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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 22:50

     

    Italo Calvino: Ich bedauere, dass wir uns nicht kennen

    17.01.2008

     

    “Lesen, lesen, lesen”
    Italo Calvinos Briefe sind auch eine italienische Literaturgeschichte

    Der auf Kuba geborene, in Ligurien aufgewachsene Italo Calvino (1923/1985) gehört zu den großen Autoren der italienischen Nachkriegsliteratur. Er hat ihr Erscheinungsbild, jahrzehntelang als Lektor, Herausgeber und Verleger bei Einaudi, wie kein zweiter Schriftsteller mitbestimmt. Ein Auswahl aus den mehrtausend Briefen seines Lebens gibt einen Eindruck davon.

     

    Rühmenswert, dass sein deutscher Verlag das postume Erbe seines italienischen Autors weiterhin pflegt, wenn man wohl auch wird annehmen müssen, dass die deutschen Kenner und Liebhaber Italo Calvinos (1923/85) so zahlreich nicht (mehr) sind, wie sie sein sollten, wenn man sich des Rangs dieses Großen der italienischen Nachkriegsliteratur erinnert. Durch die Eigenart seiner poetischen Schreibweise zwischen Märchen, Parabel, Essay und Sciencefiction knüpfte er ein luftiges Netz spielerischer Rationalität und Phantastik. Keine epischen Schwergewichte mit der erdigen, kleinbürgerlich-proletarischen Bodenhaftung des Neorealismus hat Calvino hinterlassen, sondern einen “Baron auf Bäumen“, einen “Ritter, den es nicht gab“ und über “Unsichtbare Städte” oder “Cosmocomics” schrieb er - um die Titel einiger seiner Romane und Erzählungen zu zitieren, die dem Charakter seines Oeuvres entsprechen.

    Denn: Poesie der Aufklärung, leidenschaftliche Ausschweifungen des Intellekts und der Phantasie war Italo Calvinos immer schlankes Werk; und wie Arno Schmidt von sich behauptete, so hätte auch der auf Kuba geborene, in Ligurien aufgewachsene Sohn zweier Agronomen von sich sagen können: “Mein Herz gehört dem Kopf”.
    Das offenbaren jetzt auch die Briefe Italo Calvinos, die der Hanser-Verlag - in dem nach Calvinos Tod immer wieder Bücher mit verstreuten Arbeiten erschienen sind, so dass sei Oeuvre nun fast vollständig auf deutsch vorliegt - in einem umfänglichen Band herausgebracht und die Barbara Kleiner übersetzt hat. Von Franziska Meier wurden sie ausgewählt mit der Absicht, dieses Viertel der bislang publizierten Briefe erlaube deutschen Lesern einen repräsentativen Einblick in die intellektuelle und berufliche Entwicklung und die mannigfachen Tätigkeiten und Interessen des Autors.

    Die Briefe reichen von 1941, als der Achtzehnjährige von San Remo nach Turin zum Studium der Agronomie ging (und schon selbstbewusst behauptete: “Künstler ist man, oder man ist es nicht”) bis zu seinem Tod 1985. Ausführlich kommentiert, mit Kurzbiografien der vornehmlich italienischen Briefpartner (zu denen H. M. Enzensberger und französische und russische Calvino-Übersetzer hinzukommen) und einem Nachwort versehen, erfüllt der Band vollauf seine Vorsätze. Der deutsche Leser kann die Wandlungen der intellektuellen Physiognomie Calvinos und deren emotionale Abschattierungen nachvollziehen. Die privaten & intimen, gewissermaßen “innenpolitischen” Briefe Calvinos (z.B. an seine Frau) bleiben - sofern vorhanden - ausgespart. Dennoch gibt er von sich viel preis: in diesen sozusagen außenpolitischen Briefen des Schriftstellers, Herausgebers und langjährigen, einflussreichen Lektors des einst großen Einaudi-Verlags, dessen umfangreiches, innovatives Programm die gesamte intellektuelle Szene der italienischen Kultur nach dem 2. Weltkrieg maßgeblich bestimmte.

