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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 07:00

     

    Gilbert. K. Chesterton: Die Wildnis des häuslichen Lebens

    09.09.2006

    Mit Witz gepfefferter Kinderblick
    Ein Chesterton-Brevier mit Glanzstücken & Begleitschutz


    Gilbert Keith Chesterton ist vornehmlich als Schöpfer des Amateurkriminalisten „Pater Brown“ bei uns bekannt und dieser mit Heinz Rühmanns Physiognomie. Die literarische Physiognomie des Erzählers, Lyrikers, Romanciers, der zwischen 1874 und 1936 lebte, ist aber vielleicht am Überraschendsten in seinen zahlreichen brillanten Essays zu entdecken. Eine kleine & triftige Auswahl aus diesem Riesenwerk des Meisters des Paradoxen ist jetzt im Berenberg Verlag erschienen.

     

    Populär war der Mann, der gut und gern wie kein zweiter englischer Schriftsteller Sir John Falstaff auf der Bühne hätte darstellen können – so fett war er nämlich –, bei uns nur kurzzeitig als der „Vater“ des verschmitzten Pater Brown mit der Physiognomie von Heinz Rühmann. Natürlich waren diese deutschen Detektivfilme denkbar weit von dem Charme, der Eigenart und der Qualität dieses englischen Schriftstellers entfernt, sodass er vollständig dahinter verschwand, ja gar nicht erst wahrgenommen wurde, was auch wieder gut war.

    Denn nur wer die den Filmen zugrunde liegenden Detektivgeschichten gelesen hat – sie erschienen Mitte der Siebziger Jahre bei C. Hanser – , konnte wissen, dass Gilbert Keith Chesterton (1874/1936) einer der großen englischen Autoren war; und wer zumindest einen seiner Romane – am besten „Der Mann, der Donnerstag war“ – und ein Dutzend oder am besten viele mehr seiner unzähligen Essays zusätzlich gelesen hatte, von denen die meisten im Verlauf von 30 Jahren wöchentlich in einer Londoner Zeitschrift erschienen waren, der wusste, warum der marxistische Philosoph Ernst Bloch den konvertierten Katholiken, der auch Bücher über Franz v. Assisi und Thomas von Aquin geschrieben hat, für einen „der gescheitesten Männer“ hielt, „die je gelebt haben“ und der wählerische Kenner der universalen Literatur, der Argentinier J. L. Borges, bei ihm „göttliche Weisheit“ vermutete.

    Aber vor allem weiß jeder, der auch nur 2 Seiten seiner Prosa gelesen hat, dass G. K. Ch. innerhalb der gewiss nicht humor- & witzlosen englischen Literatur vielleicht – zusammen mit Laurence Sterne und nun ja, Oscar Wilde – der witzigste war: nicht nur ein heller Kopf, sondern ein brillant leuchtender, gelegentlich auch blendender. So hinreißend er schreibt, so muss man auch acht geben, nicht von seinem Furor des Paradoxen über den Löffel balbiert zu werden. Denn wenn einer einem lächelnd im Hand-, Wort- & Gedankenumdrehen ein X für ein U vormachen kann, dann ist es der Prosaist Chesterton. - und zwar allein aufgrund seiner Blitzgescheitheit & der stilistischen Triftigkeit seiner antithetischen Formulierungsvirtuosität.

    Berühmt waren zu seiner Zeit seine öffentlichen Streitgespräche mit dem einmal sehr bekannten Dramatiker George Bernhard Shaw (auch er ein gewitzter Kopf und Stegreifaphoristiker). Es müssen rhetorische und intellektuelle Brillantfeuerwerke der Redekunst gewesen sein, von deren Witz & geistigem Schliff wir uns keinen Begriff mehr machen können. Irgendwo habe ich sogar gelesen, dass Chesterton einmal, als einer seiner Gegenredner zur Debatte mit ihm nicht erschienen war, dessen Part kurzerhand selbst mit übernommen hat.

