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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 06:03

     

    Thomas Brussig: Schiedsrichter Fertig

    07.01.2008

    Zwischen Lächerlichkeit und Tragik

    Ein Fußballbuch als echte Literatur! Ja, das gibt es offenbar („Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ von Peter Handke zählt da ja nicht so recht...) und es handelt von einem äußerst verzweifelten Schiedsrichter.

     

    Gut, Schiedsrichter rangieren auf der öffentlichen Beliebtheitsskala zwar irgendwo zwischen Stalin und Fußpilz, aber der Autor, der sich diese Figur, die Uwe Fertig heißt, erdacht hat, ist einfach ein Garant für Erfolg: Thomas Brussig.

    Brussigs neustes Buch Schiedsrichter Fertig ist – so verrät es der Untertitel – eine Litanei. Die Litanei ist eigentlich eine Art gemeinsames Gebet: Es gibt da einen Vorbeter und dann die Gemeinde, die mit einem gleichbleibenden Ruf antwortet. Man kennen das eventuell von den sonntäglichen Fürbitten, bei denen der Pfarrer den Zustand der Welt anprangert und die Gemeinde antwortet: „Herr, erbarme dich!“ In unserem speziellen „Schiedrichter Fertig“- Fall stellt diese Gemeinde das Fußballpublikum. Und wie sich deren gleichbleibender Ruf gegenüber dem Zeremonienmeister in Schwarz anhört, kann sich wohl jeder denken. Höflichere Formen lauten so: Hängt es auf, das schwarze Schwein, es soll nie-hie mehr glücklich sein! und anderes mehr...

    Der Name unseres Schiedsrichters, Uwe Fertig, bedarf wohl kaum einer Erklärung, er ist selbstredend. Und nach 92 Seiten Schimpftirade hat dieser Uwe dann auch wirklich fertig und man fühlt sich als Leser beinahe wie er, nämlich: Flasche leer. Denn in der Tat es ist ein Marathon der Bösartigkeit, den dieser Mann da hinter sich bringt, und das, obwohl er es mit Mitte dreißig schon zum FIFA-Schiedsrichter gebracht hat! Das klingt zwar gut, im „richtigen“ Leben aber arbeitet er für eine Versicherungsgesellschaft. Und für die muss er nun vor Gericht gerade den Chirurgen vertreten, unter dessen Händen seine Frau Judith starb. Und so beginnt er auf dem Weg zum Gerichtssaal nun über Gott und die Welt zu wettern, lamentiert über regelunkundige Tribünenbesucher und geistesarme TV-Reporter, wettert gegen modische Unwörter, die Kommerzialisierung des Fußballs, belgische Abseitsfallen und sogar über die von Umweltschützern so heiß geliebten Windräder.

    Ein Abgott namens Frigewski

    Aus diesem rabiaten Schiedsrichter-Monolog tauchen dann aber stückweise auch immer Erinnerungen einer ostdeutschen Biografie auf: da gibt es einen gescheiterten Fluchtversuch, ein Verrat an die Stasi und die traumatische Kindheit, in der er von einem Hausmeister, dem Herrn Frigewski, immer wieder gemaßregelt wurde. Und so erfahren wir: Wegen Frigewski wurde er eigentlich Schiedsrichter, denn auf dem Platz darf er es nun sein: die Ordnungsmacht, ein Diktator, Gott! Als machtvoller Schiedsrichter muss Uwe Fertig zwar stets unparteiisch sein, doch im wahren Leben wird er parteiisch und muss erleben, dass er nun völlig machtlos ist.

    Das Schöne bei Schiedsrichter Fertig: der Text oszilliert permanent zwischen Lächerlichkeit und Tragik. Und das Buch ist für seine 12 Euro 90 wirklich edel gemacht: bestes Papier, hervorragender Druck und ein angenehme Schrifttype in wunderbar luftigem Satzspiegel.
    „Das beste Fußballbuch des Jahres!“ posaunt die Welt am Sonntag sogar. Schön und gut, aber jetzt mal ehrlich, wie viele Fußballbücher gibt es denn so pro Jahr – zwei? Und eins davon ist auch noch das Begleitbuch zur gerade aktuellen Männer-, Frauen-, Europa oder Weltmeisterschaft. Aber egal, eine tiefe Erkenntnis aus Thomas Brussigs Litanei wollen wir hier aber noch zitieren:

    Mit einem Spiel hat Fußball nichts mehr zu tun. Das Fußballspiel ist systematisch vernichtet worden. Zuallererst und am gründlichsten von denen, die mit dem Fußball aufs engste verbunden sind. Was natürlich keinen intelligenten Menschen überrascht. Weil die sicherste Methode, eine Sache zugrunde zu richten, darin besteht, sich ihr enthusiastisch zu widmen. Immer sind es die sogenannten eifrigsten Verfechter, die sogenannten glühendsten Verehrer, die sogenannten engagiertesten Vertreter, die eine Sache in den Abgrund führen. Niemand anderes als die Kommunisten haben den Kommunismus in den Abgrund geführt.

    Christoph Pollmann


    Thomas Brussig: Schiedsrichter Fertig. Eine Litanei. Residenzverlag 2007. 92 Seiten. 12,90 Euro.

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