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Zsusanna Gahse: Instabile Texte

27.03.2006

Die Unbestimmtheit der Wörter

Nichts ist statisch in den Instabilen Texten von Zsuzsanna Gahse: im Hin und Her zwischen Orten und Sprachen passen sich die Figuren wie die Wörter immer wieder in neue Umgebungen ein, ohne dabei in festen Formen oder Meinungen zu erstarren.

 

Schon durch ihre Biografie scheint Zsuzsanna Gahse, der in diesem Jahr der Adelbert-von-Chamisso-Preis verliehen wurde, prädestiniert dazu, ein Buch mit dem Titel „Instabile Texte“ zu schreiben: geboren 1946 in Ungarn, später in Österreich, Deutschland und der Schweiz wohnend, als Übersetzerin zwischen den Sprachen lebend, ist ihr Leben geprägt durch die Erfahrung des Unbeständigen. Migration, Reisen und Veränderung sind denn auch die Themen, die bei der ersten Lektüre der „Instabilen Texte“ ins Auge springen. Das Oxymoron des Titels (Texte, die – anders als die flüchtige mündliche Rede – dauerhaft und fest gefügt sind, scheinen im Gegensatz zur Instabilität zu stehen) spiegelt sich in den kurzen Prosastücken dieses Bands in der Verbindung von geographischer Fixierung und unaufhaltsamen Wandel wider: eine einleitende Gedankensammlung zum Altern Europas, die „Kleine instabile Ortskunde“, das „Licht-Logbuch“, das auf atmosphärischen Veränderungen am Zuger See basiert, eine Fahrt durch den Kanton Aargau und ein Flug über den Bodensee und schließlich die Stadt Lausanne, die für ein Liebespaar Durchgangsstation, nicht aber Zuhause ist.

Der Unterleib der Wasserballspieler
Nachgerade niedlich beginnen die „Instabilen Texte“ mit einem Vergleich der Geographie Europas mit diversem Bachwerk. Der Ton bleibt auch im weiteren Verlauf des Buchs oft unbeschwert, mal etwas abstrakter, mit mal mehr, mal weniger gelungenen Sprachspielen, jedoch stets unaufgeregt. Beinahe unmerklich bricht diese gelöste Stimmung an einigen Stellen jäh auf, eine leichte Andeutung gibt den Blick frei auf menschliche oder gesellschaftliche Abgründe. So heißt es an einer Stelle ganz lapidar: „Europäer wollen geliebt werden, und wenn dieser Wunsch nicht erfüllt wird, gibt es Kriege. Dieser Wunsch wird nicht erfüllt.“ In anderen Texten ist vom „entsetzlichen Schweigen“ der Gämsen die Rede oder von Wahlplakaten, die die Erzählerin vergeblich zu ignorieren versucht. Beim Anblick einer Brücke fällt ihr ein, dass man sich „bei gefährlicher Laune von dort oben hinabstürzen wollte“. Das Unwägbare scheint in den „Instabilen Texten“ hinter jeder Ecke zu lauern, die Menschen wirken in ihnen wie Wasserballspieler: ihre Köpfe und Arme ragen aus dem Wasser und leisten ihren Dienst, unter der Oberfläche aber strampeln sie krampfhaft, um sich über Wasser zu halten, ohne festen Grund in einer Gesellschaft, in der alles mobil ist.

Der Zuschauer als Erfinder
Die Prosa Zsusanna Gahses besteht aus kurzen Textbausteinen, für die jedoch der Bauplan fehlt, um daraus ein geschlossenes Gebäude zu konstruieren. Die Handlung wird nicht linear erzählt, sondern wirkt wie in kleine Fragmente zerschnitten und neu zusammengestellt: so schlendert etwa die Ich-Erzählerin zu Beginn des Prosastücks „Pierre“ bereits mit ihrem Geliebten am Ufer entlang, die Begegnung der beiden wird aber erst später geschildert. Dabei handelt es sich nicht nur um ein rein dramaturgisches Stilmittel, denn eine ursprüngliche Ordnung lässt sich aus diesen Fragmenten nicht wieder herstellen. Das Hin und Her zwischen Orten und Zeiten, zwischen Handlung und gedanklichen Abschweifungen führt zu Brüchen, Faltungen, Inkohärenzen. Dabei ist die Prosa Zsuzsanna Gahses präzise konstruiert: in den beiden abschließenden Texten tauchen gelegentlich Passagen aus anderen Teilen des Buchs auf, wodurch die „Instabilen Texte“ miteinander verzahnt werden, sich aber trotzdem nicht zu einem stabilen Gebilde verhärten. Man mag diese verschlungene Schreibweise psychologisierend als Widerspiegelung einer Gedankenform sehen, ein Knäuel ohne Anfang und Ende, analog der Brezel oder der Schlinge bei Paul Wühr, wobei man von einer Mimesis zweiter Ordnung sprechen könnte. Vor allem aber lädt sie dazu ein, sich selbst bei dem Versuch, die Verstrickungen von Zsuzsanna Gahses Prosa zu entwirren und deren leises Flüstern zu verstehen, als Geschichtenweiterschreiber auf die Schliche zu kommen. Dann scheint durch, wie das „zu zweit“ im Untertitel der „Instabilen Texte“ auch verstanden werden kann: „die Zuschauer müssen erfinden, was geflüstert wurde, und sie müssen es für sich übersetzen.“

Carsten Schwedes


Zsusanna Gahse: Instabile Texte. zu zweit.
Mit 6 Textzeichnungen der Autorin
Edition Korrespondenzen 2005.
Gebunden. 142 Seiten. 18,50 Euro.
ISBN 3-902113-41-3

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