    Zwei deutsche Chesterton-Liebhaber, der emeritierte Literaturwissenschaftler Norbert Miller und der Essayist Joachim Kalka, der als Übersetzer zugleich dafür tätig wurde, haben sich jetzt zusammengetan, um einen Band mit 18 Essays des Verehrten & Geschätzten dem deutschen Lesepublikum, mit Vor- & Nachwort wohl versehen, zur gefälligen Lektüre vorzulegen. Es ist ein für alle deutschen Chestertonians & erst recht solche, die es werden könnten, eine hochwillkommenes Brevier der spannendsten Unterhaltung, mit dem sich der kürzlich gegründete Berenberg-Verlag zurecht schmückt – wenngleich „Ausstattung & Gestaltung“ des Bandes, so leserfreundlich Satzspiegel & Layout auch sind, durch die Kombination des Schwarzweiß-Porträts des Autors auf orangefarbener Grundlage als Titel-Cover nicht gerade ästhetisch ansprechend oder (der Sache angemessen) zumindest auffallend exzentrisch sein dürfte.

    Kleine Theorie der Anerkennung

    Die Auswahl der Essays reicht von der „Verteidigung der Detektivgeschichte“ über Hommagen für Walter Scott, Charles Dickens und R.L. Stevenson und Betrachtungen zum „Trugschluss des Erfolgs“ oder über „Sonderliche Reisende“ bis zur „Verteidigung hässlicher Dinge“ und zu der beängstigenden Phantasmagorie „Die zornige Straße“.

    Dieser kleine Spaziergang durch das immense Werk Chestertons umfasst also seine bevorzugten Passionen, Themen, Liebhabereien – und lässt auch dessen dunklen, gespenstischen Unter- oder Hintergrund nicht aus. Der „Zorn“ der Londoner Straße, die sich eines Tages vor dem Büroangestellten, der sie vierzig Jahre lang täglich eilig durchquert hatte, plötzlich himmelwärts aufbäumt wie ein Pferd, kommt daher, dass er „sie schlecht behandelt hat“. Sie gehe zum Himmel, erfährt der Bestürzte, „um Gerechtigkeit zu bekommen“. Denn unerträglich sei es, wenn man von jemandem zuviel verlangt und ihn gleichzeitig ignoriert – wie er es vierzig Jahre mit dieser Straße gemacht habe, die er „sich zu Tode habe arbeiten lassen und doch habe er dabei aber niemals an ihre Existenz gedacht“. Das ist eine kleine „Theorie der Anerkennung“ und Achtung, die auch die gewöhnlichsten und unbelebten Dinge verlangen könnten.

    „Kaum ein Autor seiner Generation hat grausigere, widerwärtigere Geschichten erwogen als er. Es ist keine harmlose Welt, die da in immer kleinere Segmente zerschnitten wird“, schreibt Norbert Miller in seiner Einleitung, die aber den Blick auf „das Kindliche“ in Chestertons Weltsicht richtet – und damit auch auf das latent oder manifest Grausame in ihr. Millers Blickschärfung ist eine schöne Wegweisung für die Lektüre, bei der einem dann immer wieder Chestertons emphatische Mobilisierung einer „kindlichen“, witzscharf ausgepichten Wahrnehmungsweise der Welt begegnet.

    So wenn er z.B. sich einen Kritiker vornimmt, der Walter Scotts „unerträglich“ langatmige und detaillierte Beschreibungen von Kleidungen, Rüstungen und Waffen moniert. „Das einzige, was man zu diesem Kritiker bemerken kann,“ hält ihm Chesterton entgegen, „ist, dass er niemals ein kleiner Junge war. (...) Eine jener tiefen philosophischen Wahrheiten, die beinahe nur die Kindheit kennt, ist jene Liebe zu den Dingen nicht wegen ihres Gebrauchs oder Ursprungs, sondern wegen ihrer eigenen, eigentlichen Züge – die Liebe des Kindes zur Härte des Holzes, zur Nässe des Wassers, zur Seifigkeit der Seife“. Scott habe „vieles vom Kind an sich gehabt“, und wenn auch natürlich Menschen die Hauptfiguren in seinen Geschichten seien, so seien sie jedoch gewiss nicht die einzigen Figuren: „Eine Streitaxt war eine wichtige Person, eine Burg hatte ihren Charakter und ihre Gewohnheiten. Eine Kirchenglocke hatte ein Wort mitzureden“. Denn „wie ein echtes Kind ignorierte er nahezu die Unterscheidung zwischen dem Belebten und dem Unbelebten“.