    Nach Cesare Pavese, der Calvino entdeckte und zu Einaudi holte und Elio Vittorini, in dem Calvino, nach Paveses Selbstmord 1950, seinen “Ziehvater” verehrte, hat wohl kein zweiter Schriftsteller in Italien eine gleichartig bestimmende Rolle als literarischer und intellektueller Steuermann gespielt wie Calvino. Sein unabhängiges literarisches Urteil und seine intellektuelle Neugier, deren Horizonte in Philosophie und Naturwissenschaft sich im Laufe seines Lebens erweiterten und verschoben, lassen eine lern- & kritikfreudige Person kenntlich werden, der in unserer intellektuellen Kultur der Bundesrepublik wohl allenfalls Hans Magnus Enzensberger entspricht, der Calvino für sein “Kursbuch” vergeblich zu gewinnen suchte.

    Lektor und Autor in einer Person

    Er habe “den Tick”, schreibt Calvino bereits, bevor er Lektor, aber schon Autor bei Einaudi geworden ist, einem engen Weggefährten, “auch Kritiker sein zu wollen. (...) Mich animiert die Kritik zur schöpferischen Arbeit und die schöpferische Arbeit zur Kritik, für mich sind das parallel laufende Tätigkeiten”. So wird er es sein Leben lang halten, wenn ihn auch seine eigene literarische Entwicklung mehr und mehr der italienischen Literatur seiner Zeitgenossen entfremdet, was er aber noch nicht ahnt, als er nach seiner kurzen, lebensgefährlichen Partisanentätigkeit als kommunistisches Parteimitglied seinen ersten autobiografisch unterfütterten Roman und Erzählungen publiziert, bei der “Unità” kurzzeitig, aber dann bei Einaudi ab 1947 arbeitet, wo er 1955 leitender Lektor wird. Sein optimistischer Enthusiasmus, “Teil der großen Familie” zu sein - mit Cesare Pavese, Natalia Ginzburg und Elio Vittorini bei Einaudi befreundet, als PCI-Mitglied an der Kulturpolitik der Partei(zeitung) mitzuwirken - setzt alle seine produktiven kritischen Energien frei, wenn auch das eigene Oeuvre in eine “Krise” gerät und er neorealistische oder sogar sozrealistische Romanprojekte aufgibt.

    Ähnlich wie Michelangelo Antonioni (mit dem er befreundet war) hatte Calvino früh begriffen, dass der Neorealismus (zumindest für ihn) sehr bald historisch geworden war und die veränderte Zeit und Gesellschaft andere ästhetische Antworten im Film & in der Literatur verlangte. Wenn er einem Kollegen schreibt, er solle “die wenigen wirklich wichtigen Autoren (es sind nicht mehr als 20 oder 30) lesen, lesen, lesen”, um “eine Sache zu machen, die von niemand überholt werden kann und die Zeit überdauert”, dann spricht er von seinen eigenen Zielen. Er will sich “entjournalisieren”, um “den Sachen auf den Grund zu gehen” und sich nicht länger “in Nebensächlichkeiten verlieren”. Deshalb wolle er (1950!) zwar weiterhin am Parteileben teilnehmen, “an der Basis, in den Zellen und in der Parteischulung” (!), “um in Kontakt mit der Wirklichkeit und der Welt zu bleiben, aber - Achtung! - meine individuelle Arbeit (...) als die eines ‘Gelehrten’ (auffassen), mit systematischen Lektüren, Aufzeichnungen, Notizen, Materialsammlungen (...) und auch einen Roman schreiben”.

    Calvinos Kommunismus erträumt sich nicht “das Paradies auf Erden” (statt im Himmel), denn sein “atheistischer Atheismus” suche pragmatisch “für die Probleme, die auftauchen, eine Lösung zu finden, um (...) einen klaren Kopf zu haben sowie das Gefühl, unter den Dingen, den Menschen, in der Geschichte zunehmend mehr an seinem Platz zu sein”. Er habe schon lange “historische Gestalten, Schriftsteller, kulturelle Strömungen” in “paradiesisch” oder “nicht-paradiesisch” eingeteilt; und während er den “Paradiesischen” misstraue, glaube er von den “Nicht-paradiesischen” etwas “Wesentliches gelernt zu haben“- nämlich von “Menschen, die ebenso unempfänglich sind für wunderbare Hoffnungen wie für Verzweiflung”.


