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Die Jahresanthologien "Tippgemeinschaft" und "Landpartie"

11.08.2008

Landgemeinschaft. Eine literarische Entdeckungsreise

Die Tippgemeinschaft des Literaturinstituts Leipzig und die Landpartie der Universität Hildesheim sind zu gleichen Teilen eine Leistungsschau und ein Blick in die Zukunft. Wer hier veröffentlicht, gehört mit einiger Wahrscheinlichkeit in einigen Jahren zum kulturindustriellen Komplex; als Autor, Journalist, Lektor oder Produktmanager.
Von Ingo Steinhaus

 

Morgens neun Uhr, es klingelt im Stakkato. Der stets freundlich lächelnde Paketbote überreicht mir das Päckchen mit elegantem Schwung. Diesmal sind es über 70 Texte – die Jahresanthologien der beiden Studiengänge für literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Universität Hildesheim.

Als ich die große Büchersendung öffne, bin ich überrascht: Die Landpartie Null Acht (LP) ist ein Schuber, aus dem mir ein paar Hefte entgegen purzeln. Sie haben eine magazinartige Gestaltung, jedes in einer anderen Variante. Nur unterschieden durch ein Symbol, werden hier erstmals sowohl Literatur als auch Kulturjournalismus versammelt. Eine weitere Eigentümlichkeit: Jeder Text hat ein eigenes Layout, das auf seinen Inhalt anspielt. Die Autoren treten hinter dieser Aufmachung des Textes zurück und werden nur mit einer Kurzbiografie im Anhang vorgestellt.

Die Tippgemeinschaft 2008 (TG) ist ein broschierter Band, der gut in der Hand liegt und ein angenehmes Gefühl des Willkommen-Seins bewirkt. Die Zeichnung auf dem Umschlag zeigt einen Flur wie bei einer WG-Party: Schuhe und darunter eine Fußmatte. Herein? Herein! Im Buch kehrt dann der Zeichnungsstil vom Titelbild wieder: Hier wird jede Autorin, jeder Autor mit einem Bild vorgestellt, das ihnen mit kräftigem Strich konturierte, manchmal beinahe karikaturartige Züge gibt. Es ist sofort klar, hier ist jeder ein Autor aus eigenem Recht.

Die kongeniale Gestaltung der beiden Jahresanthologien ist kein Zufall: Am Layout beider Werke waren Studierende grafischer Fächer beteiligt. Das Gestaltungskonzept der Landpartie entwickelten Ronny Puschmann, Christoph Sander und Georg Weidenbach (Hochschule für angewandte Wissenschaft & Kunst, Hildesheim). 13 weitere Nachwuchsgrafiker entwarfen innerhalb dieses Rahmens die Typografik der Texte. Die Autorenporträts aus Leipzig sind digital bearbeitete Linolschnitte von Andreas Dürer (HdK Berlin). Gesetzt ist das Buch in den von Maurice Göldner (FB Grafikdesign, Leipzig) exklusiv entwickelten Schriften „Nr. 6659“ (Titelei) und „Mira“.

Vor dem Reifestadium

Bereits ein punktuelles Lesen in den beiden Büchern auf der Suche nach prägnanten Überschriften, interessanten Einstiegen und bekannten Namen zeigt: Die Landpartie wirkt etwas zugänglicher als die Tippgemeinschaft.

Generell scheint in Hildesheim eine lässig-professionelle Vermittlung von Literatur wichtig zu sein. Dort werden Literaturfestivals, Poetiktagungen und neben der Jahresanthologie zahlreiche Veröffentlichungen organisiert. Dadurch entstehen automatisch Betriebsamkeit und ein steter Strom an Texten. Und offensichtlich wird in Hildesheim strenger lektoriert und stärker bearbeitet. Die Texte wirken insgesamt sehr eloquent und poliert; sie sind aber oft in Gefahr, glatt und seifig zu erscheinen.

Im Vergleich zu den umtriebigen Hildesheimern widmet sich der Leipziger Studiengang in erster Linie der Arbeit am Werk. Die Literaturvermittlung wird nicht vernachlässigt, spielt aber erkennbar die zweite Stimme. Viele Texte der Anthologie haben noch Werkstattcharakter, sodass der Einstieg nicht immer leicht fällt. Dem Leser wird in Leipzig mehr Widerstand entgegengesetzt. Es wird öfter verrätselt und sperrig geschrieben. Einige Texte haben eine Privatsprache und spielen in einem Privatuniversum.

Dies sind allerdings nur Trends, denn auch in der Tippgemeinschaft gibt es literarische Politur und in der Landpartie in sich versponnene, vorläufig wirkende Texte. Dies ist aber kein Problem bei einer Anthologie von Autoren, die sich noch bilden. Mehr noch: Die Leser erhalten hier einen interessanten Einblick in Schriftstellerei vor dem Reifestadium eines geschlossenen Werks.

Trotz aller Vorläufigkeit: Die Artikel, Essays, Erzählungen und Gedichte in beiden Anthologien sind durchweg auf hohem Niveau. Insgesamt ist den Redaktionsteams ein sehr guter und abwechslungsreicher Mix gelungen. Ein guter Teil der Autorinnen (und Autoren) ist um 25. Dies ist in einer Literaturszene, in der auch Mittvierziger noch als Jungautor gelten können, geradezu revolutionär.

