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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 05:49

     

    Franz Schuh: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche

    20.07.2006

    Eines Österreichers “Sudelbuch”

    Franz Schuhs autobiografische Essays & Gedichte

    Die Kunst des Essays wird bei uns noch immer unterschätzt. Der Österreicher Franz Schuh, der sein gesamtes “Schreibwerk” auf seinen Kopf und sein Lebenserleben gestellt hat, ist deshalb immer noch zu entdecken: jetzt mit seinem Mixtum compositum “Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche”.

     

    Der Schriftsteller Franz Schuh ist ein österreichisches Unikum, wo es im Laufe der Literaturgeschichte schon einige seines Kalibers gab - wie Anton Kuh, Egon Friedell, Franz Blei, Alfred Polgar oder Elias Canetti, ja wie Johann Nestroy oder Karl Kraus - obwohl der satirische Dramatiker und der dramatische Satiriker ein zu festgefügtes Bild von sich hinterlassen haben, wenngleich aber alle, die hier zur Rede stehen, auf einem ihnen gemeinsamen Feld wuchsen, gediehen und tätig waren: der Sprache. Es sind Sprach-Denker & Denksprachler, uneinverständig mit ihrer Zeit, eigen- & hintersinnig, ja auch: eigenbrötlerisch, dabei ebenso sarkastisch wie witzig, egozentrisch und skeptisch gegen große Begriffe & Parolen, Liebhaber des Nichtsnutzigen, Verteidiger des Einzelnen. Eine Spezies, wie sie in der deutschen Literatur meines Wissens nicht vorhanden ist - schon gar nicht in vergleichbarer Qualität und schriftstellerischer Brillanz. (Oder sollte man an Börne und Tucholsky dabei denken?)

    Es ist jedoch erstaunlich, dass dieser Typus des österreichischen “Literaten”, der dem Flüchtigen, Abseitigen, Heterogenen des Alltags seine nicht selten bizarren, jedenfalls überraschenden & unerwarteten Gedanken & (Sprach)Spiele widmet und meist in persönlich-existenzieller wie geistiger splendid isolationship lebt & wirkt, eher an die Galerie exzentrischer englischer Charaktere erinnert (wie Lytton Strachey, Edith Sitwell oder G. K. Chesterton ), mit denen einer wie der 1947 in Wien geborene Franz Schuh die Leidenschaft & Kunst des (bei ihm egozentrisch) unterfütterten Essays teilt.

    Wenn Karl Kraus abfällig meinte, Feuilleton bestehe darin, “auf einer Glatze Locken zu drehen” (und er nachwirkend messerscharf diese scheitelte), so hat Franz Schuh “seine Sach´ auf nichts gestellt” - als darauf, der Fadheit der ihn bedrängenden Welt seinen nachdenklich erwirtschafteten (Gedanken-) Senf beizufügen und die Fraglosigkeit in die Fragwürdigkeit zu überführen.

    Porträt eines solitären Schwergewichts

    Wenn man umschreiben wollte, welches Bild man sich als deutscher Ausländer von der Erscheinung & Physiognomie dieses österreichischen Autors machen könnte, dann ist man mangels persönlicher Anschauung ganz & gar auf seine Selbstaussagen angewiesen, die er aber zuhauf seinen Lesern anbietet (wie bei uns nur vergleichbar einzig der rücksichtslose Selberlebensbeschreiber Walter Kempowski): Franz Schuh ist “körperlich“, zwischen Helmut Qualtinger & Harry Rowohlt, ein großer 140-Kilo-Mann, kommt aus der ihm verhassten kleinbürgerlichen Kleinfamilie (Vater: Polizist); er lebt in einem proletarischen Wohnviertel Wiens in einer 30 qm Behausung, schreibt in der unaufgeräumten Küche an einem Laptop, umgeben von Büchern und Papieren - und zwar allein (seit ihn “Dorli verlassen hat”); er hält sich meist in “Beisln“ oder Kaffeehäusern auf, nimmt viel zu sich (wie Pavarotti), macht gelegentlich Entziehungskuren, teilt uns seine Vorlieben für deutsche und österreichische Biere mit und dass er in der Bundesarmee diente, des öfteren Vorträge zu literarischen Themen in Linz, Klagenfurt, Palermo (oder sonst wo) hält, als junger Mann sich Europa ertrampt hat, aber als Kulturkoryphäe bis Sao Paulo gekommen und Träger des österreichischen “Staatspreises für Kulturpublizistik” ist - und neben vielem anderen, z.B. Freundschaften & Bekanntschaften mit österreichischen Schriftstellern, darunter leidet (oder dieses “Leiden” wort- & gedankenreich simuliert), dass er kein “Hauptwerk” vorweisen kann und deshalb nun “nur Nebensachen” aus vielen Jahren seiner “Schriebwerkstatt” unter dem natürlich ironischen Titel “Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche” versammelt hat, der jetzt bei Zsolnay als sein “Hauptwerk” & abwechslungsreiches Mixtum compositum erschienen sind - und Dank des Muts der deutschen Buchpreis-Jury im Frühjahr den Preis für Essayistik erhielten, nachdem ein bei Dumont 2000 in Köln erschienener Sammelband von literaturkritischen und “philosophischen” Essays (“Schreibkräfte”) offenbar von durchschlagender Wirkungslosigkeit in Deutschland geblieben war, obwohl Franz Schuh im gleichen Jahr doch sogar den Jean-Améry-Preis dafür erhalten hatte.