    Statt Kafka oder der existenzialistische Sartre sind Calvinos literarische Vorbilder: Joseph Conrad (“mit seiner düsteren Vision des Universums und seinem Vertrauen auf den Menschen, mit seiner Moral, die aus Berufspraxis, aus einer Arbeit entspringt”); Anton Cechov (“ der jede stolze Anmaßung des menschlichen Kleinbürgertums erbarmungslos bis auf die Knochen seziert, doch nur um zu entdecken, dass darunter in jedem einzelnen der zu erlösende Mensch steckt, d.h., um die historische Nützlichkeit jedes Menschen experimentell nachzuweisen”); und sogar auch Ernest Hemingway gehört in seine literarische Helden-Galerie, weil der amerikanische Autor “das Bedürfnis verspürt, auf die fundamentalsten Beziehungen des Menschen zu den Dingen zurückzukehren”.

    Die große und die kleine “Familie”

    Italo Calvinos antimetaphysisches Credo in den Fünfziger Jahren ist zweifellos von Pavese und Vittorini geprägt. Deshalb hat ihn der Selbstmord Paveses, dessen Nachlaßverwalter er wird und dessen finale “Krise” er gegen deren politische Instrumentalisierung durch die Rechten als individuelle Entscheidung eines “Mannes“ interpretierte, “dem es extrem schwer fiel, ins Leben hineinzufinden”, tief erschüttert. Es bedurfte aber erst des Ungarnaufstands 1956, der Italo Calvino 1957 zum Austritt aus der KPI bewegte, weil der KPI-Generalsekretär Togliatti sich kritiklos auf die Seite der sowjetischen Intervention stellte. Zwar wurde Calvinos souveräne Austrittserklärung noch in der “Unità” veröffentlicht; aber Togliatti persönlich trat gegen den ehemaligen Genossen stalinistisch nach - was Calvino wohl noch mehr schmerzte.

    Mit dem Verlust “der großen Familie” blieb nur noch die kleine Familie des Einaudi-Verlags übrig - und Calvinos aufklärerisches “Kerngeschäft” der Literatur und ihrer sowohl umfassenden als auch kritisch durchforsteten Sichtung & Förderung. Einem katholischen Freund gegenüber hat der Lektor 1959 sein Programm umrissen: “Zweifellos, wir existieren nur, insofern wir schreiben, wenn nicht, gibt es uns nicht mehr. Selbst wenn wir keinen einzigen Leser mehr hätten, müssten wir schreiben; und das nicht, weil unsere Arbeit ein einsames Geschäft ist, im Gegenteil, schreibend nehmen wir beständig teil an einem Dialog, an einem gemeinsamen Gespräch, und von diesem Dialog darf man immer annehmen, dass er mit den Verstorbenen geführt wird, mit den Autoren, die wir lieben und deren Gedankengänge wir uns bemühen weiterzuentwickeln, oder aber mit den Künftigen, die wir durch unser Schreiben lieber so als in einer anderen Weise heranziehen wollen.(...) Heute sind zu viele da, die schreiben. (...) Man darf nicht um Nachsicht bitten für den, der wenig zu sagen hat, gewerkschaftliche oder berufsständige Solidarität ist unzulässig (...) Hier spricht einer zu Dir, der in seinem Beruf als Verleger junge Schriftsteller ermutigt; und das ist notwendig; nur ist es ebenso notwendig, in einem zweiten Schritt, von fünfzig, die man ermutigt hat, neunundvierzig zu entmutigen”. Das sind klare Worte; und eine Reihe von entschiedenen Absagen gehört zu den jetzt publizierten Schreiben des Einaudi-Lektors, der sich ja schon nicht scheute, den verehrten Pavese zu kritisieren oder Natalia Ginzburg oder Elsa Morante ihren Rang zuzuweisen.

