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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 18:26

     

    Kolja Mensing: Minibar

    08.07.2007


    Kleines Buch ganz groß


    Kolja Mensing hat in seinem Prosadebüt einen kleinen Erzählband vorgelegt, der in seiner lakonischen Erzählweise und in seiner strengen Komposition auf wunderbare Weise das Lebensgefühl einer ganzen Generation ausdrückt.

     

    Jeder Hotelgast kennt ihn: den obligatorischen Minikühlschrank mit den kleinen Getränkeflaschen, auch Minibar genannt. Inmitten der Fremdheit des Hotelzimmers steht sie da und will dem Gast durch die Befriedigung ganz basaler Bedürfnisse ein wenig Behaglichkeit und Vertrautheit vermitteln. Wenigstens auf sie scheint Verlass zu sein, stets gut gefüllt und noch da, wenn man sie braucht. In den trüben Zeiten nie da gewesenen Konkurrenzdrucks, notgedrungener Flexibilität und Mobilität und dem ewigen Damoklesschwert Hartz IV und Arbeitslosigkeit erscheint das schon eine ganze Menge.

    Knapp skizzierte Großstadtcharaktere

    Doch geht es dem Berliner Kulturjournalisten, Kritiker und Filmemacher Kolja Mensing vornehmlich nicht um Gesellschaftskritik. Ihn interessieren vermeintlich beiläufige Begebenheiten, die er mit einem kühlen, wie er selber sagen würde „realistischen Blick“ erzählt. „Ich glaube, die Welt funktioniert so“, sagt er selbst dazu. In seinen kurzen Erzählungen, die nie länger als vier Seiten sind und schlaglichtartig daherkommen, heißen seine Figuren „er“ oder „sie“ oder „M.“ oder „K“. Es sind knapp skizzierte Großstadtcharaktere, so flach wie möglich angelegt, die dennoch oder gerade deswegen den Leser sehr berühren können. Unvermittelt erleben sie Bedrückendes bis Neutrales, Schreckliches bis Alltägliches, und sogar ein wenig Glück ist hier und da vorgesehen, auch wenn es sich nur in Gestalt einer Minibar zeigt.

    Lakonische Erzählweise


    Allen kurzen Erzählungen gemein, es sind immerhin dreißig an der Zahl, ist die unglaubliche Lakonie der Erzählweise, die jede Dramatik im Keim erstickt. Schicksalhafte, ungeheurliche, aber auch mehr oder minder normale Begebenheiten erscheinen stets banal. Die titelgebende Erzählung zum Beispiel handelt von einem Geschäftsmann, der von seiner letzten Geschäftsreise erzählt. Wie er eine junge Frau kennen lernt, es aber verpasst, ihr näher zu kommen. Anschließend macht er Bekanntschaft mit zwei Frauen, die ihn in eine triste Hochhaussiedlung am Stadtrand lotsen, nur um ihn dort allein stehen zu lassen. Es sind oft die traurigen und melancholischen Geschichten, die dadurch besonders wirkungsvoll sind, weil sie in dem stets nüchternen Erzählton transportiert werden.

    Kunst des Verschweigens


    Und es sind die einfachen Titel der Geschichten, wie „Krieg“, „Ice“ oder „Rasiert“, die vorwegnehmen, was einen erwartet oder besser nicht erwartet. Denn Kolja Mensings Kunst des Erzählens besteht eigentlich im Weglassen und in der Einsilbigkeit. In der Erzählung „Geheimnis“ etwa möchte man gern wissen, was ein gemeinsamer Freund der Freundin so Geheimnisvolles erzählt hat, während der Ich-Erzähler an der Tankstelle für Biernachschub sorgte. Leider wird der Leser aber rechtzeitig ins Off geschickt und mit seiner Neugier allein gelassen. Wie es weiter geht, oder warum jemand dies oder das getan hat, wird oft mehr verschwiegen als verraten. Das wird jedoch so geschickt gemacht, dass man es dem Autor gar nicht übel nehmen kann. Stattdessen erinnert diese Machart der Texte an Peter Stamm, der die Verknappung erzählerischer Mittel und die Betonung auf das Ungesagte seit Jahren zum Programm seiner Erzählkunst macht.

    Erlebnismangel in der Erlebnisgesellschaft


    Und was sind das nun für Großstadtcharaktere, die Kolja Mensing hier so knapp, aber treffend skizziert? Es sind Menschen, die heute zwischen dreißig und vierzig sind, nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt sind, die noch nicht viel erlebt haben und die fühlen, dass sie immer noch am Anfang stehen, obgleich die erste Hälfte ihres Lebens schon vorbei ist. Da mag man sich die Augen reiben. Wie, wird man fragen, ein Mangel an Erlebnissen ausgerechnet in einer Erlebnisgesellschaft, in der sich alles darum dreht, dem Konsumenten Erlebnisse zu ermöglichen, ausgerechnet diese wichtige Zielgruppe leidet unter einem Erlebnismangel? Es scheint paradox zu sein, aber nichts spricht mehr aus dem Herzen gerade dieser Generation: Dort wo Erlebnisse ständig neu erfunden werden müssen, gerade dort scheint der Mensch tendenziell zu fühlen, nichts oder zu wenig erlebt zu haben. Diesem Lebensgefühl hat Kolja Mensing in seinem kleinen Buch einen ganz großartigen Ausdruck gegeben.

    Frank Kaufmann



    Kolja Mensing: Minibar. Kurze Erzählungen. Verbrecher Verlag 2007. 127 Seiten.
    13,00 Euro.

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