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Wolfgang Jeschke: Der Zeiter

14.01.2007


Verspielte Zukunft

Wolfgang Jeschkes Erzählungen haben unendlich viel Herz und Verstand, mehr als alle blechernen Star-Wars-Epen dieses Universums zusammen.

 

Wolfgang Jeschke gehört zu den großen Herausgebern in der Bundesrepublik Deutschland. 1973 übernahm er die Verantwortung für die Science-Fiction-Reihen des Wilhelm-Heyne-Verlags und prägte sie drei Jahrzehnte lang. Mit seinem Namen verbindet man Autoren wie John Brunner, Thomas M. Disch oder Ursula K. Le Guin; Brunners umfangreiche Morgenwelt wäre vielleicht niemals vollständig ins Deutsche übersetzt worden. Die von Jeschke zusammengestellten Anthologien mit internationalen Autoren, insgesamt über einhundert, haben zudem außerhalb Deutschlands Beachtung gefunden. Selbst geschrieben hat Wolfgang Jeschke weniger, aber dafür zumeist recht eindrucksvoll, 2005 erschien Das Cusanus Spiel bei Droemer.
Mit Der Zeiter startet der Shayol Verlag eine in loser Folge erscheinende Ausgabe der „Gesammelten Werke“ von Wolfgang Jeschke. Der vorliegende Band enthält seine frühen Erzählungen, die in den Jahren 1955–1961 entstanden.

Humanistische Science Fiction

Bereits die frühen Jeschke-Erzählungen erzeugen Sympathie für eine Literaturrichtung, die sich vornehmlich existenzieller Fragen widmet oder widmen sollte. Hier finden sich anspruchsvolle Ideen, die das Potenzial der Science Fiction offenbaren, nämlich das Nachdenken über das Heute und über das Menschsein. Gewiss kommt auch der Zeitgeist der fünfziger Jahre zum Ausdruck, ebenso formuliert Jeschke seine Gedanken in den ersten Erzählungen nicht vollständig aus, und es finden sich manche Unstimmigkeiten im Aufbau. Sein Talent zum Erzählen ist aber zu erkennen und beim Lesen zu erleben.

Erzählungen von Vergangenheit und Zukunft

Verspielt geht es in „Der König und der Puppenmacher“ zu, mit einem Schachspiel aus Zeitreisen und Strategiezügen, die ein aufmerksames Lesen erfordern.
„Zwölf Minuten und einiges mehr“ konzentriert sich zwar mehr auf das Wort und steht für Jeschkes damalige Sprachverliebtheit. Dennoch zeigt der drei Jahrtausende dauernde Aufenthalt eines Zeitreisenden in der Vergangenheit im Gegensatz zu den zwölf Minuten An- und Abreise in der Sendestation die Vergänglichkeit des Seins. „Tore zur Nacht“ greift die Ängste vor einem Atomkrieg auf und das aus Sicht der Bürger, die sich nicht durch die eigenen Waffensysteme geschützt fühlen. Vielmehr entsteht das beklemmende Gefühl, ob nicht die eigenen Waffen die größere Bedrohung darstellen.

„Die Anderen“ ist mehr eine Horrorgeschichte und zehrt an den Nerven. Denn was wäre, wenn die Opfer radioaktiver Verstrahlung und anderer technischer Sünden begännen sich zu wehren?
Selbst wenn Jeschke einmal tief in die Science-Fiction-Kiste greift, wie in „Welt ohne Horizont“, denkt er doch lieber über die (Un-)Beherrschbarkeit der Technologien nach und über das fast zwangsläufige Scheitern des Menschen ohne Heimat, wenn nur die Extreme der Rationalität oder der Religion herrschen.

Jeschke meint zu Recht, dass die Science Fiction vor den Folgen heutigen Handelns warnen kann. Aber dass spekulative Literatur auch Alternativen aufzeigen kann und sollte, die heute dringender denn je gesucht sind, das sagt Jeschke leider nicht.
Letztlich zeigt sich, dass die oft gescholtene Science Fiction auch Leser erreichen kann, die sonst wenig mit diesem Genre zu tun haben. Wolfgang Jeschkes Erzählungen haben unendlich viel Herz und Verstand, mehr als alle blechernen Star-Wars-Epen dieses Universums zusammen.

Ulrich Blode


Wolfgang Jeschke: Der Zeiter – Erzählungen. Vorwort von Andreas Eschbach. Shayol Verlag 2006. Klappenbroschur. 250 Seiten. Euro 16,90.

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