Sexualität als treibende Kraft

Deshalb kein Wort zu Anfängerfehlern, die sich mit der germanistischen Lupe sicherlich finden dürften. Ebenfalls kein Wort zu der deutlich sichtbaren Ähnlichkeit von Themen, Motiven, Handlungen und Figuren in vielen Texten. Erst recht kein Wort zu den altbekannten Erscheinungen jugendlichen Trübsinns, wo es immer im richtigen Moment regnet oder Nacht wird.

Interessant ist, was die verschiedenen Autoren daraus machen. Marcel Maas (Nachtschalter, LP) inszeniert eine Jugend auf dem Lande als albtraumartige Endlosschleife aus Cruisen, Kleinkriminalität, Nachttanken und unerwiderter Liebe. Die Sprache von Sarah Alina Grosz (Vernarbt, TG) ist wie eine starke Dünung, deren Kraft eine betäubt wirkende Außenseiterin vor sich her treibt, in einen Ausweg für sich und ihr ungeborenes Kind.

Lena Toepler (Das leise Rauschen kommt nicht vom Radio, LP) setzt ein, als das Kind bereits auf der Welt ist. Doch das macht es nicht leichter. Das Leben der jungen Mutter verschwindet in einer Wolke aus Konjunktiven, so wie die Geschichte nur aus Optionen zu bestehen scheint. Doch vielleicht ist das immer noch besser als die Hilflosigkeit der Beobachterin in der Prosatragödie von Kathrin Schadt (verraten, TG), in der sich die Frauen immer fester in einem Fangnetz aus sexueller Gewalt und familiärer Rücksicht verstricken.

Sexualität ist in den Erzählungen eine große Kraft. Bei Rebecca Anna Fritzsche (Baby Blue, LP) kann sie die Zeit und den Tod überwinden und eine einfache Liebesgeschichte bewirken. Familie dagegen bedeutet oft nur Gewalt. Anjo Schwarz (Nerventropfen, TG) zeigt einen Sohn im innersten Kreis der Hölle. Und auch die Adoleszenz bringt keine Rettung: In Christian Kreis skurril autistischer Versuchsanordnung (Darf ich bitten, TG) ist das Scheitern keine Chance, sondern Notwendigkeit.

Aber in den beiden Anthologien spielen sich nicht nur Dramen ab. Kai Splittgerber (Das Hermelin im Arm der Dame, LP) präsentiert einen Auszug aus einer längeren Erzählung. Die tagebuchartige Frische der kurzen, mit Witz kommentierten Szenen macht Lust auf mehr. Und Benjamin Lauterbach (Die kleine Geschichte der Federdrescher, TG) setzt sich den Homburger auf, um in einer perfekten Parodie des umstandskrämerischen Bildungsstils der Kalenderprosa des 19. Jahrhunderts eine ungewöhnliche Geschichte zu erzählen.

Doch leider vertrauen nicht alle Autoren ihren Geschichten. Ein gutes Beispiel dafür ist die pointierte und mit viel Schwung erzählte, wirklich herausragende Geschichte von Simon Urban (Post für Schmidthals, TG), die in eine Art Rahmenhandlung eingebettet ist. Denn es wäre gut für die Erzählung gewesen, hätte sie erst mit der eigentlichen Haupthandlung begonnen – einer Bahnfahrt mit defekter und glühendheißer Heizung, bei der erst die Hüllen fallen und dann die Contenance.

Spannender Blick in die Zukunft

Ein ganz eigener Bereich sind die kulturjournalistischen Reportagen und Essays aus Hildesheim. Hier finden sich sehr gute Texte, denen ein möglichst großes Publikum zu wünschen wäre. Zum Beispiel ein modularisierter Hardboiled-Essay zur Popkultur (Jan Berning, Risse im Make-Up) oder eine Reportage über Jugendliche (Lisa-Maria Seydlitz, Die Werkhofkinder), die ihnen eine eigene Sprache gibt, ohne in anbiedernden Pseudojargon zu fallen.

Die stärksten Reportagen durchlöchern die Mauern zwischen den Genres. Da verwandelt sich die Erinnerung beim Erzählen und wird surreal (Tillman Strasser, Alberto) oder eine Reportage mutiert zur schwarzromantischen Horrorstory (Jan Fischer, Kleine Stadt). Auch eine Neudefinition der Ich-AG findet sich hier: Alexandra Müller (Don't Cry. Work!) betreibt Journalismus als Selbstopfer.

Wer möchte kann mit diesen Anthologien einen Blick in die Zukunft der deutschsprachigen Literatur werfen. Einige der Autorinnen und Autoren werden in wenigen Jahren große Romane bei kleinen und großen Verlagen veröffentlichen. Andere werden unsere ständigen Begleiter im Kulturjournalismus sein; als Schreiber oder als Beschriebene. Warten wir’s ab und freuen wir uns auf das, was noch kommt.

 

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