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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 06:59

     

    António Lobo Antunes: Buch der Chroniken.

    31.08.2006

    Komm, Erinnerung, sprich
    Bislang kennen deutsche Leser den großen portugiesischen Epiker António Lobo Antunes nur als Autor umfangreicher, polyphoner Romane, in deren Geflecht aus Stimmen und Geräuschen sich die Gegenwart mit den Vergangenheiten der Personen zu melancholischen Landschaften der menschlichen Einsamkeit verbindet. Jetzt haben sie Gelegenheit, mehr als Hundert kleine Erzählungen und persönliche Erinnerungen im “Buch der Chroniken“ kennen zu lernen, die der 1942 in Lissabon geborene Autor zwischen 1993/98 für die Wochenendausgabe einer portugiesischen Zeitung geschrieben hat.

     

    Fünf Jahre lang (1993/1998) hat António Lobo Antunes alle vierzehn Tage für die Sonntagsbeilage der Lissaboner Zeitung “Publico” Kolumnen geschrieben. Diese über 100 kurzen erzählerischen Texte sind jetzt - wie immer übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann, die aber auch ein ausführliches Glossar beigefügt hat, um eine Vielzahl von lokalen und kulturhistorischen Anspielungen zu verstehen - in der Sammlung Luchterhand als broschiertes Taschenbuch unter dem Titel “Buch der Chroniken” erschienen.

    Für Kenner des vorbildlich von seinem deutschen Verlag edierten großen portugiesischen Epikers & der vor drei Jahren ebenfalls in der sammlung luchterhand erschienenen “Gespräche”, die María Luisa Blanco mit António Lobo Antunes geführt hat, sind diese sonntäglichen Impromptus so etwas wie die Bonsai-Ausgabe seines Oeuvres, das hier in mancherlei Facetten en miniature erscheint. Viele seiner Motive und existenzielle Situationen (Erloschene Ehen, verlassene Ehehälften, betrogene Liebhaber, unausgesprochene Liebeserklärungen), seiner poetischen Orte (das Hospital Miguel Bombarda, der Vorort Benfica, das Landgut der Großeltern) und wiederkehrende Obsessionen & Figuren (Langweilige Sonntage, Stotterer, Verrückte, Todkranke) werden auf kleinem Raum (2 bis 4 Druckseiten) an- & durchgespielt, jedoch gewiss nicht mit der linken Hand geschrieben oder in verminderter Intensität extemporiert.

    António Lobo Antunes kann - gleich Schubert oder Mozart - gar nicht unter sein (literarisches) Niveau gehen, auch dann nicht, wenn er wie hier wohl einerseits für die Tagespresse schreibt, andererseits offenbar den Kontakt zu seinen portugiesischen Lesern sucht.

    Das erschien ihm gewiss deshalb notwendig, weil - wie er an einer erstaunlich polemischen Stelle in der letzten seiner “Chroniken” schreibt - “der Müll, den einige Zeitungen über mich und meine Bücher auskippen”, ihn zwar “gleichgültig lasse”, er aber entgegen dieser Behauptung fortfährt: “Ich empfinde für die meisten offiziellen und halboffiziellen Stellen meines Landes, für Regierende, Politiker, Universitätslehrer, Vereinigungen von Literaten und Kritikern etc. vollkommene Verachtung.” (Hervorhebung von mir).

    Keine Literatur sondern poetische Mythologie

    Schon in einer früheren Chronik (”Wo der Künstler sich vom werten Publikum verabschiedet”) hat er erklärt: “Ich betreibe keine Literatur, ich betreibe Mythologie” und die “von Natur aus konservativen Intellektuellen” Portugals seien - “von Dummheit, Ignoranz und Unehrlichkeit (...) einmal abgesehen” - nicht in der Lage zu erkennen, dass “die Generationen (...) sich letztlich paradoxerweise in den zerrissenen Menschen erkennen, welche ihrer Epoche Ausdruck verliehen haben, indem sie sich gegen sie stellten”, wie etwa Musset, Nerval, Lowry, Faulkner. In diese Ahnenreihe stellt er sich selbst, steht er er auch, wie jeder weiß, der sein episches Oeuvre kennt.

