• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 27. Juni 2017 | 16:02

     

    K. Bendixen (Hrsg.): Quietschblanke Tage, spiegelglatte Nächte

    04.08.2008


    In Leipzig, in Hamburg, in Berlin

    Quietschblanke Tage, spiegelglatte Nächte ist eine abwechslungsreiche, kurzweilige Sammlung von "Großstadtgeschichten".
    Von Stefan Heuer

     

    Seit seiner Gründung im Jahre 2005 ist der poetenladen zur unentbehrlichen Fundstelle für fundierte Kritiken, Primärtexte verschiedenster Art und poetologische Diskussion im Internet avanciert, hat sich zu einer der "lebendigsten und bestbesuchten Websites für neue deutschsprachige Literatur entwickelt". Was lag da näher, als nach Gründung eines Verlages auch auf den Markt der bedruckten Papiere zu drängen. Als erste Anthologie (wenn man von den wunderbaren poet[mag]s, dem Magazin des poetenladens absieht) liegt mit Quietschblanke Tage, spiegelglatte Nächte eine Sammlung von "Großstadtgeschichten" vor, 19 Autorinnen und Autoren zwischen 23 und 37 Jahren präsentieren ihre Sicht auf die Metropole.

    Melanie Arns eröffnet mit introvertierten Gedanken zu Körperpflege und interkultureller Liebschaft, um sie anschließend mit einem vermeintlichen Verehrer zu teilen. "Auf offener Straße und fast mitten ins Herz" endet mit: Mit Mentos im Mund ist man eben doch ein besserer Mensch. Es kann natürlich auch jedes andere Pfefferminzbonbon sein, machen wir uns nichts vor. Charmant.

    Katrin Meissner sucht in "Die Geschichte vor der anderen Geschichte mit dem Titel Le gant" den richtigen Einstieg in die eigene Geschichte. Mit einem Erste-Hilfe-Kasten probt ihre Ich-Erzählerin den Ernstfall; die Lust, Geschichte zu schreiben, mischt sich mit der Angst davor, einen Anfang zu wagen. Erst ein aus dem Fenster geworfener Latex-Handschuh gibt den Funken für die unausweichliche Initialzündung, nimmt ihr die Entscheidung ab und sorgt dafür, dass es kein Zurück mehr gibt.

    Eine ausgesprochen unbehagliche Atmosphäre beschwört Silke Andrea Schuemmer in "Garn" herauf: Die Geschichte schildert den Besuch eines Lebensmittel-Lieferanten in einem ausschließlich von Frauen bevölkerten Haus, wobei eine der Damen im Bett liegt, während zwei weitere sich auf ihren Tod vorbereiten und an Kanapees mit Zungenwurst, durchaus aber auch an anderen fleischlichen Gelüsten interessiert scheinen. Schuemmer bedient sich einer sehr detaillierten, bildreichen Sprache, die dem Leser augenblicklich Gesichter in den Kopf zaubert.

    Von lyrischer Erscheinung der Beitrag von Tania Kummer, der sich um weibliche Befindlichkeiten dreht und mit einigen schönen Passagen aufzuwarten weiß (Wie lange ist es schon wichtig, dass die Zeit nicht rückwärts rollt?) – und auch mit einem angemessenen Schuss Realismus im Hinblick auf heterosexuelle Partnerschaft: Der männliche Körper nur noch in Variation in Haaren und Grössen und banal: Das Sehen, das Streicheln, das Schlecken, das Saften. Mädchen wissen, was sie kriegen.

    Charmante Texte, in der Mehrzahl, mit kleinen Ausreißern nach unten. "Pimp my Paris" von Gregor Guth, eine Geschichte, in der ein irgendwie unangenehmer Filmheini Zeuge einer körperlichen Auseinandersetzung in einem Café wird, bleibt sich sprachlich fremd. Von "Negern" ist da die Rede, immer wieder von "Negern". Ein wirklicher Inhalt will sich mir nicht erschließen, statt eines Inhalts die Sprache, die wohl provozieren soll, abgewichst klingen soll. Doch die Geschichte bleibt so harmlos wie die Musik von Bon Jovi, den ja manche Leute angeblich auch für Hard Rock halten sollen!

    Erstaunlich belanglos auch der Beitrag der mit Stipendien und Literaturpreisen überhäuften Franziska Gerstenberg, ohne Inspiration springt sie zwischen Sätzen über ihre Nachbarin und ihren tollen Freund hin und her, dazu ein Telefonat mit einer ehemaligen Schulkameradin, viel Weißt-du-noch-damals, viel blablabla: Unten auf der Straße hupt jemand, ein Radfahrer steigt ab und zeigt dem Auto neben sich einen Vogel – dem Auto, oder vielleicht doch eher seinem Fahrer?

    Abwechlsungsreich und kurzweilig     

    Insgesamt eine gute Textkomposition, abwechslungsreich, kurzweilig. Dass ich das Buch gelesen habe, verdanke ich jedoch ausschließlich meiner Neugier und meiner guten Erziehung, die mich dazu anhält, Zusagen einzuhalten – denn normalerweise hätte auch nach dem Vorwort schon Schluss sein können. Sicher, diese Anthologie führt den Untertitel "Großstadtgeschichten", aber Sätze wie „Moderne Autoren leben in Großstädten, moderne Geschichten spielen in Großstädten“ sind so überheblich wie falsch, sind so unüberlegt wie unzutreffend. "Modern", was ist das, wenn nicht ein höchst temporärer, flüchtiger Begriff, der ausschließlich dazu geschaffen wurde, sich selbst zu überholen und ad absurdum zu führen. Wichtig ist alleine, was bleibt. Auch in großen Städten wird viel Mist geschrieben, fließt viel Kot die Spree hinab, wahlweise auch den Rhein oder die Saale. Auch für das ¼uvre eines Kurt Schwitters sind nicht nur die in Hannover und London entstandenen Collagen und Assemblagen von Bedeutung; sie alle wären ein Spiegel ohne Glanz ohne die Erdung, die er in seinen naturalistischen Buntstiftskizzen der Bootshäuser am norwegischen Romsdalsfjord fand.

    Weiter hinten im Vorwort wird dem etwas simpleren Leser das Leben in der Großstadt erklärt: „Der Alltag weist keine Stolpersteine, keinen Makel auf; er ist unangreifbar, geradlinig und beinahe blendend. Ebenso wie die Großstadt bedeutet er den Helden etwas konstant Einengendes, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.“ Ich stutze: Dies also soll charakteristisch sein für das Großstadtleben: Einengung, Geradlinigkeit? Liebe Katharina Bendixen: Jeder, der auch nur ein halbes Jahr seiner Jugend auf dem Lande verbracht hat, eingeengt in Tradition und Dorfabend, Vereinsmeierei und Pflichterfüllung beim Hahnenschrei, muss bei diesen Zeilen den Kopf schütteln – alternativ dazu darf auch herzlich gelacht werden!

    stefan heuer.


    Katharina Bendixen (Hrsg.): Quietschblanke Tage, spiegelglatte Nächte. poetenladen 2008. 160 Seiten, engl. Broschur. 12,00 Euro.

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter