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Walter Benjamins Archive. Bilder, Texte und Zeichen

15.02.2007

"Alle gute Mögliche kommt von oben"

In die Existenz der Archive des Schriftstellers und Philosophen Walter Benjamin einzutauchen heißt, den Boden der realen Gegenwart unter den Füßen für längere Zeit aufzugeben. Weit vorausschauend archivierte Benjamin sein Werk, ja, sein gesamtes Denken in publizistischer und privater Beziehung.

 

War schon die Veröffentlichung von Walter Benjamins "Adressbuch des Exils 1933-1940" eine publizistische und drucktechnische Meisterleistung (siehe "W. Benjamin: "... wie überall hin die Leute verstreut sind ..." in Titel), so geht der Blick des Lesers in den Archiven aus Bildern, Texten und Zeichen noch tiefer. Als Herausgeber betätigt sich das Walter Benjamin Archive, eine Einrichtung der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur in der Akademie der Künste, Berlin.

Erdut Wizisla beginnt ihr Vorwort mit einem fast hörbaren Bedauern: "Sein letztes Archiv bleibt ein Geheimnis: Die Aktentasche, die Walter Benjamin im September 1940 über die Pyrenäen trug, ist verschollen. Lediglich ein Dokument, das in ihr transportiert wurde, hat sich erhalten-". Fast alles andere aber, was Benjamin als eigener Hüter des Niedergeschriebenen sorgsam archivierte, ist der Nachwelt zugänglich. Insgesamt dreizehn Archive, die hauptsächlich aus Bildern, Texten und Zeichen bestehen, versammelt die Publikation des Suhrkamp Verlages.

Das Kapitel "Baum der Sorgfalt" – wie die anderen zwölf Zwischentitel auch ein Benjamin-Zitat – beschäftigt sich mit der Wirkung des Philosophen als sein eigener Archivar. Fast pedantisch und mit dem Ziel der Vollständigkeit erfasste Benjamin in Registern, Karteien und Verzeichnissen nach eigener Systematik Briefe und Manuskripte. Seine Zettelwirtschaft erinnert an Arno Schmidts "Zettels Traum" und an Jean Paul mit dessen Zettelkästen zu "Quintus Fixlein". Eine Kostprobe: " XIV Weißer Karton: Briefe Verstorbener außer Fritz Heinle und Rika Seligson".

Einen Großteil des Buches besetzt das fünfte Kapitel: "Opinions et pensées – Wörter und Redensarten des Sohnes". Über viele Jahre verfolgte der Vater das Spielen und Sprechen seines Sohnes Stefan, der von 1918 bis 1972 lebte. Bis zum März 1932 trug Benjamin in einem Heft erste Sprachversuche und spätere Äußerungen des Sohnes ein: "Worte seit dem Dezember 1921 – Unibilothek – hyptonisieren – grattafafieren (photographieren)". So entstand nicht nur eine Topologie der Schriftsprache eines Kleinkindes, sondern auch ein Nachschlagewerk kindlicher Entwicklungsgeschichte. "Alle gute Mögliche kommt von oben" notierte Benjamin als Ausspruch seines Sohnes. Sehr viel Gutes kommt aus Benjamins Archiven, darf man da ohne weiteres anfügen.

Reisebilder in Gestalt von Ansichtskarten, die Sammlung russischer Spielsachen sowie ein Kapitel mit Rätseln, Denkaufgaben und Sprachspielen, "Knackmandeln" genannt, verführen zum Stöbern und Schmökern. Fündig wird man auf nahezu jeder Seite, und man möchte gleich damit beginnen, selbst als Archivar des eigenen Lebens aktiv zu werden. Sorgfältig editiert, steht der klaren Struktur des Druckbildes Benjamins schwer entzifferbare Handschrift gegenüber – was eindeutig den Spaßfaktor am Entziffern und Dearchivieren erhöht.

Klaus Hübner


Rätsel: "Mit P ein Tier, mit R eine Menge". [1]

Walter Benjamins Archive. Bilder, Texte und Zeichen. Mit zahlreichen Abbildungen. Hg. Walter Benjamin Archiv. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main. 2006. 244 Seiten. ISBN 3-518-41835-1. 24,80 Euro


[1]Pudel, Rudel

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