    Der Chirurg und Psychiater, den man sich als Arzt eher als mitleidiger Beichtvater vorstellen kann, ist kein Intellektueller. Essayismus liegt ihm fern, ist ihm fremd, und wenn er behauptet, er betriebe Mythologie, so meint er damit, dass alles, was er zu sagen hat, einem erzählerischen Kosmos von Stimmen, Erinnerungen, Gewesenen und Phantasierten entstammt, an dem er monomanisch arbeitet, vergraben in seine einsame, “weltfremde” Welt der Imagination.

    Deshalb sind nicht die zahlreichen, mit einer meisterlichen Routine beschworenen Szenen der unglücklichen Liebenden & Betrogenen in den “Chroniken” für “Publico” das wahrhaft Überraschende des umfangreichen Buches; sondern es sind die ebenso vielfältig evozierten persönlichen, ja geradezu intimen, jedoch nie voyeuristisch zugänglichen autobiografischen Erinnerungen und Geständnisse des António Lobo Antunes.

    Z.B. erinnert er gleich mehrfach an den Schuster Senhor Florindo (in einem Benfica, das er längst nicht mehr gibt), “der in einem dunklen Kabuff, umringt von auf kleinen Schemeln sitzenden Blinden, in den Geruch von Leder und Armut gehüllt, der bis heute der einzige mir bekannte Geruch der Heiligkeit ist, Sohlen hämmerte”.

    Oder er erzählt von Pedro, dem frühen Schulkameraden aus ärmlichsten Verhältnissen (“Ich lebte in zwölf Zimmern, er aber nur in zweien”), mit dem er nicht nur gemeinsam Fußballbildchen aus Kaugummis sammelte, sondern mit dem zusammen er “am selben Sonnabendnachmittag in die Geheimnisse des Fleisches in einem ersten Stock der Rua do Mundo initiiert” wurde.

    Ihre lebenslange Freundschaft überdauerte den Krieg und ihre unterschiedlichen Lebenswege, die auf seltsame Weise sich wieder engführten, als Pedro in einer Reifenfabrik in einem anderen Stadtteil als Buchhalter arbeitete - und Romane schrieb, die sie beide “Satz für Satz durchsprachen”. Sonnabends besuchte ihn Lobo Antunes & sie sprachen über das verlorene Benfica ihrer Jugend: “Ich war vor kurzem geschieden worden, Pedro hatte nie geheiratet”. Diese trauliche Idylle einer Freundschaft beendet der Autor, indem er aus der Nostalgie in die Gegenwart springt: “Gestern bin ich wie gewohnt zu ihm nach Amora gefahren. Es war drei Uhr nachmittags. Als in den Wagen anhielt, sah ich ihn, der mich nicht bemerkte, einen Seidenschal um den Hals geschwungen, zum Apfelbaum gehen. Er kletterte auf den Baum, band den Schal hoch oben an einen Ast voller kleiner Äpfel fest. Dann sprang er und fand sich in der Leere hängend wieder.“

    Melancholie in Phantasie verwandeln

    Aber António Lobo Antunes´ “Versuche, wie immer Melancholie in Phantasie zu verwandeln”, verharren nicht bei seinen Freunden, seinen Erfahrungen als Arzt oder als “berühmter Mann” beim Signieren auf der Buchmesse. Seine Reminiszenzen, angeregt von Fotos oder plötzlichen Erinnerungsschüben oder Wörtern reichen von den überaus geliebten Großeltern, über die komischen o­nkel und spinnerten Tanten, die bewunderten Eltern und seine jüngeren Brüder bis zu seinen drei Töchtern, deren eingreifender Präsenz in verschiedenen Altersstufen und Phasen seines Lebens er hier mehrfach gedenkt.

