TITEL kulturmagazin
Samstag, 25. März 2017 | 08:53

 

Max Goldt: QQ

15.04.2007

Es ist fast alles Goldt, was glänzt

Es scheint im Moment keine schwierigere Aufgabe zu geben, als ein deutsches Qualitätsfeuilleton zu finden, das den Humoristen Max Goldt nicht liebt. Für kritische Zeitgenossen stellt sich also die Frage, ob der Goldt nun wirklich so gut ist, wie alle tun, oder eben nicht. Die kleinlaute Antwort: Goldts neues Büchlein mit Satiren ist in der Tat ziemlich gut.

 

Ich gestehe es freimütig: Auch Rezensenten haben Vorurteile. Diese können durch verschiedenste äußere Anlässe noch einmal verstärkt werden. Mein Vorurteil lautet, so gut, wie alle tun, kann doch der Goldt gar nicht sein. Der diese Reaktion verstärkende Katalysator ist Daniel Kehlmann. Der geneigte Rezensent schätzt den Autor Daniel Kehlmann sehr. Den Typus des neuen bürgerlichen Intellektuellen, der scheinbar zu allem – ja, wirklich zu allem – etwas zu sagen hat, den Kehlmann seit seinem Welterfolg Die Vermessung der Welt geradezu bereitwillig verkörpert, kann er hingegen nicht leiden. Nun trifft es sich aber leider so, dass Kehlmann natürlich auch zu Max Goldts Glossen etwas zu sagen hat und der Rowohlt-Berlin Verlag dies auch gleich noch so toll findet, dass er den Buchumschlag der neuen Goldtschen Miniaturensammlung QQ damit bedruckt. Ich zitiere: „Daß Max Goldts Werk sehr komisch ist, weiß ja nun jeder gute Mensch zwischen Passau und Flensburg. Daß es aber, liest man genau, zum am feinsten Gearbeiteten gehört, was unsere Literatur zu bieten hat, daß es wahre Wunder an Eleganz und Poesie enthält (...), entgeht noch immer vielen, die nur aufs Lachen und auf Pointen aus sind. Max Goldt gehört gelesen, gerühmt und ausgezeichnet.“ Halten sie mich für paranoid, liebe Leser, aber ein Buch, das von derartigen Lobeshymnen umhüllt wird, macht sich für mich verdächtig.

Nein zum Masermontag!

Nun ist es schade, dass QQ – dies bedeutet ausgeschrieben „quiet quality“, was Goldt mit „stille Güte“ übersetzt – einen eher schwachen Start erwischt. Der erste Text der Sammlung, „Über Fernsehmusik“, erinnert in seiner Überspanntheit und bemühten Witzigkeit fatal an mittelmäßige Streiflichter der Süddeutschen Zeitung. Schade ist dies vor allem deswegen, weil keine der folgenden Glossen/Satiren/etc. dieses Niveau noch einmal unterschreitet. Spätestens das wunderbare „Nein zum Masermontag“ macht deutlich, dass es einem guten Autor – denn das ist Max Goldt zweifellos – auch spielend gelingt, die Vorurteile ignoranter Rezensenten abzubauen. Goldt empfiehlt zuerst die Einführung des Maserfests als Ausgleichsfest für die fest- und damit auch freudlose Zeitspanne vom Frühsommer bis zum Herbst, um dann zur Beschreibung des Otto-Normal-Ablaufs der möglichen Festetage überzugehen (das übliche in stumpfen Fernsehnachmittagen endende Festprogramm), was angesichts dieser gruseligen Aussichten folgerichtig zur Empfehlung der Nichteinführung der zusätzlichen Feiertage führt.

In diesem und ähnlichen Texten zeigt Goldt seine große Meisterschaft: Scheinbar assoziativ hetzt er von feinen Alltagsbeobachtungen zu scheinbar Abseitigem und wieder zurück. Seine Sprache zeigt sich dabei hoch literarisiert, hypotaktisch ausufernd, dabei nie stumpf, nur sehr selten nach schnellen Pointen heischend. Max Goldt ist ein feiner Stilist, der über ein gewaltiges Sprachgefühl verfügt und im Vorbeigehen als stiller Beobachter – durchaus kulturkritisch – mit mildem Spott die Abgründe unserer Gesellschaft aufdeckt. Überraschenderweise schlummert aber auch hinter der Maske des humoristischen Ästheten ein wacher Moralist: „So gilt es an dieser Stelle zu vermelden, daß die Welt endlich einen Begriff für die so ungern so genannten »neuen« Unterschichten gefunden hat, einen Begriff, der sich sachlich, wissenschaftlich und taktvoll zugleich aufführt (...): das Prekariat. Praktisch ist wohl auch, daß diejenigen, um die es geht, die vermeintlich Chancenlosen, eigentlich eher Lethargischen und Resignierten, (...) gar nicht merken werden, wenn von ihnen die Rede ist, denn ihr Interesse an neuen soziologischen Fachtermini ist traditionell gering.“

Also gehört er doch „gelesen, gerühmt und ausgezeichnet“

Die Mehrheit der in QQ versammelten Glossen ist brillant. Da es sich jedoch um monatlich in der Titanic veröffentlichte Satiren, also im eigentlichen Sinne um Gebrauchstexte handelt, haben sich auch einige schwächere Passagen eingeschlichen. Goldts bissige Sprachkritik anhand eines Satzes aus einer „Theaterrezension einer Qualitätszeitung“ beispielsweise ist gut gemacht, aber in dieser Form dann doch ein etwas zu alter Hut.

Alles in allem hält Goldt dem hohen Erwartungsdruck spielend und (sprach-)spielerisch stand und erweist sich als würdig, nach dem traurigen Tod von Robert Gernhardt als Deutschlands erster Humorist – sehr richtig, Herr Kehlmann – „gelesen, gerühmt und ausgezeichnet“ zu werden. Auch wenn man sich natürlich für seine nächste Veröffentlichung konstante Bestform wünschen würde.

Sebastian Karnatz


Max Goldt: QQ. Rowohlt-Berlin Verlag 2007. 155 Seiten. 17,90 Euro.

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter