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Alois Hotschnig: Die Kinder beruhigte das nicht

25.07.2006


Die fremden vier Wände

Der Kärntner Schriftsteller Alois Hotschnig verweigert sich dem Literaturbetrieb. Das fällt im kleinen Österreich mit seiner kleinen Metropole Wien freilich leichter als in einem Verlags- und Autoreneldorado wie Berlin. Alle fünf, sechs Jahre verlässt Hotschnig seine Klausur und präsentiert ein neues Buch.

 

Diesmal ist es ein an seinen Wohn- und Schreiborten Villach und Innsbruck entstandenes Prosa-Konzentrat, das die bedrohliche Enge der nahen Bergrücken des Alpenmassivs in sich gespeichert hat

Die neun Erzählungen in Alois Hotschnigs Erzählband „Die Kinder beruhigte das nicht“ lesen sich wie Variationen zu einem Thema. Sie sind in erster Linie stimmungsmäßig miteinander verbunden, nämlich durch ein Gefühl des Befremdens und der Irritation, das den Leser bei der Lektüre der Beschreibung scheinbar alltäglicher und vertrauter Vorkommnisse befällt. In „Vielleicht diesmal, vielleicht jetzt“ wartet eine Familie tagaus, tagein auf einen gewissen Walter. Wie ein schwarzes Loch absorbiert er all ihre Aufmerksamkeit. Mit unbeirrbarem Optimismus hält sie an seinem Auftauchen fest. Ihr fiebriges Warten überträgt sich über die Grenzen der Textwelt hinaus auf den Leser. Ähnliches leistet die Eingangserzählung „Dieselbe Stille, dasselbe Geschrei“, die sich wie ein zum Leben erwecktes Edward-Hopper-Gemälde ausnimmt und eine berückende Dramaturgie des Blickes entfaltet. In „Du kennst sie nicht, es sind Fremde“ sieht sich der Erzähler mit einer Außenwelt konfrontiert, welche in ihm fortlaufend eine andere Person erkennt. Er ist in fremden Wohnungen zu Hause, sieht sich in der Früh als jemand anderer aufwachen, als der er am Vortag eingeschlafen ist; wer er ehedem war, bleibt als verstörende Ahnung in ihm wach. Die Verunsicherung des Selbst ist Thema auch in weiteren Geschichten.

Grunderfahrungen der ‚conditio humana’

Dunkel fühlt man sich bei den Texten an Becketts „Warten auf Godot“, Kafkas „Verwandlung“ oder Roald Dahls „Wirtin“ erinnert, die aber keine direkte Referenzfolie abgeben. Hotschnigs Erzählungen setzen auf einer basaleren Ebene an, von der auch die Texte der genannten Autoren ihren Ausgang genommen haben. Nämlich die Grunderfahrungen und -gestimmtheiten der ‚conditio humana’. Seine Erzählungen spielen in nicht näher spezifizierten Zeiten und Räumen, haben gleichwohl Verweiskraft auf das Hier und Jetzt, sie verzichten auf psychologische Deutung, evozieren eine universelle Angst. Dieser Effekt gelingt anhand geschliffener Sätze mit limitiertem Wortmaterial, welches durch die ständige Repetition eine Prosa von beeindruckender Sogkraft entstehen lässt. Adjektive finden sich kaum, einfache Nomen dominieren. Worte wie „Haus“ oder „Familie“ entwickeln eine Eigenständigkeit und Präsenz, die ihresgleichen sucht. Nüchtern verharrt der Erzähler an der Textoberfläche, darunter tun sich Untiefen auf.

Hotschnigs Figuren sind dabei nie rein theoretische Konstrukte, sie leben und atmen. Das könnte sich seiner Arbeitsweise verdanken, Geschichten um Sätze herum zu entwerfen, die er im realen Leben aufgeschnappt und sich notiert hat. Seine Irritation ist als Substrat in den Erzählungen erhalten geblieben. Bei diesen ist kein Wort zu viel, nichts kann ohne Verlust gestrichen werden. Vielleicht kann man sie mit Teesud vergleichen: Bei anhaltender Sonneneinstrahlung – den unzähligen Überarbeitungsschritten des Autors – verdampft der Tee in der Kanne und zurück bleibt der Bodensatz. Konzentriert im Geschmack und stark in der Wirkung. Viele Menschen mögen leichte, verwässerte Getränke. Wer Hochprozentiges kosten will, soll sich an Hotschnigs gehaltvollem Destillat versuchen.

Kristina Werndl


Alois Hotschnig: Die Kinder beruhigte das nicht. Kiepenheuer & Witsch, 2006. 126 Seiten. 14,95 Euro. ISBN 3462036858

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