, wo Timmerberg einst Fidel Castro für die „Bunte“ interviewte, mehr als einen Abstecher wert ist, liegt auf der Hand – und auf dem Weg.

Blackout in Bombay

Statt wie Phileas Fogg in London startet Timmerberg an einem feuchtkalten Februartag in Berlin und legt die erste Zwischenübernachtung in einem unwirtlichen Münchner Hotel ein („Es wird immer so viel darüber spekuliert, warum Menschen Drogen nehmen. Das Hotelgewerbe hat Antworten.“). Schlechtes Timing führt ihn just während der Karnevalszeit ins überfüllte Venedig („Hotelzimmer werden mit Liebe oder Hass eingerichtet… Hass ohne Geschmack sieht dann so aus wie das Zimmer 107 des „Marco Polo“…. 330 Euro, ohne Frühstück.“), ein glücklicher Zufall ins windige, menschenleere Triest („Jede Stadt hat einen Tick… In Triest gibt es keine Internet-Cafes.“). Dann hurtig ab Brindisi („Ein Klo, ein Kaffee, ein Käsesandwich, ein bisschen in der Sonne sitzen, mit den Augen blinzeln…“) mit der Fähre nach Griechenland. „Jetzt ist es amtlich: ich bin im Süden.“

Es folgen: Transit-Horror in Ägypten, Wiedersehen mit Big Mother India, Blackout in Bombay sowie ein Rippenbruch in Pattaya. Dazu Crack, Kaffee, Amphetamine, Bier, Tee, Joints, Gin Tonic und Tequila. Begegnungen mit Gurus, Go-Go-Girls und Goa-Hippies. Wen wundert’s, wenn sich Timmerberg nach dem Aufwachen zuweilen fragt: Bin ich in Brindisi? Bangkok? Bombay? Berlin? Hatte Phileas Fogg noch den treuen Diener Passepartout an seiner Seite, heißen Timmerbergs ideelle und reale Wegbegleiter Doc Henn, Nutten-Harry oder Li-Za. Doch am liebsten schlägt er sich eh alleine durch den Großstadt-Dschungel, cool, lässig, welterfahren. Nur eines bringt den notorischen Nikotinabhängigen fast um den Verstand: Rauchverbot.

Man kommt immer zurück

„Zum Problem wird Kuba. Ausgerechnet Kuba.“ Seit Helge Timmerberg 17-jährig nach Indien getrampt ist und im Himalaja beschlossen hat, Journalist zu werden, schreibt er Reisereportagen aus aller Welt und macht sein Globetrotterdasein zum Beruf. Frauen, Alkohol und Drogen jeglicher Art nicht abgeneigt, ist er einer gepflegten Goa-Rave-Party genauso zugetan wie Salsa schwingenden Hüften in der Karibik. Zwischen 1995 und 1997 hatte er sich gar in Havanna niedergelassen und war vom Kiffer zum Rum-Trinker konvertiert. Doch als er zehn Jahre später der Versuchung erliegt, von Mexiko aus einen Abstecher nach Kuba zu machen, wird er bitter enttäuscht: „Es glitzert nicht mehr, Havanna hat den Rhythmus verloren, die Lebensfreude ist weg.“ Stattdessen trifft er auf aggressive Polizisten, unterernährte Menschen und eine tiefe Freudlosigkeit.

So viel Trübsinn lässt sich nur noch durch Dublin toppen. Nach einem kurzen Umweg über Amsterdam kehrt Timmerberg tatsächlich am achtzigsten Tag ins inzwischen frühlingshafte Berlin zurück. Jubel, Champagner, Geschenke. Und die wunderbare Einsicht, dass es sich hier ganz kommod leben lässt, als Privatphilosoph, Hausmusikant, Wohnzimmerguru, in swinging Schöneberg oder easy going Charlottenburg.

Ingeborg Jaiser


Helge Timmerberg: In 80 Tagen um die Welt. Berlin: Rowohlt 2008. 286 Seiten. 19, 90 Euro.

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