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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. Juli 2017 | 14:46

     

    Woody Allen: Pure Anarchie

    08.10.2007


    Ofenfrische Brötchen

    Die neuen Stories von Woody Allen gewähren pures Lesevergnügen, bei dem die Unterscheidung von hoher Literatur und Unterhaltung gegenstandslos wird.

     

    Woody Allen hat sich im europäischen Bewusstsein als Filmregisseur und –darsteller etabliert. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn er hat sich, trotz gelegentlicher Versuche, Ingmar Bergman nachzueifern und als tiefsinniger Metaphysiker akzeptiert zu werden, als Genie der Filmkomödie – man kann sogar sagen: innerhalb seiner Generation ohne Konkurrenz – unauslöschlich in die Filmgeschichte eingeschrieben. Woody Allen hat mehrfach bedauert, dass seine Filme in den USA nicht adäquat gewürdigt würden, dass er sich eigentlich in Europa besser verstanden fühlt. Das mag verwundern, da sein Humor zu weiten Teilen in der jüdischen Tradition wurzelt und eigentlich den großstädtisch-jüdischen Resonanzraum benötigt, der in New York durchaus, in Deutschland und weiten Teilen Europas aber aus den hinreichend bekannten Gründen nicht mehr existiert.

    Diesem „europäischen“ Woody Allen des Films aber ging ein anderer Woody Allen voraus, der sich auf einem nun tatsächlich sehr amerikanischen Gebiet profiliert hat: dem Gebiet der Standup Comedy, für die es bezeichnenderweise kein deutsches Wort gibt, obwohl sie längst kopiert wurde und bis zu einem gewissen Grad das traditionelle deutsche Kabarett abgelöst hat. Woody Allens Monologe, in denen nie genau unterscheidbar war, ob er eine Rolle verkörpert oder von sich selbst erzählt, waren blitzgescheit, vollgepackt mit glänzenden Pointen, die doch bedenkenswerte Einsichten in die menschliche Psyche und die Gesellschaft enthielten. Seine wiederkehrenden Themen waren die Psychoanalyse bzw. deren US-amerikanische Vulgarisierung, die jüdische Subkultur und das Geschwätz des (pseudo)intellektuellen Milieus. Einige Sätze aus Woody Allens Bühnenprogrammen sind in das Repertoire der klassischen Aphorismen eingegangen.

    Die Kunst des Formulierens, die deutlicher zum Vorschein kommt, wo sich die Sprache nicht, wie im Film, auf das Bild verlassen kann, schlägt sich auch in den Stories nieder, von denen Woody Allen nach längerer Pause einige wenige in einem Bändchen zusammengefasst hat. Sie stehen den eigenen Filmen und den Bühnenauftritten oder, wenn man im Genre verharren will, den Stories des Großmeisters Art Buchwald um nichts nach. Sie gewähren pures Lesevergnügen, bei dem die Unterscheidung von hoher Literatur und Unterhaltung gegenstandslos wird.

    Um das geschätzte Publikum auf den Geschmack zu bringen – hier ein paar von den Einfällen, die man halt haben muss, wenn man komisch sein will: dass man Posteingänge in alphabetischer Reihenfolge dem Aktenvernichter zuführt; dass man Maßanzüge herstellt, die nach ofenfrischen Brötchen riechen; dass man im Internet die Telefonnummer eines Unbekannten neben Aufnahmen von dessen Darmspiegelung auffinden kann; dass Freud als Musicalheld einen stotternden Gustav Mahler behandelt. Das letzte Beispiel illustriert im Übrigen Woody Allens häufige Anspielungen auf europäische Geschichte und Literatur, bis hin zu russischen Romanen.

    Woody Allens Stories enthalten Wirklichkeitspartikel aus unserer Gegenwart, aber sie sind auf sehr vermittelte Weise kulturkritisch. Dafür spielen sie mit absurden Vorstellungen und nähern sich damit der fantastischen Literatur. Es ist die humoristische Überzeichnung, die es selbst den Verächtern der Zivilisationskritik gestattet, in Woody Allens Geschichten Spitzen gegen gesellschaftiche Missstände zu goutieren, die sie in anderem Zusammenhang als miesepetrig und altbacken denunzieren. Ein wenig erinnern Allens Stories auch an die Kurzgeschichten des Polen Sławomir Mrożek. Das Absurde kann unheimlich, weil nicht kontrollierbar wirken, aber eben auch komisch.

    Die häufigen Dialoge bezeugen Woody Allens Begabung, Menschen und ihre Redeweise zu karikieren, manchmal eigentlich nur zu imitieren, lassen aber auch an seine Filme denken, in denen Dialoge naturgemäß eine wichtigere Rolle spielen als in Erzählungen. Auch seine gesprochenen Monologe unterhielten ja nicht allein durch Pointen, sondern auch durch ihren Redegestus und den Entwurf einer Figur mittels ihrer sprachlichen Ticks.

    Mehr als die Hälfte der Stories ist zuerst im New Yorker erschienen. Einen New Yorker haben wir nicht, bei uns gibt es die Titanic. Sie verhält sich zum New Yorker wie Robert Gernhardt zu Woody Allen. Vielleicht hilft dieser Hinweis, die Maßstäbe zurechtzurücken.

    Thomas Rothschild


    Woody Allen: Pure Anarchie. Stories. Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch. Kein & Aber 2007. Gebunden. 191 Seiten. 16,90 Euro.

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