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Paul Nizon: Die Zettel des Kuriers

17.07.2008

In bester Form

Vier Journal-Bände von Paul Nizon liegen jetzt vor, jeder umfasst grob gesagt ein Jahrzehnt, und dieser aktuelle, der die Neunzigerjahre enthält, ist nicht nur formal der geschlossenste Band, er ist zugleich auch der unbeschwerteste.
Von MARCUS JENSEN

 

Nizon erlebt seinen Durchbruch in den Achtzigerjahren, und jetzt tritt das skrupulöse Kreisen um die eigene Autorschaft, das die vorherigen Journale noch ausgiebig thematisieren, die Selbsterschreibung des Schreibenden, diese „One-Man-Show“, eher zurück. Die Einträge runden sich zu abgeschlossenen persönlichen Geschichten, zu Kurzessays und scharfen Miniporträts. Einfach glänzend sind die Nachrufe auf Freunde und Weggefährten.
Das Abschreiten alter Stationen in Frankreich, Deutschland und natürlich der Schweiz wird zu geschliffenen Reisebildern oder Rückblicken auf die „Felliniwelt“ der Kindheit verarbeitet. Nizons Impressionen seiner Wege durch Paris zu seinem Atelier sind solide Episoden, seine faszinierend leichte Art, über Erotik zu schreiben, ist wie immer ein Genuss („ich bin neuerdings ein Schenkelnarr, müssen Sie wissen“), und es herrscht eine durchgehend homogene stilistische Musikalität vor.
Seine körperliche Schadensmeldung aus dem Jahr 1999 klingt zwar dramatisch, aber erst daran ist überhaupt zu spüren, dass siebzig Jahre vergangen sind. In „Die Zettel des Kuriers“ steht Leiden nicht im Vordergrund, es dominieren Entspannung und Formenvirtuosität, und so entsteht oft ein präzise verdichteter, informationsgesättigter und stärker als in den vorigen Bänden öffentlicher Ton. Ein Ton, den der Autor nicht mehr ausschließlich zu sich spricht. Zuweilen führt das zu befremdender Sachlichkeit, wenn Nizon etwa das Leben Nabokovs oder Mitterrands memoriert, ohne persönlichen Bezug, als sollte man glauben, er schreibe sich selbst so einen Aufsatz.

Ein typisches Tagebuch waren die Journale ohnehin nie, zumindest nicht diese Zusammenstellung aus weit über zehntausend handschriftlichen Seiten, die er seinem Verlag mit geradezu jungenhafter Begeisterung „zum „Ankauf“ anpreist.
Der Herausgeber Wend Kässens hat praktisch freie Hand, was die Auswahl aus dem gewaltigen Material angeht. Paul Nizons Journale tragen den Charakter eines unsystematischen, quasi immer wieder unterbrochenen Ansetzens zu einer Autobiografie.
Die eigentlichen Schlüsselloch-Einblicke sind meist nachträgliche Betrachtungen von Begleitern (geliebt: Elias Canetti, gehassliebt: Max Frisch), und seine persönlichen Krisenthemen wie etwa die zerbrochenen Ehen behandelt er vorsichtig. Seine Sorge, das Journal könne „als unanständig empfunden werden“, erscheint bei diesem Band grundlos. Nizon mit seinem Wahrheits-Ethos und der starken Emotionalität schönt seine Umgebung nicht, aber der Eindruck, dass er sie schont, drängt sich auf.
Sicher wurde hier vieles weggelassen. Dieses Journal ist frei von Animositäten oder schmutziger Wäsche. Nur Max Frisch etwa erscheint als „Ratgeberonkel“, und dessen ganz un-dionysisches Schreiben erfasst Nizon mit dem einen Satz: „er war nie ein trunkenes Schiff“. Hass fehlt - und auch Selbsthass.

Für seine eigene Person und seine eingestandenen Fehler findet Nizon eine maximal tadelnde Bewertung, er schüttelt den Kopf über gewisse frühere Taten („schockierende, verachtenswerte Selbstsucht“) und malt Bedrückungen nicht konkret aus: „Bin immer besetzt oder betrübt oder in mir gefangen.“ Seine Selbstbeobachtung gerät nie zu einem explizit misstrauischen Kontrollieren, sie wird erst nach dem Erkenntnisakt notiert, es geht eindeutig um eine literarische Fassung. Er ist ein Meister der Nachbetrachtung, des Mittelbaren.
Oft sind die Tageseinträge sichtlich zu lang und zu ruhig, um sofort notiert worden zu sein, oft beginnt er den Tag mit „neulich“ oder „gestern“ oder trägt in Paris „Jena“ nach. Typisch sind die längeren Erinnerungsschübe, die mit dem Tagesgeschehen nicht viel zu tun haben müssen und die lange Zurückliegendes in vollendeter epischer Form wiederbeleben, z. B. eine Kurzfassung seines Erwachsenenlebens in „Er“-Perspektive. Parallel dazu schreibt Nizon über die Entstehung seines Buches „Hund. Beichte am Mittag“.

Das ist weniger die Erforschung von Subjektivität, sondern deren souveräne Setzung. Glücklicherweise nimmt er keine Pose ein. Vorgeblich ungepanzert zu schreiben, wäre ohnehin ein Widerspruch in sich. Besonders dieser vierte Band ist schon mindestens formal extrovertierter, als es zu Nizons gewissermaßen offiziellem Image passen könnte. Gegenüber Dürrenmatts Extrovertiertheit erscheint ihm das eigene Schreiben „wie ein kaum hörbares Murmeln bis Räuspern“, zugleich attestiert er seinem früheren Ich („sich selber fremd wie eine hölzerne Puppe“) eine erhebliche Großspurigkeit, dann benennt er wieder seine „genuinen Feinde, die schreckliche Mehrheit auf Erden, die Brauchbaren“, empfindet seine Randstellung im Literaturbetrieb als „Schamhaltung“ – warnt sich selbst jedoch vor einer „Innerlichkeitshörigkeit“.
Dieses Spannungsfeld zwischen Vorsicht, demonstrativer, recht deutscher Introvertiertheit (in den USA fühlt er sich „wunderbar leicht … wie ein ausgenommenes Huhn“) und beeindruckender Spielfreude wie auch ironischem Selbstbewusstsein macht den unverwechselbaren Reiz der Journale aus.

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