TITEL kulturmagazin
Donnerstag, 30. März 2017 | 06:55

 

Anna Katharina Hahn: Sommerloch

18.02.2004

 



Aus dem rauen Großstadtleben





 

Anna Katharina Hahn ist eine nette, junge Frau, die böse Geschichten erzählt. Nicht in dem Sinne böse, dass wir Mördern und Unholden bei ihrer Arbeit zuschauen; sondern in dem wir Menschen begleiten, die auf ihrem Lebensweg immer mehr ins Stolpen geraten; wobei sich das Mitleid der Schöpferin ob ihrer Schützlinge eher in Grenzen hält: Zwölf dieser Geschichten liegen jetzt in gebundener Form vor. Sie tragen knappe Titel wie "Angeber", "Körperschmuck" oder "Weiberwirtschaft" und berichten bis auf eine Ausnahme vom rauen Leben in der Großstadt.
Geboren wurde Anna Katharina Hahn an ganz anderer Stelle, im süddeutschen und von Weinbergen umgebenen Städtchen Ruit. Später verschlug es sie nach Hamburg. Hier blieb sie, studierte Germanistik und Anglistik, übte sich im Schreiben - und Hamburg zeigte sich ob ihrer erworbenen Fähigkeiten dann auch im vergangenen Jahr erkenntlich: Anna Katharina Hahn erhielt den Förderpreis für Literatur der Hamburger Kulturbehörde.

Es sind immer wieder ihre genauen Alltagsbeobachtungen, die mittels eines unaufdringlichen Realismus betören: Ob sich da eine Frau im Schwimmbad unter der Dusche mit einem halben Liter aprikosenfarbenen Shampoo einseift oder ein Mann die Handtasche seiner Geliebten hastig durchsucht - präzise und unbarmherzig wird noch die nebensächlichste Bewegung registriert, auf dass sich der Vorhang für ein kleines menschliches Drama hebt.
Als Kulisse mag man sich eher die schmucklosen Backsteinbauten der Stadtteile vorstellen, in denen Arbeiter, Angestellte und ihre Hausfrauen ihre Zeit verbringen, denn die großbürgerlichen Wohnungen entlang der berühmten Isestrasse oder die bemüht wildgestalteten Unterkünfte des Medienvolkes in den üblichen Szenevierteln. Überhaupt ist es nicht ihre Sache, sich mit denen zu beschäftigen, die sich selbst für den Mittelpunkt der Welt halten. Ihre Mühseligen und Beladenen schleppen sich an Billigsupermärkten und Sonnenstudios vorbei, sie bemühen auch schon mal nach dem Mittagessen das Fernsehprogramm: Arbeitslose, alleinerziehende Mütter, Männer in Cordsamthosen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Sie trinken Bier aus Dosen und wenn es mal eine Party gibt, dann nicht, weil man nicht weiß, wohin mit seiner guten Laune. "Es sind keine Rebellen, es sind die Leute, die die Arschkarte gezogen haben. Auch wenn sie es erst nicht merken.", so skizziert Anna Katharina Hahn im Gespräch ihre Helden.

Jede Mutmaßung, dass, was sich an Obskurem und Intimen vorzugsweise zwischen Männern und Frauen vollzieht, könnte ihren eigenen Lebenserfahrungen entsprungen sein – eine Unterstellung, die ihr von Zeitungsreporterinnen gerne und süffisant gestellt wird -, weist sie entschieden zurück: "Ich schreibe nicht autobiografisch. Um es flapsig zu sagen: Es ist alles ausgedacht." Wobei sie selbstkritisch anmerkt, dass ihr die Geschichten, in der ein männlicher Held durchs Leben stolpert und aus seiner Sicht der Dinge berichtet, vielleicht am besten gelungen sind.
Immer wieder inspirierte sie auch der Lesestoff, den ihr Kollegen hinterlassen: "Der Boden, auf dem ich stehe, besteht aus all den Papieren, die ich gelesen habe." Lesen und immer wieder lesen, sich von Büchern begeistern lassen, das ist neben der Beobachtung ihrer Alltagsmitmenschen die zweite Inspirationsquelle der studierten Mediavistin, die sich beruflich mit mittelalterlichen Handschriften beschäftigt. "Die wenigsten haben bemerkt, dass in meinen Geschichten hier und dort mittelalterliche Motive auftauchen." Dies ist am offensichtlichsten in der Story "Ihr Tag", eine ganz jetztzeitige Version des altfranzösischen Melusine-Stoffes - nur dass der Graf ein Schuhverkäufer ist und die Meerfee in einem Geschäft Fische verkauft.

Doch auch scheinbar profane und unliterarische Quellen werden von ihr genutzt: die Seiten in den Tageszeitungen mit den Überschriften "Vermischtes" oder "Aus aller Welt" etwa. Dort fand sie eines Tages eine schmale Notiz über einen Kater, der von einem Nachbarn kastriert worden war, als sein Besitzer im Urlaub weilte. Hahn schmiedete daraus die Erzählung "Saft und Kraft" - ein ebenso sarkastisches wie düsteres Protokoll darüber, wenn mit dem Einzug eines neuen Hausbewohners das über Jahre eingeübte Verhältnis zwischen alteingesessenen Nachbarn aus dem Gleichgewicht gerät.
Demnächst wird sie ihre Promotion abschließen - über spätmittelalterliche Historienbibeln. Und dann wird sie weiter über ihren im Entstehen begriffenen Roman brüten. Noch aber genießt sie ihr Debüt, ein Buch, auf das sie selbst stolz ist . Die Zusammenarbeit mit ihrem Verleger Mirko Schädel vom kleinen, aber feinen Achilla Presse Verlag muss sehr eng und außergewöhnlich gewesen sein, denn sie gerät darüber immer noch ins Schwärmen: "Wann hat man das schon mal, dass man sogar auf die Gestaltung des Umschlages Einfluss nehmen kann?" Und der zeigt, wie die Sonne mitten am Tag vom Mond verdeckt wird, von ihr bleibt nur ein schmaler, greller Schlitz. Man weiß gar nicht: Soll es wieder hell werden oder besser dunkel bleiben?


Frank Keil-Behrens


Anna Katharina Hahn: Sommerloch. Achilla Presse, 143 Seiten, 29,80 DM

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