    Diese “familiären” Miniaturen, eingebettet in das Ambiente von Häusern, Gärten, Jahreszeiten, sind manchmal komisch und ironisch, immer liebevoll und wenn er von seinen Töchtern spricht, von einer eminenten Zärtlichkeit, die er in einer Chronik, in der er auf die ihm am Wochenende von seiner geschiedenen Frau überlassene Tochter wartet, so raffiniert exponiert, dass man annehmen muss, der Liebhaber erwarte sehnsüchtig die Geliebte - bis dann das Wort “Tochter” fällt.

    Die Unglücke seiner drei gescheiterten Ehen werden aus verschiedenen Selbstporträts des Autors als komisch-monomanischer, verwahrloster Schriftsteller (á la Flaubert) indirekt “verständlich”. Im Gegensatz zur brutalen, verwilderten Wehleidigkeit junger deutscher Autoren (wie Biller oder Herbst) ist Lobo Antunes verschwiegen im autobiographischen Bereich seiner Liebschaften & Ehen.

    Die eigene Familie aber (und die wenigen Freunde) sind in seinen kleinen “Wahrheiten aus meinem Leben” zentrale Bezugs- & Haltepunkte für einen Mann, den die Literatur in einen geschlossenen Kreis von Einsamkeiten verbannt hat, der alt, taub, dickbäuchig wird - seit er nun schon seit etlichen Jahren nicht mehr als Arzt praktiziert.

    Ein Erlebnis im Hospital Miguel Bombarda hat ihn (und sein sympathetischen Verhalten gegenüber seinen Patienten) zu einer erzählerischen Doppelvariation in den “Chroniken” angeregt (“Tierliebe”, “Mit dem Taschenmesser geschrieben”): der Mann, der sich im Zoo mit den Tigern unterhält.

    In einem anderen (“Zeichen von innerem Reichtum”) gibt er etwas preis, das tief in seine psychische Verfassung blicken lässt. In Victor Hugos Satz “Ich bin ein Mensch, der an was anderes denkt”, erkennt er sich wieder - in der Geistesabwesenheit, mit der er sich aus dem Alltag in die Parallelwelten seiner Phantasien & Erinnerungen entfernt: “Große Worte wie Arbeit, Familie, Geld gehen an mir vorbei, ohne mich zu berühren. Es sieht so aus, als könnte ich nicht mit denen leben, die ich liebe, oder als weise ich ihre Zuneigung ab. Das stimmt nicht. Was tatsächlich passiert, ist, dass ich, wenn sie mich streicheln, von Tante Madalenas Dachboden aus die Störche im Park beobachte oder auf der Caféterrasse am Strand in Praia das Macas neben meinem Großvater ein Erdbeereis esse”.

    Während ihn diese somnambulen Aufenthalte im Kosmos seines Innern untauglich machen für den Alltag, immunisieren sie doch den Arzt, der er auch war, über die alltägliche Begegnung mit Elend & Tod wahnsinnig zu werden. Er beschreibt eine Sprechstunde, in der er mit einer jungen, schönen, intelligenten Frau konfrontiert ist, die fortgeschrittenen Brustkrebs hatte, bald sterben wird, aber vor & mit dem Arzt die Illusion aufrecht erhält, es werde ihr wieder besser gehen: “Als sie hinausging, war ihr Gang elegant. Und da dachte ich”, beendet Lobo Antunes dieses Impromptu über seine Geistesabwesenheit: “Wie gut, dass ich ein Mensch bin, der an was anderes denkt. Wenn ich kein Mensch wäre, der an was anderes denkt, würde ich weinen wollen. Aber so hatte ich sie bereits vergessen, als der nächste Kranke eintrat. Hatte sie bereits vergessen. Hatte sie bereits vergessen. Hatte sie, Gott sei Dank, bereits vergessen”- mitnichten, nur im alltäglichen Vergessen poetisch aufbewahrt.

    Wolfram Schütte


    António Lobo Antunes: Buch der Chroniken.
    Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann.
    Luchterhand-Literaturverlag. Sammlung Luchterhand.
    Englische Broschur. 384 Seiten, 10 ¤.

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