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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 07:07

     

    Myriam Keil: Angst vor Äpfeln

    02.07.2007


    Fruchtige Phobie

    Kurzweilig wird der Leser von einer Geschichte zur nächsten getragen, schnell hat man sich an die ruhige, unaufgeregte Sprache gewöhnt, an den poetischen, ja lyrischen Ton, der sich für diese intensiven, bisweilen melancholischen Texte als der richtige erweist.

     

    Wer sich über Wikipedia eine Liste der wissenschaftlich erfassten und anerkannten Phobien anzeigen lässt, erhält abenteuerlich anmutende Einblicke in das Seelenleben der Menschheit. Angst vor Kriegen, Krankheiten, Armut und Einsamkeit, alles nachvollziehbar und begründet. Die Angst vor Fischen (Ichthyophobie) – teilweise begründet, betrifft mich aber nicht wirklich, da ich kein Freund des öffentlichen Bades in Seen oder Flüssen bin. Die Angst vorm Erröten in Gegenwart anderer (Erythrophobie) – wobei ich das bei Frauen ähnlich wie Sommersprossen ausgesprochen niedlich finde. Die Angst vor Äpfeln – ... Angst vor Äpfeln? Ich bin kein großer Obst- und Gemüseesser, aber Angst? Das scheint mir ein wenig übertrieben! Genau so aber hat die 1978 geborene Wahlhamburgerin Myriam Keil, die neben Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien bereits auf mehrere literarische Auszeichnungen zurückblicken kann (u. a. Literaturpreis Prenzlauer Berg, Hamburger Förderpreis für Literatur 2006), ihren in der Edition Thaleia erschienenen Bucherstling genannt: Angst vor Äpfeln.

    Kurzprosa, 23 kurze Geschichten, die (bis auf zwei Ausnahmen) in der ersten Person erzählt werden, was zeitweise zu der Annahme verleitet, man befände sich in einem Tagebuch, blättere in sehr intimen, zumindest sehr persönlichen Seiten. Schon die erste Geschichte, „Die Lossagung“, bestätigt den Klappentext, der das Buch als ein (in der Musik würde man) Konzeptalbum (sagen) zum Thema „Flucht“ avisiert. Ein gerade erst volljährig gewordenes Mädchen auf der Flucht vor der elterlichen Fürsorge. Seit Wochen auf ständiger Trebe, nirgends länger als drei Tage, präziser: 72 Stunden, dann weiter, immer weiter. Schlussendlich aber sorgt die Ziel- und Sinnlosigkeit dieser Bewegung durch Raum und Zeit für ebensolchen Verdruss wie familiäre Routine, so dass auch die Flucht vor der Flucht unumgänglich wird und der noch jungen Protagonistin neben Entschlusskraft auch eine große Portion Selbstreflexion abverlangt.

    Die Titelgeschichte behandelt die Diskrepanz zwischen Ursache und Wirkung, lotet eine Beziehung auf Individualität aus. Ausgehend vom Freund, der allmorgendlich in (subjektiv betrachtet) unerträglich saure Äpfel beißt, übergibt sich die weibliche Erzählerin umfangreichen Selbstversuchen, die ihr helfen sollen, die Abscheu einzugrenzen, zu umzingeln, zu benennen. Letztendlich scheint es nicht der Apfel zu sein, der ihr Unbehagen bereitet.

    Intensive, lyrische Texte

    Die wohl eindrucksvollste Geschichte des Bandes („Rückkehr“) handelt von einer Frau, die ihre Eltern vor Jahren verlassen und seitdem nicht wieder aufgesucht hat. Nun, da der Vater gestorben ist, kehrt sie ins elterliche Haus zurück, was sich aufgrund der sexuellen Übergriffe des Vaters auf seine damals noch minderjährige Tochter als schwerer Weg offenbart: „Wir schwiegen. Mutters Lippen zitterten an den Sekunden entlang, ihre Hände hielten sich aneinander fest, fanden keinen Halt, ließen los, gaben auf. Ihr muss klar gewesen sein, wieso ich sie nach all den Jahren zum ersten Mal aufsuchte.“ Die Hoffnung auf Klärung schwebt in der Luft, die Vergangenheit abschließen zu können, aber: „Dieser Ort ist meine Vergangenheit ebenso wie meine Gegenwart und Zukunft. Manchmal genügt es nicht, einfach nur zu gehen. Manchmal ist man nicht wirklich fort.“
    Kurzweilig wird der Leser von einer Geschichte zur nächsten getragen, so dass es fast schade ist, das Buch ausgelesen zu haben: gerade hat man sich an die ruhige, unaufgeregte Sprache gewöhnt, an den poetischen, ja lyrischen Ton, der sich für diese intensiven, bisweilen melancholischen Texte als der richtige erweist. In diesem Zusammenhang freue ich mich bereits jetzt auf den ersten Gedichtband von Myriam Keil, dessen Erscheinen im fza-Verlag Wien für diesen Herbst angekündigt ist.

    Unabhängig von der Angst vor Äpfeln möchte ich meiner Lieblingsphobie das letzte Wort überlassen, der „Angst vor langen Wörtern“: Hippopotomonstrosesquippedaliophobie.

    stefan heuer.


    Myriam Keil: Angst vor Äpfeln. Kurzprosa. Edition Thaleia 2007. 109 Seiten. 12,00 Euro. ISBN 978-3-924944-85-8.

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