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Montag, 27. März 2017 | 08:38

 

Philipp Tingler: Leute von Welt

02.01.2007


Lachen mit den oberen Zehntausend


Süffisant, mit bestechendem Witz macht sich Tingler über die Schweizer Schickeria lustig – und immer auch über die eigene Dekadenz.

 

Philipp Tingler ist Fotomodell, Journalist, Schriftsteller, Wirtschaftswissenschaftler – und Mitglied der gehobenen Gesellschaftsschicht Zürichs. Vor allem dieser Welt zwischen Tête-à-Tête und etepetete widmet sich der 30-Jährige seit seinem ersten Roman Hübsche Versuche. Mit bestechender Ironie nimmt er immer wieder die Gesellschaft zwischen Edelboutique und Dauerjetlag aufs Korn – und vor allem sich selbst.

Dieser Begabung gibt er sich auch in seinem neuen Essay- und Kolumnenband hin. In Leute von Welt geht er in zehn fein gegliederten Kapiteln der eigenen Dekadenz nach und schafft mit unterschiedlichsten Stilmitteln ein Bild von einer Schicht, die sich schlicht nicht mehr zwischen Glitzerdevotionalien und Penthousebademänteln entscheiden kann. Eine Anekdotensammlung, die nur jemand erzählen kann, der bis zur Halskette dazugehört. Es geht um Großbildfernseher, Nasenhaarschneider oder Bomberjacken, die wären wie ein Autounfall: „Es ist schwer, hinzugucken, aber weggucken kann man auch nicht.“ Tingler fragt sich, wie lange man bei ständigen Wehklagen mit Betroffenheit reagieren muss, oder ob das Plaudern über ein unbefriedigtes Sexualleben vor TV-Kameras wirklich karrierefördernd ist. Ja, das sind vermutlich überlebenswichtige Probleme einer Generation, die mit Christian-Dior-Schultüten aufgewachsen ist. Und Philipp Tingler kennt sie genau.

Selbstironie als Textgrundlage

Nun gut, eigentlich müsste man so etwas unendlich verurteilen, Philipp Tinglers Problemträger die Kreditkarten sperren und ihre Sektgläser mit brackigem Leitungswasser füllen. Ihnen die Nerzschals um den Hals ziehen, bis sie selbst ihr Personal Trainer nicht mehr lockern könnte. Und Philipp Tingler auch. Aber man schafft es nicht. Zu herrlich, zu süffisant macht sich Tingler über die Schickeria lustig, erklärt die Selbstironie zur Textgrundlage. Mal als Kurzprosaist, mal als Kolumnenautor persifliert er sich durch die mehr als 300 Seiten vor allem selbst. Er wirkt dabei wie jemand, der sich in einem zu großen Sakko im Spiegel anschaut und laut losprusten muss. Und bei jedem Pruster lacht der Leser mit.

Tingler schreibt Kolumnen für „Vogue“, „Bolero“ oder „Die Welt am Sonntag“. Gerade die schnippischen Kommentare, die Kurzweiligkeit der kleinen Geschichten und die Lebendigkeit seiner Kolumnen spürt man auch in dem Essayband. Meist sind seine Texte nicht länger als zwei, drei Seiten, sie sind pointiert und brüllend komisch. Nein, politisch korrekt ist das nicht. Aber es macht Spaß zwischen Fragebögen zu „Wie hypochondrisch sind sie wirklich?“ oder „Wie verwöhnt sind sie wirklich?“ zu Texten über Anrufbeantwortertypen und den Züricher Verkehrsbund hin und her zu springen. Und auf die Frage, ob eine derartig dekadente Themenpalette für die Klassifizierung Weltliteratur genüge, sollte man es wie Tingler selbst halten: Als dieser beim Ausscheid des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt von einer Jurorin besonders hart attackiert wurde, entgegnete er nur trocken: „Cheer up“. In diesem Sinne hat Tingler in seinem Band Leute von Welt wirklich etwas Mutiges und erfrischend Neues geschaffen: Endlich kann man mal mit den oberen Zehntausend lachen. Mal mit ihnen. Mal über sie. Und immer über Philipp Tingler.

Jan Sedelies


Philipp Tingler: Leute von Welt. Kein & Aber 2006. 332 Seiten. 19,90 Euro.

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