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Hartmut Lange: Der Wanderer

03.12.2005

Meister der Leerstellen

Hartmut Lange hat die Geschichte einer Verstörung gekonnt in Szene gesetzt, indem er seinen Protagonisten das Entscheidende verfehlen lässt.

 

So zu schreiben, dass bedeutsam erscheint, was gerade nicht geschrieben steht, ist eine Kunst, mit der Hartmut Lange bereits ausgiebig Erfahrung gesammelt hat. Seit 1983 legt er nun fast jedes Jahr eine Novelle vor, 20 sind es mittlerweile, und ein Ende scheint nicht absehbar. Erfolg und Anerkennung im In- und Ausland sind ihm, dem gelernten Dramatiker, beschieden, und es dürfte auch kein Zufall sein, dass er sich auf die Novellenform kapriziert, die er immer wieder mit neuem Leben zu füllen versteht. Wie auch in seiner jüngsten Novelle Der Wanderer.
Die Geschichte ist einfach erzählt: Matthias Bamberg ist ein erfolgsverwöhnter Schriftsteller, der mit seiner Frau in einer Berliner Altbauwohnung lebt, aber unvermutet aus diesem scheinbaren Idyll herausbricht, denn plötzlich verliert er sich stundenlang in der Beobachtung einer Rauchsäule, die auf einem gegenüberliegenden Dach vor dem Fenster seines Arbeitszimmers aus einem Rohr steigt, fragt sich besorgt, was das Räuspern seiner Frau zu bedeuten habe und glaubt in der Nacht Möbelrücken aus der oberen Wohnung zu hören. Sein Motto „Hinter den harmlosen Dingen lauert das Entscheidende“, bezeichnet, worum es Bamberg geht: Die Suche von Wirklichkeit und Identität hinter den Dingen der Erscheinung, was ja ein philosophisches Problem ist und sich spätestens seit Platon durch die Philosophiegeschichte zieht.

Vergebliche Suche nach der Wirklichkeit hinter den Dingen
In "Der Wanderer" erzählt Lange exemplarisch von dem Scheitern dieser Suche, denn Bambergs Bemühungen, den einfachen Dingen auf den Grund zu gehen, ihnen Bedeutung zu verleihen, erscheint aussichtslos und führt langsam aber sicher in eine Verstörung hinein. Als ihn dann noch seine Frau verlässt, bricht sein altes Leben gänzlich zusammen, und als er ihr schließlich nach Kapstadt folgt, um sie zu suchen, wird auch diese Suche hoffnungslos. Am Ende sitzt Bamberg mit leerem Tank seines Jeeps im afrikanischen Busch, wo sich seine Spuren allmählich verlieren.
Hartmut Langes Erzählkunst erzeugt eine melancholische Atmosphäre, die den Leser gekonnt durch die Geschichte führt. Amüsant und etwas verspielt wirkt dagegen die Spiegelung zwischen Autor und Protagonist, die das neue Buch erzeugt, an dem Bamberg schreibt und natürlich „Der Wanderer“ heißt. Sprachlich wird die vergebliche Suche nach der Wirklichkeit, die hinter der vordergründigen Wirklichkeit steht, durch die Bedeutung der Leerstellen jenseits der geschriebenen Sprache in eine Verstörung übersetzt, die sehr überzeugt und ein wunderbar herbstliches Leseerlebnis generiert.

Frank Kaufmann


Hartmut Lange: Der Wanderer. Novelle. Diogenes 2005, 117 S., 17,90 Euro. ISBN: 3-257-06480-2

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