    Sinnliche Lust am Paradoxen

    Was er hier von Scott behauptet, steckte auch in Chesterton selbst (nicht zuletzt waren seine Lieblingsbücher „Robinson Crusoe“ und „Die Schatzinsel“.) Joachim Kalka zitiert Graham Greenes treffende Charakterisierung von Chestertons unbändiger geistiger Kraft zur philosophischen Reflexion, die sich die vorurteilslose Abenteuerlust und Neugier des kindlichen Blicks nicht hat austreiben lassen, so dass er „unter den Begriffen das zu Begreifende wieder hervorgrub“.

    Was einen als sein Leser immer wieder perplex macht, ist seine unerschöpflich-schöpferische Lust am und seine Findigkeit für das Paradox. Das Paradox, von dem Miller zurecht behauptet, es sei die zentrale „Anschauungs- und Kunstform“ Chestertons, kann man auch als methodisch praktizierten Blickwechsel, als (fast immer auch humoristische) Blickumkehrung, ja als eine scharfsichtige Verfremdung ansehen, die das Geläufige, Fixierte, Vertraute auf den Kopf stellt, um es neu & anders zu sehen, um seine Wirkungsmacht zu bezweifeln & zu relativieren oder sogar (um es mit einem schon wieder obsolet gewordenen modischen Begriff, der aber hier zutrifft, zu benennen) „kritisch zu hinterfragen“ – wie z.B. in dem titelgebenden Essay „Die Wildnis des häuslichen Lebens“.

    Chesterton, in dem ein Satiriker steckte, den Karl Kraus auch in ihm erkannte, weil beide eine entschiedene (auch gelegentlich reaktionäre) Opposition gegen „die (technische) & moralische Moderne“ verband, entwickelte darin die Theorie, wonach eine „aus Muße und Luxus geborene Psychologie“ der Reichen „das Leben verfälscht“, weil sie dessen „Wildnis“ außerhalb von Ehe und Häuslichkeit behauptet. „Der reiche Mann weiß, dass sein Haus auf großen und geräuschlosen Rädern des Wohlstands läuft (...) Andererseits stehen ihm alle romantischen Vagabundenabenteuer auf den Straßen draußen offen. Er hat jede Menge Geld und kann es sich leisten, ein Landstreicher zu sein. Sein wildestes Abenteuer wird in einem Restaurant enden, während das zahmste des kleinen Mannes vielleicht in einer Zelle endet“. Weil dieser „Mann des Luxus“ den Ton fast des gesamten „modernen“ und „fortschrittlichen“ Denkens angebe, habe man vergessen, „was ein Zuhause für die überwältigenden Millionen der Menschheit wirklich bedeutet“.

    Denn für „die mäßig Armen“ sei ihr „Zuhause der einzige Ort der Freiheit“, ja mehr noch: „der einzige Ort der Anarchie“. Hier könne der Arme „plötzlich die gewohnte Ordnung ändern, ein Experiment anstellen oder eine Laune ausleben. Wohin er auch sonst geht, er muss sich den strengen Regeln des Ladengeschäfts, des Gasthauses, des Klubs oder Museums fügen, wo er eintritt. Zuhause kann er seine Mahlzeiten auf dem Fußboden zu sich nehmen, wenn er möchte. Ich tue das oft selber; es führt zu einer seltsamen, kindischen, poetischen Picknickstimmung“.

