TITEL kulturmagazin
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Maartent Hart: Concerto russe

18.02.2004



Hohe Schule

In einem Auswahlband mit Erzählungen stellt Maarten 't Hart seine brillante Erzählkunst unter Beweis.



 

Acht Erzählungen, nein, nicht neu, sondern ausgewählt aus bereits erschienenen Erzählbänden des niederländischen Autors. Acht Erzählungen, in denen es einem fast weihnachtlich warm ums Herz wird: da ist viel Lokalkolorit, na klar, da erzählt ja auch jemand aus der Kleinstadt, in der er geboren wurde und aufwuchs. Das fotografische Gedächtnis wird umgesetzt in brillante Erzählkunst und die liest sich manchmal so wie ein Tagebuch, manchmal wie ein Brief an einen Freund, oder ist einfach die Sammlung aller Erinnerungen, um keine je zu vergessen. Auf jeden Fall stets so, dass man die nächste Geschichte schon gar nicht mehr abwarten kann.

Oft sind es die Fragen, die einen heranwachsenden Jugendlichen beschäftigen: „Weshalb sterben Menschen, wenn sie alt sind...?“ fragt sich Maarten als kleiner Junge, damals, als er in der Kirche sitzt, stets neben Quack, dem alten Mann, der ihm Pfefferminzbonbons gibt. „Eine Predigt dauert ungefähr sechs Pfefferminzbonbons.“

Wunderbar auch jene Geschichte über den umstrittenen Pfarrer, der nicht nur mit dem Rennrad zur Kirche kommt, sondern auch schon mal an der Theke ‚hängt‘. „Er konnte die Hölle so beschreiben, dass man die Kirche mit Brandblasen verließ.“ Aber auch bei den Damen bricht plötzlich große Frömmigkeit aus. „Wenn die Frauen 'Ein Name nur ist unsere Hoffnung' sangen, dachten sie nicht an Christus, sondern an den Pastor.“ Der Coca- Cola- Mann der Kirche.

Lebenswärme, Klugheit, Witz
Exakt, als setze er Akupunkturnadeln, beschreibt Maarten 't Hart jene liebenswerten Schwächen, Ausrutscher und Andersartigkeiten, allesamt ja so menschlich, aber unverzeihlich in einer kleinbürgerlichen Gesellschaft. Egal, was es ist, die hohe Politik, die alles beeinflussende Religion, die Gesetze kleinstädtischer Spießigkeit, jene fast schon genetisch angelegte Schlitzohrigkeit Alteingesessener und Familienangehöriger, oder Sehnsüchte und Träume eines Heranwachsenden - auf ganz familiäre Weise wird es zum Thema, manchmal auf Umwegen und das macht den Liebreiz und die Leichtigkeit der Erzählungen aus: „Dame spielen ist Demokratie, alle Steine sind gleich. Schach spielen ist Aristokratie, da gibt es einen König, da gibt es Fußvolk.“

Sahnehäubchen zum Schluss
Alle sind sie überaus lesenswert, die ersten sieben Geschichten, voller Lebenswärme, Klugheit, Witz, voller Erinnerungen, die die alten Tage in dem niederländischen Städtchen wieder wach werden lassen. Aber die achte Geschichte, sie ist die feinste. „Concerto russe“, diese Geschichte eines jungen Mannes, der irgendwann auf einem Spaziergang aus einem Haus Auszüge eines Violinkonzertes hört und diese Klänge nicht wieder los wird: „Solche Musik, etwas so Unglaubliches. Von wem konnte sie sein?“ Er überlegt, fragt, sucht, recherchiert, irgendwann wird die Suche zur Besessenheit, irgendwann führt die Suche zu einem alten Mann und einer besonderen Freundschaft. Multimedial wird sie präsentiert diese Erzählung, ein Leseerlebnis der besonderen Art, denn es ist ein absoluter Genuss, parallel dazu auf der beiliegenden CD jenen Violinklängen zu lauschen, die den Geschichtenerzähler so fesseln. Beeindruckt und in Bann gezogen kann man dann das Lesen eigentlich auch ganz einstellen und der einnehmenden Stimme Christian Brückners zuhören, der auf der CD vom Concerto russe umrahmt wird.

Barbara Wegmann


Maarten `t Hart: Concerto russe. Arche Verlag, 189 Seiten, 15 ¤. ISBN: 371602323X

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