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Arno Geiger: Anna nicht vergessen

22.10.2007


Schief ins Leben gestellt

Arno Geiger schildert in seinem soeben erschienenen Erzählungsband eine Vielzahl von möglichen Unglücksfällen, leuchtet sie einfühlend, melancholisch, zuweilen auch unerwartet heiter und gewitzt bis in den hintersten Winkel aus.

 

Bücher, die sich großen Überraschungserfolgen anschließen, haben es gemeinhin schwer: zu hoch die Messlatte, zu angespannt die Erwartungshaltung. Als der Österreicher Arno Geiger 2005 für seine Familiensaga Es geht uns gut den zum ersten Mal verliehenen Deutschen Buchpreis einheimste, war er noch ein schüchterner, zurückhaltender, eher medienscheuer Autor, der zwar schon drei Romane publiziert hatte und beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb angetreten war, sein wirkliches Auskommen jedoch über 17 Jahre hinweg als Videotechniker der Bregenzer Festspiele fand. Dem unerwarteten literarischen Durchbruch musste er sich „im Schweinsgalopp“ anpassen, wie er in einem Interview der Wiener Zeitung verriet. Welch glücklicher Schachzug, Es geht uns gut keinen Roman in ähnlicher Manier folgen zu lassen, sondern einen Erzählungsband hinterher zu schicken, an dem Geiger übrigens schon seit zehn Jahren gearbeitet hat. Auch wenn die kleine Form in Deutschland weniger Beachtung findet als im angelsächsischen Raum, bergen Erzählungen in ihrer Unmittelbarkeit und Wendigkeit ungeahnte Chancen. Geiger hat sie nicht alle optimal genutzt, trotzdem den größtmöglichen Entfaltungsfreiraum geschaffen und sich spielerisch an experimentelle Ausprägungen herangewagt.

Klare formale Struktur

Die klare formale Struktur – drei Sektionen zu je vier Erzählungen – gaukelt eine inhaltliche Kongruenz vor, die erst auf den zweiten Blick verständlich wird, doch dann um so konsequenter. „Tage“ subsumiert überraschende Momentaufnahmen, die aus dem Gleichklang der Gewohnheiten und Abläufe heraustreten. „Jahre“ zielt auf das Vergangene ab, dessen Verlust nicht nur im Unterton mitschwingt. Und „Leben“ wagt sich nah heran an den Grenzbereich zum Tod. Die erzählerische Bandbreite der Texte variiert zwischen innerem Monolog, Gedächtnisprotokoll, Tonbandaufzeichnungen und klassischer Erzähltechnik. Geigers Protagonisten sind allesamt – um mit Ringelnatz zu sprechen – schief ins Leben gestellt, wenn nicht gar aus dem Leben gefallen. Es sind hoffnungslos Verirrte und Verwirrte, Verlorene und Verlassene, Verwitwete und Verwaiste. Sie befinden sich in Ausnahmesituationen oder gestalten ihr gewöhnliches Alltagsleben wie eine große Katastrophe. „Ich fühle mich, als würde ich jeden Moment einen Herzinfarkt bekommen“, klagt der Ich-Erzähler in „Es rührt sich nichts“, als der Telefonkontakt zu der von ihm angehimmelten und mit Kommunikationsversuchen geradezu terrorisierten Frau auf zwei Mal pro Tag zusammenschrumpft. „Meine richtige Mutter wird mich bestimmt bald abholen“, insistiert die kleine Tochter in „Anna nicht vergessen“, als sich ihre Mutter Ella wieder einmal zu abwesend und abweisend zeigt. Oft wollen die Personen einer Story partout nicht zusammenpassen, so wie ein Puzzlespiel, das mit falschen Teilen aufgemischt wurde.

Wenn der Vorarlberger Arno Geiger ins österreichische Sprachkolorit verfällt (und der Lektor dies gewähren lässt), kann das zu Verwirrung beim deutschen Publikum führen. Dass ein „Kasten“ ein Schrank ist und mit „verräumen“ eher aufräumen gemeint ist, lässt sich vielleicht noch aus dem Kontext ableiten. Wenn in einer Erzählung über das Attentat auf den Wiener Stadtrat Nittel jedoch ein Schwedenbombenfabrikant auftaucht, dürfte das bei manchem Leser mehr Erstaunen auslösen als nötig. Handelt es sich hierbei doch lediglich um einen Hersteller von Süßigkeiten, die in Deutschland Schokoküsse genannt werden. Naja, es wird sich schon ausgehen, würde Arno Geiger sicherlich denken.

Ingeborg Jaiser


Arno Geiger: Anna nicht vergessen. Hanser 2007. 249 Seiten. 19,90 Euro.

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