    Im selben Brief an den Herausgeber einer umfangreichen Anthologie “Christlicher Legenden” wiederholt er seine ein Jahr zuvor schon geäußerte Einsicht, wonach “wir in einer alexandrinischen Zeit leben”, in der man “in der Literatur und vor allem in der Prosa alles machen kann, absolut alles, alle Stile und Methoden existieren neben einander”. Das klingt wie ein “postmodernes” Programm, als an den nachmaligen Terminus des beliebigen “anything goes” noch niemand dachte. Aber für Calvino, der auch schon vom “offenen Kunstwerk” in seinen Briefen sprach, als Umberto Eco sein gleichnamiges Buch (1962) noch nicht geschrieben hatte, ist der Alexandrinismus nicht ein Freibrief zur Beliebigkeit, weil der Schriftsteller beim vielseitigen Wählen der “unterschiedlichsten Formen” an “die Moral des Stils” glaubt: “an das vollkommene Aufgehen des Inhalts (der Wahrheit des Einzelnen) im Stil”. Daraus entsteht dann die “Signatur, an der man die Werke jedes großen Schriftstellers wiedererkennt”, wie er als Lektor an Primo Levi schreibt, den er auf dem Weg zur eigenen Signatur sieht.

    Amerika: “Du hast es nicht besser”

    Im November 1959 begibt er sich mit einem halbjährigen Stipendium der Ford-Foundation in die USA, wo er einerseits als Scout “geschäftlich” für Einaudi tätig ist
    (& mit Philip Roth Freundschaft schließt), andererseits sich als “Botschafter einer imaginären demokratischen Republik Italien” fühlt und als “Vertreter der italienischen Linken” mit Vorträgen an amerikanischen Universitäten von der neuesten italienischen Literatur berichtet und dabei “Resistenza, Gramsci und alle verbotenen Namen hineinpackt, von denen man hier absolut nichts weiß. (...) Ich befolge die Linie der Partei”, berichtet er einem ihm befreundet gebliebenen ehemaligen Genossen, wenn er auch präzisiert: “jener Partei, die in den Herzen ist”, also nicht der realen PCI. Nur noch zu einem Viertel entdeckt er das vitale, vor Widersprüchen berstende Amerika, das Pavese, Vittorini und er in der amerikanischen Literatur von Steinbeck, Faulkner und Hemingway imaginiert und geliebt hatten. Neben den “paradiesischen Zuständen” an den reichen Universitäten und Forschungsstätten in Kalifornien (vermutlich “ mit dem Tod der Seele bezahlt”), wird er aber überwiegend abgestoßen von einem “Land der Langeweile, der Leere und Monotonie, der kopflosen Produktivität und des kopflosen Konsums, und das ist die amerikanische Hölle”.

    Vor allem aber empört er sich darüber, dass die Nordamerikaner “keinen Sinn für Geschichte, keinen Sinn für die Antithese, keinen Sinn für Philosophie, keinen Hegel haben” und vor allem graust ihm vor “diesem entsetzlichen, protestantisch-jüdisch-katholischen Monotheismus, der einen Block bildet”. Er, “der in allem mehr Polytheist, denn je ist” und glaubt, ”dass die Wahrheit nur in der Vielheit der Götter lebt”, lässt sich in seiner Wut auf den amerikanischen Monotheismus in einem Brief an den jüdischen Freund, den linksintellektuellen Franco Fortini, zu einer üblen antisemitischen Philippika hinreißen, die einen noch heute schockiert - wohingegen Calvino zwanzig Jahre später dem immer streitbaren Freund “erbarmungsloses Verurteilen” von dessen Vater vorwirft, der sich als Jude zu Kompromissen mit dem Faschismus gezwungen gesehen hatte.

    In den Sechziger Jahren gewinnt Calvino international an Ansehen, heiratet er die argentinische Übersetzerin Judith Esther Singer, mit der er 1967 nach Paris zieht, nachdem er schon 1964 sich vom “literarischen Leben” in die Intensität seiner weitgespannten Lektoren- & Verleger-Tätigkeit zurückgezogen hatte. Während er seinen “großen Unmut über politische Erzählungen” formuliert (aber weiterhin alle möglichen politischen Aufrufe unterzeichnet), beschäftigt er sich selbst mit “eher abstrakten Erzählungen”, deren “geometrische Paradoxien (...) mit Raumkonzeptionen an der Grenze der Vorstellbarkeit zu tun haben”.

