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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 27. Juni 2017 | 16:04

    Philip Roth: Eigene und fremde Bücher

    20.03.2008

    Die radikale Erkundung moralischer Phantasie

    Philip Roths Selbst-Verteidigung ist sein bester Angriff.


    Von “Portnoys Beschwerden”, die ihn weltberühmt und zum jüdischen Skandalautor gemacht hatten, bis zu seinem jüngsten Roman “Exit Ghost” ist der 1933 geborene Philip Roth einer der großen amerikanischen Erzähler. Mit seinen jetzt erstmals auf Deutsch vorgelegten Essays, Polemiken und Interviews, in denen er sich mit eigenen und fremden Büchern beim Wiederlesen beschäftigt, definiert er seine Poetik eines amerikanisch-jüdischen Schriftstellers. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Man würde in die Bredouille geraten, wenn man vor die Wahl gestellt wäre, entweder Philip Roths jüngsten Roman "Exit Ghost" zu lesen oder die umfangreichere Sammlung von Gesprächen und Essays mit dem Titel “Eigene und fremde Bücher, wiedergelesen”, die kurz vor “Exit Ghost” in der Übersetzung von Bernhard Robben in Roths deutschem Verlag erschienen ist. Denn auch die naheliegende Vermutung, der Roman sei unterhaltsamer und spannender als die Sammlung von Selbstaussagen und Hommagen an Bücher & Autoren, die Roth schätzt, trifft hier nicht zu. Spannend und unterhaltsam sind auch Philip Roths (Selbst-)Lektüren und Polemiken. Das liegt nicht daran, dass “Exit Ghost” schwächer ist als die Meisterwerke des Autors; sondern daran, dass sich der Essayist und gesprächsweise Selbstporträtist auch in den nicht-narrativen Genres von ganz eigener Kraft und Originalität zeigt.


    Wir erkennen darin, was angesichts spielerischen Raffinements und des Witzes seiner Romane oft vergessen wird, zum einen den “Literaturprofessor”, der Philip Roth lange Jahre war, also den “poeta doctus”; zum anderen aber die, man muss schon sagen: fast erschreckende Ernsthaftigkeit eines besessenen Schriftstellers, der seinen Beruf mit der Rigorosität des dazu Berufenen gegen jegliche oberflächliche Betrachtung - ja: - verbissen verteidigt. Widerspruch ist sein Metier, und da die Interviews ihre “endgültige Form im Schriftlichen fanden“, also vom Autor nachträglich überarbeitet wurden, um sie zu pointieren, haftet keinem der Texte Zufällig-Beiläufiges an, alles ist ex Cathedra. Die meisten erschienen zwischen 1959, als sein erster Prosaband herauskam, und 1974, als er bereits auf 8 (!) publizierte Bücher zurückblicken konnte. Die vier großen Gespräche, von denen drei von europäischen (!) Interviewern geführt wurden, entstanden zwischen 1979 und 1984 und die vorliegende, erweiterte Sammlung wurden 2001 publiziert. Es sind also, blickt man von heute zurück, historische Wegmarken des Rothschen Selbstverständnisses, das er aber bis zu “Exit Ghost” nicht revidiert hat.

    Selbst wer als deutscher Leser das nicht vollständig übersetzte, in verschiedenen deutschen Verlagen in unterschiedlicher Übersetzer-Güte erschienene (& z.T. vergriffene) Oeuvre Roths nicht in toto präsent hat, kann den verschiedenartigen Äußerungen des Autors dazu & darüber folgen, weil der Autor (fast immer) “aufs Ganze geht”. Das liegt daran, dass er das Glück (& das Pech) hatte, dass ihm mit seinem 1969 erschienenen Roman “Portnoys Beschwerden” - 10 Jahre nach seinem Debüt “Goodbye, Columbus” - sowohl in den USA als auch weltweit ein heftig umstrittener Ruhm zufiel, der ihm seither anhaftete: der eines sexbesessenen literarischen Berserkers, der im Ruch stand, aus “jüdischem Selbsthass” antisemitische Prosa zu schreiben.

    Frühe Beschwernis mit “Portnoys Beschwerden”

    Der Walter-Benjamin-Freund und in Israel lehrende Talmud-Kenner Gershom Scholem sah in “Portnoys Beschwerden” ein gefährliches Machwerk, das den internationalen Antisemitismus munitioniere; und die offiziellen jüdischen Organisationen in den USA, jüdische Kritiker und Autoren haben den “misanthropischen“, “unmoralischen” und “verrückten” Autor aufs Heftigste geschmäht, was aber den öffentlichen Erfolg des 36jährigen Schriftstellers erst recht befeuerte und diesen zur entschiedenen Gegenwehr motivierte. In der sprunghaft-assoziativen Suada des Mittdreißigers Portnoy auf der Couch des Psychoanalytikers Dr. Spielvogel lässt Roth seinen von der jüdischen “Mamme” und der Käfighaltung in der Familie schwer geschädigten o­nanisten ebenso komisch wie obszön seine schuldgehemmte sexuelle Lust-Biografie aufschäumen und verstößt mit dieser vulkanischen literarischen Eruption und seiner befreienden Gelächter-Karnevalistik gegen so gut wie alle gesellschaftlichen Normen und vor allem die Selbstdarstellungen des amerikanischen Judentums.

    Eine Vielzahl, um nicht zu sagen: fast alle der hier gesammelten Arbeiten bezieht sich auf diesen fundamentalen Tabubruch in der amerikanisch-jüdischen Literatur, weil der Autor in “Portnoys Beschwerden” seine drei zentralen Themen und Motive zum erstenmal versammelt hatte: die areligiöse jüdische Existenz als Minderheit in Amerika, die Radikalität anthropologischer Fragestellungen im Lichte sexuellen & erotischen männlichen Begehrens und die unendliche Reflexion von Leben & Schreiben, Autobiografie & Fiktion, Realität & Imagination oder, wie Philip Roth im Vorwort schreibt, zwischen der “ungeschriebenen” und der “geschriebenen Welt”.

    In einem Gespräch von 1985 - also 16 Jahre nach dem Portnoy-Skandal - erklärt Roth auf die übliche Frage nach seinem Lesepublikum: “Ich habe zweierlei Publikum: ein allgemeines und ein jüdisches. Und ich habe buchstäblich keine Vorstellung davon, welche Wirkung ich auf mein allgemeines Publikum ausübe“. Allerdings sei es “überaus befriedigend, ein unbekanntes Publikum von fünfzigtausend klugen Lesern (oder phantasievollen Missdeutern) zu haben“. Auf diese kleine Zahl von Amerikanern, die “halbwegs aufmerksam die Hälfte” seiner Bücher gelesen haben, schätzte er damals seinen Resonanzraum jenseits des jüdischen Publikums, dessen “Erwartungen, Geringschätzungen, Freude, Kritik, verletzte Eigenliebe und gesunde Neugier” er “sehr präzise spüre”. Diesen innersten Kreis seiner jüdischen Leser in den USA vergleicht er mit dem Publikum “eines kleinen Landes, in dem Kultur mit Politik identisch und immerzu damit beschäftigt ist, die Sinnfrage zu stellen, über die eigene Bedeutung nachzudenken, scherzend über das Gefühl der Scham hinwegzugehen und sich auf die eine oder andere Art bedroht zu fühlen”.