    Das ist der ganze Chesterton in nuce: Widerspruch, Kritik & Umkehrung des Geläufigen, Rebellion gegen die „fortschrittliche Moderne“ der dekadent bestimmenden Reichen, Sympathie mit den (andernorts auch geistig) Armen, bis ins Exzentrische gehende Antithese, die Freiheit & Anarchie im „kindischen“ Verhalten findet, das in der Abweichung von der Norm ihre Poesie offenbart.

    Chestertons „Poesie des Lebens“ zielt auf eine romantisch-abenteuerliche Verzauberung der durch die „Sachlichkeit“, Bürokratie und den „Realismus“ der Moderne „entzauberten“ Welt - aber nicht mit hohem priesterlichen Weihe- & Behauptungston, sondern nur kraft Witz, Phantasie & Intelligenz im Nächsten das Fernste zu entdecken, im Banalen das Abenteuerliche zu sehen, im Abgegriffenen das „Unabgegoltene“ wahrzunehmen (wie Bloch das Verschüttete, noch nicht Entwickelte) genannt hat.

    Eine seiner angreiferischen Lieblingstätigkeiten, mit denen er die geläufige Welt auf den Kopf stellte, war „die Verteidigung“, nicht nur die „Verteidigung hässlicher Dinge“, sondern aller nur möglichen Verächtlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens bis hin zum „Schundroman“ oder dem „Unsinn“. Er will dabei nicht wie Eichendorff „das Lied“, das „in allen Dingen schläft“, durch seine anwaltschaftlichen Polemiken „aufwecken“ , sondern „die einverständigen Verhältnisse“ mit den Chocs seiner Paradoxa zweideutig unterminieren und den Alltag zum Tanzen bringen.

    Bloch, Chesterton & Hitchcock auf einer Linie

    Was dem expressionistischen deutschen Philosophen aus Ludwigshafen sein jüdisch-aristotelischer Messianismus war, das fand der Engländer Chesterton in einem Katholizismus, der ebenso bunt & heidnisch blühte, wie Blochs märchenhaft gestimmter Bilderbasar des Orientalischen verheißungsvoll leuchtete. Beiden war ein beneidenswertes, unerschüttertes „Weltvertrauen“ eigen, das ihnen die geistige & moralische Spannkraft gab, auch das Grauen, den Albtraum und den Schrecken auszuhalten, die als das „Böse“ oder als „Widerruf des Glücks-Möglichen“ oder als irreparables Scheitern unleugbar in der Welt sind.

    Das ebenso oft erheiternde wie irritierende, sowohl Kopfschütteln breitende wie Nachdenklichkeit provozierende Vergnügen der Chestertonschen Essays erinnert an die optischen Überraschungscoups, die das ihm zeitgleiche Stummfilmkino entwickelt hat: mit der verfremdenden Großaufnahme, mit der Gegensätze einander konfrontierenden, Gedanken im Kopf des Zuschauers produzierenden Montagen und den grotesk-satirischen und komischen Möglichkeiten der (vor allem im Slapstick) gebräuchlichen Zeitraffer-Technik. Chesterton müsste das märchenhafte Kino Mack Sennetts , Buster Keatons, Harold Lloyds und Charlie Chaplins eigentlich heiß geliebt haben.

    Aber Chesterton müsste auch von einem englischen Filmregisseur bewundert worden sein, der mit ihm Humor & Witz, das Paradox und das Detektivische, das kindliche Spiel und den (verborgenen) Sadismus teilt: Alfred Hitchcock. Zumindest stelle ich mir das vor – und nicht nur, weil Sir Alfred, wie GKCH, auch eine wunderbare Verkörperung (!) von Shakespeares Falstaff abgegeben hätte. Der alte Orson Welles – auch er ein „Chestertonian“? – hat mir diese fixe Idee allerdings dann aufs Schönste in „Chimes at Midnight“ erfüllt.

    Wolfram Schütte


    Gilbert. K. Chesterton: Die Wildnis des häuslichen Lebens. Mit einer Einleitung von Norbert Miller. Ausgewählt, aus dem Englischen übersetzt und mit einer Nachbemerkung von Joachim Kalka. Berenberg-Verlag, Berlin 2006. 159 Seiten. 19 Euro.

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