    Auch jetzt wieder sind es vornehmlich Österreicher (Detering, Weinzierl und Haas), die in den deutschen und Schweizer Blättern als seine enthusiasmierten Herolde & langjährigen Kenner ihm rezensierend Kränze winden und dem Schreibgenie aus & um Wien herum, mit seinen “mürrisch verlangsamten Bewegungen bedächtigen Hakenschlagens” und “der Sprunghaftigkeit in Zeitlupe” (Detering) den Boden bereiten wollen zu einer An- & Aufnahme in Deutschland.

    Anzunehmen ist jedoch, dass nun auf der “Identitätsausweis”, den er mit dem Reader´s Digest aus seinen verstreuten Werken und seinem publizistischen Wirken mit den “euphorisch-melancholischen Grenzgängen des Anti-Helden Franz Schuh” bei Zsolnay vorstellt (wie er sich selbst rezensierend dort gleich zum Eingang beschreibt), ein durchlüftendes Vergnügen für nur die leidenschaftlichsten Literaturliebhaber bleiben wird, die wissen (aufgrund seiner “deutschen Kolumnen“ über Taschenbücher in der “Zeit“ und Krimis in “Literaturen“), dass Schuhs solitäre essayistische Arbeiten, in denen er fast immer sich selbst Montaignehaft zur Startrampe (& nicht selten zum Zielpunkt) macht - was ebenso bescheiden wie eitel sein mag, aber dennoch meistens triftig ist, intelligent immer, witzig oft - “wundersame Überraschungen bereit” halten, wie er in aller Bescheidenheit, die wir Deutschen von Österreichern kennen, zurecht behauptet.

    Essayistische Selberlebensbeschreibungen

    Die “Überraschungen”, die einem Schuhs Prosatexte (& manche seiner Gedichte) bereiten, beruhen darauf, dass die ihnen jeweils fett voraus gestellten Titel wie z.B. “Im Museum der Wahrnehmung”, “Geld oder Leben” oder “Die toten Augen von London” wenig oder nichts von dem annoncieren, was Schuh dann im Folgenden reflektierend, erzählend, pointierend um- oder auch beschreiben wird; zum einen, weil dieser Liebhaber des Halbschattens und der um- und um gewendeten intellektuellen Ambivalenz zumindest hier keine Themen bloß vielseitig betrachtet oder gar erschöpfend “abhandelt”; zum anderen, weil er allermeist die gedanklichen Ausschweifungen autobiografisch unterfüttert und damit eine essayistische Form sucht und (wenn auch nicht immer glücklich, so doch häufig) findet, in der das Anekdotische die Abstraktion des Gedankens ebenso schärft wie mit Leben & Anschauung farblich sättigt, nicht zuletzt durch einen oft plötzlich hervorbrechenden Humor, dem satirische Wut- & (gelegentlich kalauernde) Witzanfälle blitzende Glanzlichter aufsetzen.

    Das womöglich kurioseste Stück dieser autobiografischen Erzählreflexionen ist Schuhs “Erlebnis mit Jandl”. In dessen Verlauf wird der Autor, der Ernst Jandls letzte ebenso obszöne wie blasphemische Gedichte bei sich hat und sich darüber seine weitreichenden Gedanken macht, auf offener Straße von der Wiener Polizei mit vorgehaltener Waffe an die Wand gestellt, weil man das auffällige Schwergewicht mit einem flüchtigen Verbrecher verwechselt, was Schuh zu einer oft von ihm reflektierten (& gelebten) Beziehung zwischen Schreiben & Leben nutzt.

    Angst, Wut, Ekel, Neid, Langeweile sind nicht gerade übliche Themen und Gegenstände des klassischen Essayismus; aber in der “Endlosschleife” seiner grantlnden “Selbstgespräche” - und nichts anderes als dies sind Franz Schuhs Gemüths- & Gedankenergötzungen unter seiner Hirnschale - treten sie motorisch auf: als nachhaltige Ingredienzien der Erlebniswelten eines Einzelgängers und einer Randexistenz, die “versucht, mit dem Leben fertig zu werden”.

    Es wäre absurd, wollte man resümierend versuchen, Franz Schuhs vielfältigen gedanklichen Grenzverkehr mit Menschen, Landschaften, Städten, Beisln und Caféhäusern - aber auch mit Büchern, Autoren oder Stimmungen und Haltungen - auf einen Punkt zu bringen. Er tut (kann & will) es ja selbst nicht.
    Fast immer aber sind die (Um)Wege, die er essayistisch geht, interessanter, weil “abwegig”, will sagen: überraschender, als die oft banalen (Ab)Schlüsse seiner Selbstgespräche, die dann einen faden Beigeschmack hinterlassen. Musikalisch gesprochen: eine konventionelle Coda folgt einer aufregenden, elaborierten “Durchführung” des gedanklichen Materials. Und das nicht etwa, weil seine Essays zu keinem schlüssigen Ergebnis kommen - was der offenen Form des Essays ohnedies widerspräche -, sondern weil die Arbeiten zuletzt nicht mit einer aphoristischen Pointe oder einer unerwarteten Überlegung schließen, die rätselhaft & provozierend den Leser zum Selberweiterdenken animiert.

    Zuvor aber war man doch oft erheitert, irritiert und listig belehrt worden, so dass man höchst zufrieden und beglückt als nachlesender Zuhörer von Franz Schuhs eigenartigen Kopfgeburten und Seelenwanderungen quer durch seinen österreichischen Alltag teilgenommen hatte. Eine angenehmere Unterhaltung als mit diesem intelligenten, erfahrungsoffenen, kenntnisreichen Kopf findet man in der deutschen Gegenwartsliteratur nicht.

    Wolfram Schütte


    Franz Schuh: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche.
    Essays.
    Zsolnay, Wien 2006
    411 Seiten, 24.90 ¤

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