    Philip Roth, der bei dieser Charakterisierung seiner spezifischen Welterfahrung und Imagination wohl auch an seinen tschechischen Freund Milan Kundera (oder Franz Kafkas Oeuvre) denkt, bekennt zugleich an einer anderen Stelle unmissverständlich: “ Mein Denken und meine Sprache wurden von Amerika geformt. Ich bin ein amerikanischer Schriftsteller, wie kein Klempner ein amerikanischer Klempner, kein Bergarbeiter ein amerikanischer Bergarbeiter und kein Kardiologe ein amerikanischer Kardiologe ist. Was das Herz für den Kardiologen, die Kohle für den Bergarbeiter, die Küche für den Klempner ist, das ist Amerika für mich.“

    Nun hatte sich damals schon und erst recht heute der Resonanzraum für das Werk Philip Roths weltweit über sein jüdisches Publikum hinaus vergrößert, wobei gerade das “allgemeine Publikum” am immer noch spezifischen jüdisch imprägnierten Charakter seines Oeuvres Gefallen und Erfahrungsreiz findet. Der heftige Anstoß, den er einstmals im offiziellen amerikanischen Judentum mit seinem Werk erregte, ist in dem Maße geschwunden, in dem er sich als literarischer Souverän behauptete.

    Literarische Selbstbehauptung in einer ängstlichen Minderheit


    In mehreren Essays, Polemiken und literaturkritischen Untersuchungen dieses Bandes (z.B. “Über einige neue jüdische Stereotype”, “Über Juden schreiben”, “Was heißt es, sich jüdische Figuren auszudenken?”) hat er am Beispiel Saul Bellows (dem dieses Buch gewidmet ist), Bernard Malamuds, J.D. Salingers, Norman Mailers oder Leonard Uris´ (“Exodus”) offene oder verdeckte, sentimentale oder pathetische jüdische Selbstbildnisse der amerikanischen Literatur analysiert, kommentiert und kritisiert. Und definiert und pointiert hat er in dieser enggeführten Auseinandersetzung zugleich sein Recht als Schriftsteller, dem “pure Verspieltheit und tödliche Ernsthaftigkeit” seine “engsten Freunde sind”, so radikal wie möglich sein Bild vom Menschen und seinen Möglichkeiten zu formen, wobei es kein “lähmendes Toleranz”-Tabu geben dürfe, das “jene ihrer Macht beraubt, die sich unterscheiden, die abweichen oder rebellieren” (wie er) - und dabei auch nicht umhin können, davon abzusehen, “dass Mitglieder unserer Minderheit nicht vor den Gefahren der menschlichen Natur verschont bleiben”.


    Er sei, bekennt Philip Roth an anderer Stelle seinen anthropologischen Pessimismus, keineswegs davon “überzeugt, dass alle Menschen Brüder sind. Im Gegenteil, sie sind Fremde; das wird mir bei der Zeitungslektüre jeden Tag deutlicher. Sie sind Fremde, und oft genug sind sie auch Feinde, und weil dies eben so ist, ziemt es sich für uns, nicht 'alle zu lieben' (schließlich hieße dies offensichtlich, das Unmögliche zu verlangen), sondern uns aller Gewalt und Niedertracht zu enthalten, denn das, so scheint mir, ist schon schwierig genug”.


    Die Literatur aber sei eben “kein Schönheitswettbewerb“ und man müsse “schon schrecklich naiv sein, wenn man nicht begreift, dass ein Schriftsteller auch ein Schauspieler ist, der jenes Stück aufführt, das er am besten kann - besonders dann, wenn er die Maske des Ich-Erzählers (...) aufsetzt. Für ein alternatives Ich ist dies vielleicht die beste Maske überhaupt”. Man dürfe einen Schriftsteller deshalb nicht fragen (wie das ihm oft geschehen ist): “Warum benimmt er sich so unmöglich in seinen Büchern?”, sondern: “Was bringt es ihm“ - und das heißt seiner Literatur! -, “diese Maske zu tragen?“ - also z.B.: was erlaubt es ihm und dem Leser durch die Fiktion eines Charakters und der Biographie Nathan Zuckermans an Welt- & Lebenserkenntnis imaginativ zu gewinnen & auszubreiten, um “die Welt kennen zu lernen, wie man sie ohne diese Romane nicht kennen lernen könnte”? Denn die Macht der Literatur “erwächst aus der Autorität und Kühnheit, mit der diese Verwandlung” von der empirischen Person in die fiktive des Erzählers gelingt.