    Dabei begreift er sich nicht als “Avantgardist”, sondern als “Schriftsteller handwerklicher Art, der gern Konstruktionen baut, die perfekt aufgehen” und vor allem “eine Beziehung zum Leser hat, die auf wechselseitiger Befriedigung beruht”, wie er einem Rezensenten seiner Arbeiten ins Stammbuch schreibt. Überhaupt ist er immer wieder glücklich, wenn er sich von der Kritik oder (meistens) Übersetzern “verstanden” sieht.

    In der idealen Position des Zuschauers

    Als ihm 1967 ein Kollege geschrieben hatte, er glaube nicht mehr an die Literatur (wie zur gleichen Zeit Walter Boehlich in Enzensbergers “Kursbuch”), antwortet ihm Calvino: “Pah, für mich ist sie das, woran ich noch am meisten glaube (...) Sie wird das Wenige sein, was uns in schrecklichen Jahren bleibt, die wir werden erleben müssen”. Den “Pariser Mai” erlebt er (gerade dorthin gezogen) aus der “idealen Position des Zuschauers”, weil er zwar die Revolte “im großen und ganzen erhofft” hatte, aber seine “Teilnahme nicht gefragt - ja sogar ausgeschlossen - ist”. Während er sich dem militanten Freund Pasolini, der in jenen “schrecklichen Jahren” seine “Freibeuterschriften” und “Lutherbriefe” publiziert, nachhaltig entfremdet und er in der bewussten Schamlosigkeit der Körperpolitik und den skandalisierenden Polemiken Pasolinis die Extrovertiertheit D´Annunzios vermutet, erblickt Calvino “in Galileo den größten Schriftsteller der italienischen Literatur aller Zeiten”, weil sich seine Prosa, “wenn er vom Mond zu sprechen beginnt, (...) zu einem Grad an Präzision und zugleich verfeinerter Poesie erhebt, die etwas Wunderbares haben. Und die Sprache Galileis war eines der Vorbilder für die Sprache Leopardis, des großen Monddichters”.

    Die Poesie der Präzision, die Calvino an der Wissenschaftsprosa Galileis bewundert, entspricht seiner eigenen Poetik der “Cosmocomics”, an denen er zu jener Zeit schreibt. Sehr klar erkennt er im Wettlauf zum Mond der beiden Weltmächte “Etappen um die Vorherrschaft auf der Erde”. Auch kann er Anna Maria Ortese nicht zustimmen, die sich beim “Blick auf den Sternenhimmel über die Hässlichkeit der Welt hinwegtrösten will. Was ihn als Schriftsteller “interessiert, ist all das, was echte Aneignung des Raums und der Himmelskörper ist, das heißt Erkenntnis: Ausgang aus unserer beschränkten und gewiss irreführenden Vorstellungswelt, Definition einer Beziehung zwischen uns und dem außermenschlichen Universum. (...) Dieses Etwas, das der Mensch erwirbt” (durch die Forschungsreisen im All), “betrifft nicht nur die spezialisierten Kenntnisse der Wissenschaftler, sondern auch die Stellung, die diese Dinge in der Bilderwelt und der Sprache aller einnehmen: Und hier betreten wir Gebiete, die die Literatur erkundet und bestellt”.

    Rimbauds Losung: “Es gilt absolut modern zu sein”, ist auch Italo Calvinos literarische Intention; und was das Verhältnis von Literatur und Politik betrifft, so sieht er literarisch eine Antinomie, die Jean-Luc Godard einmal in seinem Verhältnis zu dem “Politfilmer” Costa-Gavras auf den Gegensatz gebracht hat: “politische Filme” machen oder Filme politisch machen, d.h. die Kunst zur Magd der Politik verkümmern lassen oder die Politik in der ästhetischen Arbeit zu reflektieren.
    So schreibt er der elf Jahre älteren Elsa Morante, als sie 1974 ihren großen Roman “La Storia” veröffentlichte, voller Bewunderung über ihre Kunst des Romans, in dem er eine enzyklopädische Summe der italienischen Nachkriegsliteratur erblickt. Aber als “jemand, der seinerzeit an dieser Literatur beteiligt war, ihr Versiegen und ihre Krise miterlebt hat und jetzt angesichts dieses Buches spürt, wie sich die Krise, seine Krise erneut vor ihm auftut”, fragt er dann aber auch: “Inwiefern ist das ein Buch von heute und nicht von damals?”