    Allerdings, muss man hinzufügen, gehört es zur artistischen Kühnheit Philip Roths, dass er die Erfindung seiner fiktiven Ichs - ob sie Zuckerman, Kepesh oder Roth heißen - mit den Fakten seines solitären Lebens engführt, also zugleich diese “Verwandlung“ permanent in Frage stellt. Wenn man aber seine Bücher “autobiografisch” oder “bekenntnishaft” nennen würde, “hieße es nicht bloß, ihren Charakter als Werke der Fiktion zu leugnen, sondern auch, eben jene Raffinesse zu schmälern, die ihre Leser glauben lässt, sie seien autobiografisch”.

    Der Schriftsteller als Schauspieler


    Der autobiografische Anschein seiner Bücher oder: die Intensivierung der Fiktion, sie seien autobiografisch, ist für Philip Roth offenbar der innerste Kern seiner ästhetischen Logistik, seine Leser während der Lektüre “ganz in Besitz zu nehmen” und zwar “auf eine Weise, wie es anderen Schriftstellern nicht gelingt” - aber der suggestiven Kunst des Schauspielers, mit dem er sich als Autor vergleicht, der den Zuschauer/Leser dazu bringt, in der Verschmelzung von Darsteller & Rolle eine glaubhafte, reale Person vor sich zu sehen. So gelingt es z.B. Roth, ganz am Ende des Buches, nachdem er erst Kafkas letzte (gelungene) reale Liebe zu Dora Diamant beschrieben hat, den geliebten Prager Dichter, als Nazi-Flüchtling & Hebräisch-Lehrer sich als zeitweiliges Familienmitglied in seine Newarker Kindheit hineinzuphantasieren - allerdings ohne seine Romane und Tagebücher, also ohne seinen weltliterarischen Nachruhm. Nur vier “meschuggene” Briefe, die er Roths altjüngferlichen Tante geschrieben hatte, mit der des kleinen Philips Eltern den Dr. Kafka verkuppeln wollten, könnten noch in der Andenkensammlung der Tante verborgen sein. Was für eine zärtliche Hommage & was für ein kleiner Triumph der Einbildungskraft!

    An einer Stelle des Essays “Über Juden schreiben” hat Philip Roth aber so etwas wie ein Summery seiner Vorstellungen vom emotionalen Abenteuer der amoralischen & imaginativen Möglichkeiten & Ziele seiner Literatur gegeben: “Literatur wird nicht geschrieben, um die Prinzipien und Überzeugungen zu bekräftigen, die alle zu haben scheinen; sie versucht auch nicht, die Angemessenheit unserer Gefühle zu garantieren. Die Welt der Literatur befreit uns vielmehr von jenen Beschränkungen, die unseren Gefühlen von der Gesellschaft auferlegt werden; es gehört zum Großartigen der Kunst, dass sie es sowohl dem Autor wie dem Leser erlaubt, auf ein Geschehen in einer Weise zu reagieren, die uns im alltäglichen Leben nicht immer zur Verfügung steht oder die, falls sie denn verfügbar ist, nicht möglich, umsetzbar, legal, ratsam oder fürs Lebensgeschäft auch nur notwendig ist. Nein, wir wissen vielleicht nicht einmal, dass wir über eine solche Bandbreite von Gefühlen und Reaktionen verfügen, bis wir mit einem literarischen Werk konfrontiert werden. (...) Und diese Erweiterung moralischer Bewusstheit, diese Erkundung moralischer Phantasie ist für einen Menschen und seine Gesellschaft von beträchtlichem Wert”.

     

    Literatur: das ist für Philip Roth nichts anderes, als die Möglichkeit zur Erfahrung einer innerweltlichen Transzendenz des Ichs. “Ein Buch”, schrieb Kafka in einem Brief, “muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns”. Das “gefrorene Meer”, könnte Philip Roth hinzufügen, das ist die angestammte, bislang fraglose oder gesellschaftlich und moralisch erzwungene Identität. “Ich” kann auch ein Anderer sein; auch ich kann ein Anderer sein - kraft literarischer Phantasiereizung.

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