    Es ist für Calvino eine rhetorische Frage; denn je weiter er seine vorsichtige Kritik treibt, desto klarer wird, dass für ihn “La Storia” ästhetisch, politisch und geistig sich unauflöslich an eine einmalige Epoche & Situation rückbindet - die der Resistenza -, “als der Schriftsteller mitten im Leben des Volkes stand, (...) weil er da nicht als Schriftsteller war, sondern als ein Mensch unter vielen” und er “ohne dass diese Beziehung etwas Unnatürliches gehabt hätte” (was sie aber heute hat!), sein “Mitleiden mit den individuellen und kollektiven Schicksalen (...) gefühlsbetonten Ausdruck geben konnte”.

    Für eine Literatur des spielerischen Experiments

    Literaturhistorisch hat Calvino recht, wenn er im retrospektiven Charakter von Elsa Morantes Historischen Roman “La Storia” den künstlich aufrecht erhaltenen Gefühls-Mythos der Epikerin erkennt, die ihre Gegenwart negiert. Wie viel näher ist ihm der gleich ihm radikale voltairianische Aufklärer Leonardo Sciascia, dem er brieflich zu “Tote Richter reden nicht” gesteht: “Das pessimistische und illusionslose Pamphlet gegen alles und jeden ist mir wie aus der Seele gesprochen, so etwas würde ich auch gerne machen, aber bisher habe ich noch nicht den richtigen Ton gefunden”.

    Er wird ihn aber nie finden, weil dem spielerischen Konstrukteur & Forschungsreisende in der “Bibliothek von Babel” (Borges), der von einer Literatur als “Dialog der Stimmen” und der kennerischen “Beziehung zwischen einem geschriebenen Text und einem Leser” träumt, der bis zum Zynismus reichende Schwarze Humor und der rückhaltlos-schneidende Pessimismus des Sizilianers fehlt.


    Calvino kam in seinen “Pariser Jahren” sowohl mit dem Strukturalismus Roland Barthes und dessen Negation des Autors in Berührung, wie auch mit Raymond Queneaus “Werkstatt für potentielle Literatur” (Oulipo). Fern von Italien, wo er sich nur sommers aufhielt, blieb von seinem Naturell her, trotz aller Depressionen und fortschreitenden Entfremdungen von seinen einstigen politischen Utopien, Freunden und Zeitgenossen, ein menschenfreundlicher Melancholiker. Mit seinem umfangreichsten Roman “Wenn ein Reisender in einer Winternacht” (1979) und den Erzählungen “Herr Palomar” (1983) gelangen ihm aber große Publikumserfolge - ohne dass er von dem Weg seiner literarischen Entwicklung abgewichen oder ästhetische Kompromisse eingegangen wäre.

    Leider geht aus den uns auf Deutsch vorliegenden Briefen nicht hervor, was er von Umberto Eco und dessen Welterfolg als “synthetischer” Romancier mit “Der Name der Rose” (1980) gehalten hat und ob er etwa in dessen erzählerischer Verfahrensweise die Fortsetzung seiner eigenen literarischen Entwicklung mit Alexandre-Dumasschen Spannungs-Mitteln erblickt hätte. Zumindest seine kurz vor seinem Tod 1985 fertiggestellten, aber nicht mehr gehaltenen Harvard-Vorlesungen, die postum unter dem Titel “Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend” (dt.1991) erschienen, zielen auf eine eher graziöse, transparente & schlanke Literatur, die kaum mit Umberto Ecos voluminösen Schwergewichten kompatibel sein dürfte.

    Wolfram Schütte


    Italo Calvino: Ich bedauere, dass wir uns nicht kennen.
    Briefe 1941-1985.
    Ausgewählt und kommentiert von Franziska Meier.
    Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner.
    Carl Hanser Verlag, München 2007.
    416 Seiten, 25.90 ¤


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